Porträt II: Der rüde Krieger

Porträt II
Der rüde Krieger

George Bush ist kein komplizierter Mann. Ähnlich wie Ronald Reagan hat der US-Präsident ein holzschnittartiges Weltbild. Grauzonen existieren für ihn nicht. Deshalb hält er den Kampf gegen Saddam für gerecht und richtig. Bush sieht sich auf einer Mission. Widerstände weiß er zu überwinden.

Der Körper ist leicht nach vorn gebeugt, die Stimme fest. "Staaten wie diese bilden mit ihren terroristischen Verbündeten eine Achse des Bösen, die den Frieden der Welt bedroht." US-Präsident George W. Bush malt ein apokalyptisches Dreier-Gemälde mit dem Irak, Iran und

Nord-Korea. Es ist ein denkwürdiger Tag, denn am 29. Januar 2002 formuliert der Chef des Weißen Hauses erstmals sein politisches Glaubensbekenntnis in Zeiten des Terrors: "Indem diese Regimes nach Massenvernichtungswaffen streben, stellen sie eine ernste und wachsende Gefahr dar." Der Präsident hält einige Sekunden inne und lässt seinen Blick von rechts nach links schweifen, als wolle er jeden Kongress-Abgeordneten einzeln fixieren.

Kaum war an jenem Januar-Abend Bushs Rede zur Lage der Nation verhallt, ging ein Aufschrei der Empörung um die Welt. Vor allem in West-Europa, Russland und in muslimischen Staaten wurde die Ansprache wegen der starken religiösen Anklänge kritisiert. Doch noch etwas anderes schwang in der Kritik mit: Die internationale Gemeinschaft hatte begriffen, dass die neue Sicherheits-Doktrin der USA keine Trockenübung von Militärplanern war - mit Präventivschlägen hatte ab sofort jeder zu rechnen, der die Supermacht Amerika bedrohte. Und manch einem schwante, dass dieser Präsident nach seinem polternden Austritt aus dem Kyoto-Protokoll die internationale Ordnung noch ganz anderen Belastungstests unterziehen könnte.

Hatte Bush die Welt eiskalt überrumpelt? Keineswegs. Er hatte nur begrifflich zugespitzt, was hinter den Kulissen vorbereitet war. Schon am 17. September 2001, sechs Tage nach den Terroranschlägen von New York und Washington, wurde das Pentagon mit der Prüfung von Optionen eines Krieges gegen den Irak beauftragt.

Durch den 11. September - so stand es in unzähligen Leitartikeln - habe der Präsident seine historische Mission gefunden. Dies stimmt nur zum Teil. "Die Terroranschläge haben Bushs politische Tagesordnung nur beschleunigt, nicht verändert", betont Jeffrey Gedmin, Chef des Aspen-Instituts in Berlin. Seit Beginn seiner Amtszeit sprach der Präsident von "neuen Bedrohungsszenarien nach dem Ende des Kalten Krieges". Und bereits im September 1999 hatte der Kandidat angekündigt, "das amerikanische Volk gegen Raketen und Terror zu verteidigen".

Dass Bush relativ schnell den Irak zum Staatsfeind Nummer eins erklärte, hing mit der Übermacht der Falken in seinem Kabinett zusammen. Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sowie dessen Vize Paul Wolfowitz machten immer wieder massiv Front gegen den "Diktator in Bagdad", den sie am liebsten schon während des letzten Golfkriegs 1991 aus dem Amt gejagt hätten.

Bush war dieses klar abgezirkelte Weltbild sympathisch, das nur über die Kategorien "Freiheit" und "Unterdrückung" verfügte. Es deckte sich mit seiner holzschnittartigen Ideologie, die keine Grauzonen kennt. Beim ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan war es genauso: den Staat klein, das freie Unternehmertum groß halten und den "bösen Kommunismus" an die Wand drücken - mehr programmatische Leitplanken gab es nicht. Bushs politisches Repertoire besteht im Wesentlichen aus Steuersenkungen und dem weltweiten Kampf gegen den Terrorismus sowie dessen Unterstützerstaaten.

Manche haben seine Beharrlichkeit unterschätzt, auch intern. Außenminister Colin Powell, der den Präsidenten zu seiner viel umjubelten Rede vor der Uno am 12. September ermuntert hatte, musste auf den Kriegskurs einschwenken.

Er traf auf einen Präsidenten, der manchmal weich wirkt, längst aber verhärtet ist auf seinem Weg an die Spitze, manchmal rüde ist in seiner Art. Denn Bushs Weg ins "Oval Office" war alles andere als ein Durchmarsch. Der Sohn aus wohlhabender Familie musste lernen, starke Widerstände zu überwinden. Als er sich um das Amt des Gouverneurs von Texas bewarb, wurde er zunächst ausgelacht. Das Rennen um die Präsidentschaft entpuppte sich als noch härterer Spießrutenlauf. Auch bei der Ankündigung seines ersten Programms für Steuererleichterungen in Höhe von 1,3 Billionen Dollar verhöhnten die Experten den Chef des Weißen Hauses als Träumer.

"In seiner ganzen Karriere hat Bush das Gesetz der Wahrscheinlichkeit widerlegt", meint James Lindsay von der Brookings Institution, einer liberalen Denkfabrik in Washington. "Das gibt ihm Auftrieb."

Bushs Beharrlichkeit wird durch seine Religiosität unterfüttert. "Ich habe dich in der Bibelstunde vermisst", waren die ersten Worte, die der ehemalige Redenschreiber des Präsidenten, David Frum, im Weißen Haus aufschnappte. Viele Kabinettssitzungen beginnen mit Gebeten. Seit er mit 40 Jahren seinen übermäßigen Hang zum Alkohol aufgegeben hatte, bezeichnet sich Bush als "wieder geborenen Christen". Die Religion verstärkte seine Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß.

"Bushs Glaube bedeutet, dass er Zweideutigkeit nicht toleriert", unterstreicht der Historiker Richard Brookhiser. "Es gibt einen allwissenden Gott, der gewisse Verhaltensweisen vorschreibt - und Führer müssen gehorchen."

Gelegentlich verfällt Bush in den sanften Ton eines Fernsehpredigers. "Freiheit ist nicht Amerikas Geschenk an die Welt", erklärte er am 10. Februar bei einer Rede in Nashville - und lächelte wie einer, der eine große Verheißung kennt. "Freiheit ist Gottes Geschenk an jedes menschliche Wesen auf der Welt." Pathetisch, im Stile eines Polit-Moses vom Potomac, fügte er an: "Gott hat uns aufgerufen, unser Land zu verteidigen und die Welt zum Frieden zu führen."

Auf nicht religiöse Gemüter - vor allem im Ausland - wirken derlei Sätze wie triefender Messianismus, der polarisiert. Die meisten Amerikaner schätzen jedoch ihren Präsidenten als obersten Schutzpatron gegen Terror und "Schurkenstaaten" wie den Irak. Jedes Mal, wenn Bush die Gefahr von Anschlägen beschwört, schießt die Zustimmungsrate nach oben.

Die amerikanische Öffentlichkeit folgt bis dato ihrem Präsidenten. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders CNN sind mittlerweile 54 Prozent der US-Bürger für einen Angriff gegen den Irak auch ohne Uno-Mandat - vor wenigen Wochen waren dazu nur knapp über 40 Prozent bereit.

Doch Bushs Kalkül hat beträchtliche Risiken: Der Präsident verknüpft mit dem Krieg gegen den Irak sein politisches Schicksal. Dauert der Waffengang nur kurze Zeit, wird eine größere Zahl ziviler Opfer vermieden und bleiben Terroranschläge aus, ist Bush der Mann der Stunde. Im anderen Fall steht der Regierung national und international ein Scherbengericht bevor.

"Das Kabinett weiß, dass die Toleranzgrenze für Fehler sehr eng ist", gibt ein hochrangiger Beamter der Administration zu.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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