Porträt
Ein Zivilist im Kampfanzug

Die Lohnrunde im öffentlichen Dienst wird hart, besonders für Verdi-Chef Frank Bsirske. Vieles spricht für einen Streik. Der unkonventionelle Gewerkschafter gibt sich unversöhnlich in der Auseinandersetzung - ein Darling riskiert es, zum Buhmann in der Öffentlichkeit zu werden.

An diesem frühen Morgen hat der Zivilist Frank Bsirske seinen Kampfanzug angelegt, auch wenn der nur aus Cord ist. "He, he, he" feuern ihn die Arbeiter am Düsseldorfer Flughafen an, und er, der eben noch geschlendert ist, strafft sich, ballt die Faust und härtet die Wangenmuskeln, bevor er zum Mikro greift. Blechern scheppert die Stimme des Verdi-Chefs durch die Abflughalle C: "Dieser Winter kann hart werden", sagt sie. Sie redet davon, dass drei Prozent mehr Lohn drin sein müssten, nach Jahren des Verzichts im öffentlichen Dienst. Und sie droht: "Wenn die Arbeitgeber das nicht verstehen, werden wir den Laden dichtmachen." Beifall. Danke, Gewerkschaftsführer.

Frank Bsirske ist mittelgroß und 50 Jahre alt. Sein Haar trägt er wuschelig, um die Augen herum spielen Lachfalten. Er ist der Typ Mann, zu dem Frauen manchmal liebevoll "Bärchen" sagen. Er liest gerne, in seinem Büro im zehnten Stock am Potsdamer Platz hängt nicht das Porträt eines Arbeiterführers, sondern ein Druck des italienischen Komponisten Giuseppe, klar, Verdi. Politologe ist er, nicht Facharbeiter. Beiträge zahlt er an die Grünen, nicht an die SPD. Er trinkt (meistens) grünen Tee statt Bier, er ist ein zivilisierter Linker, keiner der traditionellen Gewerkschafter, die erst umgeben von Gelsenkirchener Barock so richtig aufleben. Und wer ihn nicht neben den in rot-weißen Plastiktüten eingewickelten Verdi-Leuten gesehen hat, würde ihn eher an einer soziologischen Fakultät vermuten oder sonst wo, wo Intelligenz mehr zählt als Härte.

Wie passt das zusammen? "Ha", lacht Herbert Schmalstieg, "Frank Bsirske ist ein Realo." Er tue, was sein Amt erfordere. Schmalstieg, Oberbürgermeister von Hannover, war einmal der Chef des früheren Personaldezernenten Bsirske, damals ein Reformer in der Verwaltung. "Das ist jetzt ein Spagat für ihn. Er kennt die Situation der kommunalen Finanzen, auf der anderen Seite sieht er, dass er seine Organisation im Griff halten muss." Bsirske sei kein Ideologe. "Er wäre auch ein erstklassiger Arbeitsdirektor eines großen Unternehmens." Und er könnte hohe politische Ämter ausfüllen. Schmalstieg, SPD, mag Bsirske: "Er hat mich nie hinter die Fichte geführt", außerdem habe er sich "persönlich durch seinen neuen Job nicht verändert."

Man findet überhaupt wenig Leute, die persönlich etwas gegen Bsirske haben. Richtiger gesagt: Man fand wenige, die etwas an ihm auszusetzen hatten, vor der Tarifrunde, vor den geballten Warnstreiks, vor der bösartig geführten Debatte um die Vermögensteuer. Nach seiner Wahl zum ÖTV-Chef im Herbst 2000 beschrieb ihn sogar die "Welt" als "Lichtgestalt". Hier, so wurde vermerkt, kam kein Apparatschik, der seine Positionen dekretiert. Bsirske will verstanden werden.

Erst wenn das nicht klappt - so wie in der Frage der Vermögensteuer -, dann nimmt er sichtbar seinen Klassenstandpunkt ein, wie man früher gesagt hätte. "Ich frage mich, welche verzerrte Realitätswahrnehmung produzieren hier interessierte Kräfte im Lande", sagt er und nennt wieder die Namen der Verlegerfamilie Holtzbrinck (der das Handelsblatt gehört), der BMW-Eigentümer Quandt und der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

Er stellt die Reichen an den Pranger, um mehr Geld für seine Klientel zu bekommen. "Wir akzeptieren nicht das Diktat der leeren öffentlichen Kassen", ruft er am Flughafen und fasst nach: "Der Verzicht auf die Vermögensteuer ist eine Form der Sozialhilfe auf allerhöchstem Niveau für eine bestimmte soziale Gruppe", agitiert er in die Reihen der Gepäckarbeiter hinein.

Dass das nicht jedem gefällt, nimmt er in Kauf. Zum Beispiel, dass es Roland Koch nicht gefällt, so wie vergangenen Donnerstag, als der Ministerpräsident im hessischen Landtag aus der Haut fuhr und den Umgang mit Reichen in Deutschland mit der Behandlung von Juden im Dritten Reich verglich. Fünf Stunden später greift Bsirske das Fax, das ihm eine Mitarbeiterin reicht, beugt sich vor auf seiner Ledercouch und liest langsam, Zeile für Zeile, das Papier mit dem Briefkopf des Ministerpräsidenten, das seinen Weg nach Berlin gefunden hat. Danach schaut er vom Blatt auf, blau sind die Augen und ein bisschen kalt in diesem Moment, wie draußen der Wintertag. Roland Koch, so zitiert Bsirske, entschuldige sich bei ihm.

"Das berührt mich persönlich nicht", sagt er. "Aber ich finde es fatal für die Qualität der politischen Diskussion, wenn hier mit Nazivergleichen gearbeitet wird." Dass die Zurückhaltung gespielt ist, lässt er sich erst eine halbe Stunde später anmerken, als seine Frau auf dem Mobiltelefon anruft. Sie ist empört, fragt, ob denn Koch noch alle Tassen im Schrank habe. Bsirske grinst ins Telefon.

Der Verdi-Chef vertritt seine Interessenpolitik knallhart, daran lässt er weder auf der Straße noch in Konferenzräumen Zweifel. Für ihn geht es in dieser ersten großen Tarifrunde für Verdi um sehr viel. Er antwortet auf die Frage, ob das Risiko hoch sei, zumal er selbst die Verhandlungsführung übernommen habe, schlicht mit: "Ja."

"Ich finde es richtig, dass er sich nicht versteckt, aber wer sich an die Spitze stellt, der steht auch im Sturm", sagt der mächtige nordrhein-westfälische Bezirkschef Hartmut Limbeck. Der frühere ÖTV-Mann war einer derjenigen, die sich lange gesperrt haben gegen die Fusion zur Dienstleistungsgewerkschaft. Jetzt sagt er, er könne sich überhaupt nicht vorstellen, "wie Verdi zusammenwachsen kann, wenn Bsirske nicht mehr da wäre". Tatsächlich scheint der seinen Laden mit den noch gut 2,7 Millionen Mitgliedern im Griff zu haben - auch dank Arbeitstagen regelmäßig zwischen 14 und 20 Stunden. Ein Termin morgens um 6.30 Uhr bei ihm ist, wie eine DGB-Gewerkschafterin aus eigener Erfahrung erzählt, nichts Ungewöhnliches.

Aber was ist, wenn die Tarifrunde aus Verdi-Sicht schief geht, wenn die Null der Arbeitgeberseite und die 3 plus x der Gewerkschaft nicht irgendwo oberhalb der Mitte zusammenkommen? "Keine persönlichen Fehler unterstellt - dann werden wir gemeinsam die Wunden lecken, aber ich glaube nicht, dass es ein Problem für Frank Bsirske wird", sagt Limbeck und erzählt im gleichen Atemzug vom Jahr 1992, als ÖTV-Chefin Monika Wulf- Mathies nach einer unglücklichen Tarifrunde deutlich geschwächt war.

Bsirske, früher stellvertretender ÖTV-Bezirkschef in Niedersachsen, kennt die Gewerkschaftsgeschichte genau. Auch zu Heinz Kluncker, dem massigen ÖTV-Vorsitzenden der 60er- und 70er-Jahre, fallen ihm schnell ein paar gut überlegte Sätze ein. "Heinz Kluncker ist ein Mensch mit einer beeindruckenden Lebensleistung. Er ist ein Vorbild in vieler Hinsicht."

Dazu muss man wissen, dass Kluncker 1974 die ÖTV in einen Streik geführt hat, der nicht nur elf Prozent mehr Lohn brachte, sondern auch am Rücktritt des ohnehin angeschlagenen Bundeskanzlers Willy Brandt seinen Anteil hatte. Parallelen zu heute? Bsirske weist sie weit von sich: "Ich leide nicht an Omnipotenzphantasien." Bundeskanzler Gerhard Schröder werde die Legislaturperiode zu Ende bringen, davon sei er überzeugt.

Die beiden Hannoveraner haben keine besonders enge Beziehung. "Mein persönliches Verhältnis zu Schröder ist entspannt. Wir sind in der Lage, offen zu diskutieren", formuliert der Verdi-Chef bewusst diplomatisch. Tatsächlich gehört er - trotz aller Wahlkampfunterstützung - nicht zu den Lieblingsgewerkschaftern des Kanzlers. Das sind der eher pragmatische Hubertus Schmoldt von der Gewerkschaft Industrie Bergbau Chemie und Energie sowie DGB-Chef Michael Sommer. Bsirske, lange von den internen Problemen seiner neuen Gewerkschaft gefangen, ist in Berlin noch nicht richtig angekommen, auch wenn er jetzt mit seiner Frau eine Wohnung in Charlottenburg genommen hat. "Die persönliche Vernetzung ist von hoher Bedeutung. Das könnte noch besser werden", räumt er ein.

Deshalb sieht man ihn immer mal wieder auf Politpartys - am Wahlabend bei der SPD etwa oder jüngst beim Bundespresseball, wo sich viele um ihn drängten und so signalisierten: Hier sitzt ein wichtiger Mann. Doch die stärksten Truppen auch innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion führt weiterhin der Traditionalist Klaus Zwickel von der IG Metall ins Feld. Vor ihm hat Schröder am meisten Respekt; dass Bsirske sich an den IG-Metall-Chef ideologisch anlehnt, macht ihn zu einem starken Mann in der zweiten Reihe, aber zu mehr nicht. Zwickel und Sommer, so erzählt ein Fraktionsmitarbeiter, waren diejenigen, die in der entscheidenden Runde mit Wirtschaftsminister Wolfgang Clement durchsetzten, dass gleicher Lohn für Leiharbeiter bezahlt werden soll.

Zuletzt sind die Gewerkschaftstruppen ohnehin überrumpelt wurden - sei es bei den Minijobs, die ausgeweitet werden sollen, sei es bei der Verlängerung der Ladenschlusszeit, sei es beim Kippen des Projekts Vermögensteuer. "Die Lage", konstatiert Bsirske, "ist derzeit unübersichtlich."

Das gilt für die Politik, für die Tarifrunde gilt es nicht. "Der Frank wird streiken", glaubt ein SPD-Bundesvorstandsmitglied, das ihn auch von Hannover her gut kennt. Bsirske selbst droht vor den Arbeitern am Flughafen mit schneller Urabstimmung und Streik, falls die Tarifverhandlungen heute nicht weiterführen.

Die Rede ist beendet, seine Daumen schnellen nach oben. Die Mimik wechselt zwischen sympathieheischendem Lächeln und grimmiger Entschlossenheit. Er wirft seinen Mantel über den Arm, verlässt das Terminal. Bsirske muss schnell nach Berlin, per Bahn, die Flüge sind wegen des Warnstreiks abgesagt.

In der Halle stehen noch ein paar Hundert Streikende, die meisten im giftgrünen Overall der Gepäckarbeiter. Einer von ihnen ist Roland Witzer, 35, vier Kinder, ein langer blonder Zopf. Er ist nicht beeindruckt. "Reden können die alle gut. Jetzt müssen wir sehen, was rauskommt."

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