Porträt
Dieter Gorny: Der Geschäftsmann mit der Künstlerseele

Der 46-jährige Vorstandschef der Viva Media AG gilt als Freund großer Worte und redet gern über seine Ideen. An der Börse stoßen seine Visionen allerdings noch nicht auf Gegenliebe.

HB DÜSSELDORF "Der Dieter". So nennen ihn seine treu ergebenen Mitarbeiter in der Kölner Viva-Zentrale. "Der Dieter" also gibt sich gerne familiär. Mal wird er als Vater des Musikfernsehens in Deutschland tituliert, mal als Vater der weltgrößten Musikmesse Popkomm. Er selbst nennt seine Projekte "Kinder" und seine Vertrauten Brüder.

Seit vorigen Mittwoch hat die von Dieter Gorny propagierte Zugewinnsgemeinschaft beim Kölner Musiksender Viva ein neues Familienmitglied. "Jetzt ist unser Baby da", frohlockte der 46-Jährige Boss, als die Viva-Aktie startete. Doch im Gegensatz zu anderen Neugeborenen am Neuen Markt fällt das Viva-Kindchen nicht durch eine sonderlich lebhafte Art auf: Der Kurs dümpelt seit einer Woche standhaft knapp unter dem Ausgabekurs.

Die Skepsis der Anleger kann Gorny überhaupt nicht verstehen. Entwirft er doch als Vorstandsvorsitzender der Viva Media AG ständig neue Geschäftsideen, die den Musiksender zur führenden Jugendmarke in Punkto Musik und Medien machen und der Börse damit die nötige Story liefern sollen.

Passend zur Popkomm im August will Gorny sein nächstes "Baby" präsentieren: die Internet-Ausgabe von Viva, für die bislang eine auf Kommerz zugeschnittene Strategie fehlte. Nun will Gorny das Viva-Programm ins Netz stellen, die Stars sollen nach den Sendungen in Chatrooms mit den Fans plaudern, Platten sollen bestellt werden können und obendrein gibts Viva künftig als Radio im Internet.

Die Ideen des Viva-Chefs kommen spät - wie beim Internet-Auftritt - aber sie kommen. Und am liebsten spricht Gorny über sie. Er liebt die großen Worte, und er versteht es, auch mal Rauchbomben in der Öffentlichkeit zu zünden. Dann erzählt der Geschäftmann mit der Künstlerseele von seinen Projekten, doch lässt bis zuletzt offen, wann und wie er sie umzusetzen gedenkt.

Gorny ist Viva und Viva ist Gorny. "Ohne mich läuft doch hier gar nichts", so zitiert ihn ein ehemaliger Mitarbeiter. Gorny haut gern auf den Putz, manche werfen ihm sogar Selbstüberschätzung vor. Er bevorzugt die Verkündung guter Nachrichten, die schlechten lässt er lieber seine Leute aus der zweiten Reihen bekannt geben. Und wenn er doch ran muss, dann vermag er selbst Niederlagen gut zu verkaufen.

Der frühere Wuppertaler Musikdozent und heutige Porschefahrer hat es auf jeden Fall weit gebracht. Gorny gründete 1989 die Popkomm und machte aus dem urigen Treffen von ein paar nordrhein-westfälischen Musikfreaks die weltgrößte Messe für die Musikindustrie, die alljährlich in Köln stattfindet.

Ähnlich Herausragendes gelang ihm bei Viva: Aus dem anfänglich chaotischen Haufen enthusiastischer Fernseh- und Musikfans machte er seit seinem Amtsantritt 1993 ein börsenfähiges Unternehmen. Gorny ist der Macher, der "Pate des Pop" - solche Titel gefallen dem Viva-Chef.

Seine wilden Zeiten sind längst vorbei. Jetzt ist Seriosität angesagt. Gorny hat sich die standesgemäßen langen Haare aus den Tagen als Musiker und Musikdozent abschneiden lassen und muss nun öfters den Anzug aus dem Kleiderschrank nehmen. Ohnehin: Seit dem Börsengang hat sich nach Auskunft von Viva-Mitarbeitern beim ganzen Sender die Zahl der Schlipsträger deutlich erhöht.

Mit dem Erwachsenwerden von Gorny und Viva geht auch die Familientradition des Senders verloren. Vor Jahren kannte Gorny die Mitarbeiter persönlich. Jetzt läuft er durch die Büros im Kölner Mediapark und ihm sind nur noch die Altgedienten geläufig: die Expansion, gepaart mit den Massen von Praktikanten bei Viva, ist daran Schuld.

Ob bekannt oder unbekannt, die Viva-Leute müssen ihrem Chef ergeben sein. Seinem Einfluss können sich nur wenige entziehen, stets behält er die Kontrolle. Ernsthafte Konkurenten im eigenen Haus lasse er erst gar nicht aufsteigen in der Viva-Hierarchie, erzählt ein früherer Viva-Mitarbeiter.

Gornys größte Konkurrenten machen sich über seine Wandlung zum parkettfähigen Manager lustig - so etwa Christiane zu Salm, die Deutschland-Chefin des Musiksenders MTV. Von der unterscheidet ihn vor allem eins: Die knallharte Art als Geschäftsmann, die Gorny zuweilen beweist.



Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%