PORTRÄT
Fast wie ein alter Kumpel

Fünfzig Minuten bei Präsident Bush, Gespräche mit Notenbank-Gouverneur Greenspan und IWF-Chef Köhler. Edmund Stoiber hat seinen USA-Trip anständig absolviert. Keine Fehler und Überraschungen, viele Allgemeinplätze: Stoiber folgte den Spuren seines Vorgängers Schröder.

Dreißigstes Stockwerk, fast ganz oben. In Edmund Stoibers Augenhöhe liegt die glitzernde Skyline des nächtlichen New York. "Nein", sagt er und tritt einen halben Schritt vom Fenster zurück, "ganz schwindelfrei bin ich nicht. Obwohl ich bei den Gebirgsjägern war."

Als er zwei Tage später den Gästeflügel des Weißen Hauses verlässt, sieht er aus, als würde er gleich abheben. Der Schritt ausgreifend, ein Lächeln um die Mundwinkel, das eigentlich zu einem breiten Grinsen werden will. Edmund Stoiber, 60, geboren, aufgewachsen und politisch gereift in und um München herum, kommt gerade vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, nach 50 von seinen Begleitern handgestoppten Minuten. Und George W. Bush hat ihm nicht nur von Texaner zu Bayer viel Glück für die Bundestagswahl am 22. September gewünscht, er hat ihn fast wie einen alten Kumpel begrüßt, mit Schlag auf die Schulter, gemeinsames Brezelessen nicht ausgeschlossen. "Der Präsident war von großer Herzlichkeit", sagt Stoiber, den kantigen Kopf schief gelegt, in die Kameras und bändigt, ganz Jurist und Politiker, die Gefühle mit Worten, bis daraus Formeln werden: "Es war ein sehr freundschaftliches Gespräch."

Mag sein, dass man sich bald häufiger trifft. Fünf Monate vor der Wahl steht der Kanzlerkandidat der Union glänzend da. Trotz bayerischer Pleiten-Serie samt Kirch-Debakel liegen Stoiber und seine CDU/CSU fünf Prozentpunkte vor der SPD. Schon kursieren Planspiele über die Verteilung der Ministerämter einer künftigen unionsgeführten Regierung in Berlin. Und, ganz nebenbei, scharwenzelt nicht nur die offizielle Delegation um den Herrn Ministerpräsidenten herum. Auch viele der gut 30 Journalisten, die bis Samstag mit ihm in den USA waren, sind von geradezu ausgesuchter Höflichkeit. Man will sich?s ja nicht verderben.

Seltsame Veränderungen sind in den USA zu beobachten. "Was ist mit Stoiber los? Warum lacht der Mann plötzlich?" fragt Craig Kennedy, Präsident des Marshall-Funds und Deutschland-Kenner, als er den Kandidaten in der deutschen Botschaft beobachtet.

Edmund Stoiber hat dazugelernt. Er ist beinahe locker geworden. Jetzt steht nicht nur hin und wieder ein Glas Bier neben dem Ministerpräsidenten, manchmal trinkt er sogar daraus. Außergewöhnlich verkrampft wirkte er in den letzten Monaten oft, etwa auf Wahlkampfreisen in den neuen Ländern. Er war nicht mehr der alte, und den neuen Stoiber hatte er noch nicht gefunden. Dazu gehört, auch wenn das Thema nicht unbedingt wahlentscheidend ist, der Außenpolitiker.

Kann der Mann Deutschland repräsentieren? Der Stoiber, der der EU und den neuen Ländern möglichst wenig gönnen wollte? Der vom Euro nichts hielt? Der personifizierte FC Bayern? Fragt man ihn, ob er nicht manches falsch gesehen habe, antwortet er, er habe schließlich die Interessen seines Bundeslandes zu vertreten gehabt. Jetzt wolle er für ganz Deutschland sprechen, da verschiebe sich manches.

Stoiber hat sich gut vorbereitet. Wenige Tage vor dem Flug kamen Amerika-Kenner in die Staatskanzlei. Jeff Gedmin, der Leiter des Aspen-Instituts in Berlin, riet ihm, "in den prinzipiellen Fragen glasklar" zu sein; dann könne er auch weich in den Details sein. "Die Bush-Regierung will wissen: Wo steht er?" Dies zu beantworten war Stoibers Job - dafür gab?s einen kurzen Auftritt auf der Weltbühne, der die deutsche Heimat von der Bedeutung des Kandidaten überzeugen sollte.

So sagt Stoiber immer wieder, die Pflege der transatlantischen Beziehungen liege in der Staatsräson Deutschlands. Er legt sich nicht auf die skeptische Haltung der Europäer (inklusive der deutschen Bundesregierung) zu möglichen Angriffen der USA auf den Irak fest. Stattdessen spricht er davon, dass es offenbar eine unterschiedliche Wahrnehmung der "Bedrohungsdichte" durch den Irak gebe und dass man daran in Gesprächen arbeiten müsse. Mit keinem Wort unterstützt der CSU-Chef den Fischer-Plan für einen Nahost-Frieden, sondern betont, dass es in dieser Frage auf die USA ankomme. Stoiber sichert zu, die deutschen Verteidigungsausgaben zu erhöhen, und er ist sich mit Bush einig, dass man mit Russland noch stärker zusammenarbeiten wolle. Keine Fehler, keine Überraschungen, viele Allgemeinplätze - so hatte es vor vier Jahren schon der Kanzlerkandidat Gerhard Schröder bei Bill Clinton gehalten.

Das mag solide sein, brillant ist etwas anderes. Als Edmund Stoiber in der deutschen Botschaft spricht, klebt er an seinem Vortragsblatt wie früher an Franz Josef Strauß. Vor ihm hundert geladene Gäste, darunter hochrangige Regierungsvertreter, und er spricht, als wolle er den blassen Gegensatz zu den Farbexplosionen der Wandbilder darstellen. Tiefer grabenden Fragen wie "Sie wollen eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik, welche Kompetenzen würden Sie denn als Bundeskanzler abgeben?" weicht er aus.

Steif erscheint Stoiber in solchen Situationen, eingeschüchtert trotz seiner neuen Lächeloffensive. Dies ist nicht seine Welt, er spricht kaum Englisch, und der Weg in die befreiende Anekdote ist ihm, hier ganz anders als Schröder, versperrt. Immer wieder verrutschen ihm Sätze, so dass er ihr Ende nicht mehr findet. Er sagt "Trichi" statt "Trichet", wenn er vom möglichen neuen EZB-Chef Jean-Claude Trichet spricht; US-Außenminister Colin Powell heißt bei ihm auch mal George oder John mit Vornamen. Manchmal fallen Stoiber seltsame Metaphern ein, wie die vom anderen "moralischen Violinschlüssel", den Saddam Hussein habe. Oder er rettet sich in die Plattitüde - etwa als er, kaum in New York angekommen, immer wieder in die Kameras sagt, "es ist schon eine pulsierende Stadt von großem Ausmaß".

Dafür wirkt er - ganz im Sinne seiner Wahlkampfberater - wahrhaftig, wo man andere manchmal der Schauspielerei verdächtigt. Als Stoiber am Rand der New Yorker Katastrophenstätte Ground Zero den rechten Arm um seine Frau Karin legt und lange schweigt, ist daran nichts Künstliches.

Vergessen scheinen für einen Moment die Kameras. Stoiber vertraut nicht allein auf Bilder. Treffen mit Größen aus der Wirtschaft sollen seinen ökonomischen Nimbus stärken. In New York läuft er mit Börsenchef Richard Grasso über die Papierschnitzel auf dem Parkett der Stock-Exchange. In Washington trifft er sich mit dem Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler. Eine Stunde unterhält er sich mit dem Chef der Federal Reserve, Alan Greenspan. Und immer bringt er die gleiche Botschaft mit: "Deutschland muss etwas riskieren, wenn es wieder Wachstum haben will." Die Deutschland AG, sagt Stoiber, sei "so nicht mehr möglich". Er referiert, dass die Gesprächspartner ihm dazu geraten hätten, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren. Und fügt selbst an: "Deutschland hat natürlich einen sehr regulierten Arbeitsmarkt." Immer wieder beruft er sich in seinen Zielen auf das amerikanische Vorbild: niedrigerer Spitzensteuersatz, geringere Staatsquote, weniger Lohnzusatzkosten.

In der konservativen Bush-Regierung gibt es einige, die sich eine Mitte-rechts-Regierung im Zentrum Europas wünschen. "Es gibt viele gemeinsame Werte", glaubt Stoiber. Aber in Washington wird auch betont, man arbeite mit der Regierung Schröder gut zusammen. Das Statement des Weißen Hauses zum Stoiber-Besuch ist erkennbar knapp gehalten: "Es war ein kurzes Treffen, und der Präsident hat sich gefreut, ihn zu sehen."

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