Porträt I
Der müde Krieger

Kosovo, Sierra Leone, Afghanistan und jetzt Irak: Der britische Premier Tony Blair scheut vor Krieg nicht zurück. Er spricht von Weltinnenpolitik, will Verantwortung für andere Staaten übernehmen. Sein Problem: Viele Briten sind gegen einen Irak-Krieg. Selbst der erste Minister ist schon zurückgetreten.

Wäre er nicht so müde gewesen, hätte das Funkeln seiner Augen stählerne Entschlossenheit signalisieren können. So wie bei dem ausgeruhten amerikanischen Präsidenten, der sein Land wie der Kaiser von China in den Krieg führt, selten nur seinen Palast verlassend. Doch Tony Blair ist müde, nach einem Jahr politischer Grabenkämpfe, Shuttle-Diplomatie, Parlamentsabstimmungen und demütigenden TV-Debatten. Und wütend auf Jacques Chirac, den Freund, der ihm in den Rücken fiel. Ein bisschen einsam auch, weil die lange Fahnenreihe, vor der sich die Koalition der Willigen präsentierte, in Wahrheit nur vier Fahnen enthielt.

George Bush mag beim Azorengipfel wie ein künftiger Sieger ausgesehen haben. Blair stand die Niederlage ins Gesicht geschrieben. Von Tag zu Tag wird es schmaler und fahler. Das Lächeln ist verschwunden. Rückt sein Gesicht ins Scheinwerferlicht, stehen oft Schweißtropfen darauf. So wie letzte Woche im Londoner Sender ITV. "Oh, Mr. Blair, tun Sie das nicht", flehte Patricia Bingley und lehnte sich nach vorn. "Das wäre doch auch nichts anderes als das, was Osama bin Laden den Amerikanern angetan hat. Wie viele Menschen sollen noch durchmachen, was ich durchgemacht habe?"

ITV hatte 20 Frauen ausgesucht, jede eine entschlossene Kriegsgegnerin, jede mit persönlichen Gründen. Eine ist Exil-Irakerin, der Mann einer anderen ist als Schutzschild nach Bagdad gereist, eine dritte verlor den Freund beim Terror-Anschlag auf Bali. Patricia Bingleys Kind kam bei der Attacke auf das World Trade Centre ums Leben. 56 Prozent aller britischen Frauen seien gegen den Krieg, begründete der Sender seine Auswahl. Am Schluss rhythmisches Klatschen - eine Demütigung für Blair.

Allein gegen alle, seit Wochen. Die Zahl rebellischer Labourabgeordneter wächst, Minister drohen mit Rücktritt, und gestern gab der Fraktionschef der Partei im Unterhaus, der frühere Außenminister Robin Cook, aus Protest gegen Blairs Irak-Politik sein Amt ab. 70 Prozent der Briten verstehen die Partnerschaft des Labour-Premiers mit dem amerikanischen Rechtskonservativen Bush nicht. Blair steht britischen Moslems Rede und Antwort und diktiert im Flugzeug Antworten für die Chatseite des "Independent". "Herr Blair", fragte eine 35-Jährige, "wie können Sie einen Präventivkrieg mit ihrem christlichen Gewissen vereinbaren?" "Beten Sie und Bush eigentlich gemeinsam", fragt BBC-Moderator Jeremy Paxman höhnisch, als wäre Blair nicht mehr recht bei Verstand.

Doch nie in den ganzen Monaten, die Blair auf diese Situation zusteuerte, zögerte er auch nur einen Moment. "Wenn es um Leben und Tod geht, hat man die Pflicht, den Menschen ehrlich zu sagen, was man denkt und muss sich entscheiden", sprach er. Tatsächlich ist der Krieg gegen den Irak für Blair Überzeugungssache. Manche halten ihn ja für einen seichten Denker ohne echte Überzeugungen. "Ich bezweifle, dass er seit seiner Studentenzeit ein Buch gelesen hat", meint der Historiker und TV-Star David Starkey, der Blairs Religiosität für Gefühlsduselei hält. Andere behaupten, Blair habe sich in den letzten Monaten mehr mit dem Kirchenlehrer und Theoretiker des gerechten Kriegs, Thomas von Aquin, befasst als mit den Reformaufgaben im Gesundheitsdienst. "Ja, er hat eine moralische Auffassung der Außenpolitik", sagt der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, über den Premier.

Immer wieder verkündete Blair seine "Doktrin der internationalen Gemeinschaft", in der die Politik von einer "subtilen Mischung aus gegenseitigem Selbstinteresse und dem moralischen Ziel bestimmt ist, die Werte zu verteidigen, die uns wichtig sind". Das sagte Blair 1999 in Chicago, als er die Amerikaner aufforderte, statt der Isolation die Führungsverantwortung in der Welt zu suchen. Mit diesen Überzeugungen führte Blair im Kosovo, in Sierra Leone, in Afghanistan Krieg, und lange vor George Bush nannte er den Namen des irakischen Diktators. "Weltinnenpolitik" nennt Blair es, wenn Staaten gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen müssen. Notfalls auch mit Waffengewalt.

Der britische Diplomat Robert Cooper entwickelte nach dem 11. September eine Theorie des "liberalen Imperialismus", nach der humanitäre Interventionen dem alten Konzept souveräner Staatlichkeit Grenzen setzten. Das hatte nie offiziellen Status, aber militärische Macht und internationale Gerechtigkeit sind in Blairs Kopf lange vor Bushs Präventivschlagdoktrin eine Verbindung eingegangen. "Die Stücke des Kaleidoskops sind im Fluss. Lasst uns die Welt neu ordnen, bevor sie wieder zur Ruhe kommen", rief Blair seiner Partei drei Wochen nach dem 11. September in Brighton zu. Der Jubel war unbeschreiblich.

So fest grundiert Blairs Überzeugungen sind, so sehr verschätzte er sich in der Umsetzung. Er wollte einen Krieg ohne Uno und mit nur schmaler Basis in der internationalen Gemeinschaft verhindern. Aber er verrechnete sich, als er im September mit Bush einen Deal machte. Der US-Präsident versprach, den Weg über die Uno zu suchen. Blair bot militärische Bündnisgenossenschaft an und gelobte, die Europäer zu überzeugen. Die USA wären ins internationale System eingebunden, der Einfluss der Uno gerettet, so war das gedacht. "Management der amerikanischen Fundamentalisten", hieß diese Politik im britischen Außenministerium.

Es kam anders. Blair sah nicht, wie er die europäische Unterstützung verlor. Die amerikanischen Falken, nur halbherzig bei der Sache, durchkreuzten seine Bemühungen mit ihren isolationistischen Reflexen und mit dem Versäumnis, in der Nahostpolitik rechtzeitig ein klares Signal zu setzen. Blair hatte auch nicht erwartet, dass der französische Präsident die mühselig erreichte Koalition der Resolution 1441 demolieren und sich auf den Flügeln der öffentlichen Meinung zum Führer des "alten" Europas aufschwingen würde - wohl wissend, dass ein Krieg so nicht zu verhindern wäre. "Frankreich", schäumt man in der Downing Street, "hat den diplomatischen Blutkreislauf vergiftet."

Nun ist der erfolgreichste Labourpremier der Geschichte gefährdet, Großbritanniens europafreundlichster Regierungschef seit 25 Jahren weit in den Atlantik gedrängt. Das transatlantische Bündnis, die Einheit der westlichen Demokratien ist in Frage gestellt, die Vision einer weltpolitisch einflussreichen EU eine Fata Morgana, die Uno ein Nebenschauplatz.

Allenfalls zähneknirschend wird die Labourpartei heute im Unterhaus den ersten britischen Angriffskrieg seit über 100 Jahren genehmigen. Konservative Politiker wie Michael Portillo werden Hymnen auf Blairs "Prinzipientreue und Leadership" singen. "Ich liebe ihn", schrieb der rechtskonservative Kolumnist Michael Gove in der Times. "Er benimmt sich wie ein wahrer Thatcherist."

"Wenn alles schief geht, sind sie erledigt, oder?", fragte der Moderator zum Schluss der ITV-Diskussion. Blair gab ihm einen langen traurigen Blick zurück. "Warten wir ab. Ich habe nicht die Absicht, es schief gehen zu lassen."

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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