Porträt: Jürgen Todenhöfer: Die Taube, die ein Falke war

Porträt: Jürgen Todenhöfer
Die Taube, die ein Falke war

Jürgen Todenhöfer war einmal ein außenpolitischer Hardliner der CDU. Heute klagt der stellvertretende Burda-Chef die USA der Kriegstreiberei an. Seine Wandlung kam mit dem 11. September. Warum?

HB MÜNCHEN. Den 11. September 2001 erlebte Jürgen Todenhöfer als Albtraum, der zur Wirklichkeit wurde. Die ersten TV-Bilder der schrecklichen Terror-Anschläge sah der stellvertretende Vorstandschef des Burda-Verlags im Kreise einiger Verlags-Manager - erst ungläubig, schließlich schockiert. Doch dann erfuhr er, dass seine damals 19-jährige Tochter Valérie, die zu dieser Zeit in den USA war, diesen Morgen in einem New Yorker Hotel ganz in der Nähe des World Trade Center verbrachte. Todenhöfer war in Panik, und erst nach zig verzweifelten Telefonaten und Stunden quälenden Wartens hatte er die Gewissheit, dass seiner Tochter nichts zugestossen war.

Die Anschläge am 11. September und der sich daran anschließende Antiterrorkampf von US-Präsident George W. Bush haben im Leben des früheren CDU-Politikers Todenhöfer viel verändert. Seitdem kämpft der Medienmanager nicht mehr nur um Auflagen und Anzeigenumsätze, seitdem er streitet auch als Privatmann missionarisch gegen die nach seiner Meinung "völkerrechtswidrige, unmoralische, kontraproduktive und vermeidbare" Kriegspolitik von Bush.

Seit seinem Rückzug als CDU-Bundestagabgeordneter im Jahr 1990 hatte er sich nicht mehr zu politischen Themen geäussert. Auch als Burda-Vizechef blieb er der unsichtbare Stratege im Hintergrund. Seit 18 Monaten ist Todenhöfer plötzlich wieder auf allen Kanälen. Sein gerade veröffentlichtes Buch "Wer weint schon um Abdul und Tanaya? - Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror" stürmt die Bestseller-Listen.

Eine packende Streitschrift

Das Buch, eine Mischung aus persönlichen Erlebnissen in der Krisenregion und scharfsinnigen Analysen internationaler Politik, ist eine packende Streitschrift, die sich der Autor an nur drei durchgearbeiteten Wochenenden von der Seele geschrieben hat. Den 62 Jahre alten Vater von drei Kindern empört der Zynismus der Kriegspolitiker, denen das Schicksal der vom Krieg betroffenen Menschen, vor allem der Kinder, scheinbar gleichgültig ist. Todenhöfer will die Menschen aufrütteln: "Wer dieses Buch gelesen hat, kann nicht mehr für den Krieg sein", hofft der frühere entwicklungs- und abrüstungspolitische Sprecher der CDU/ CSU, der 18 Jahre im Bundestag saß.

Schon in dieser Zeit war Todenhöfer ein streitlustiger Polarisierer, der gerne mit Tiraden gegen das (Partei)-Establishment für Schlagzeilen sorgte. Noch heute berühmt ist sein gegen Kohl gemünztes Diktum, dass man "im Schlafwagen nicht an die Macht kommt".

Auch den politischen Gegner provozierte der stramme Anti-Kommunist regelmässig. Vom damaligen Bonner SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner wurde er deshalb als "Hodentöter" verunglimpft. "Todenhöfer war schon immer ein großes Kommunikationstalent, das sich auf die intellektuelle Zuspitzung und Emotionalisierung von Themen gut versteht", bemerkt Unions-Parteifreund Wolfgang Schäuble.

Lebensgefährliche Missionen

Aufsehenerregende Reisen sind Todenhöfers Spezialität. 1975 setzte er sich persönlich bei Chiles Diktator Pinochet für die Freilassung politischer Gefangener ein. In den achtziger Jahren ist er dreimal mit Freiheitskämpfern im sowjetisch besetzten Afghanistan unterwegs gewesen, "um auf das Elend und die Unterdrükkung eines schon damals geschundenen Volkes aufmerksam zu machen." Den Krieg hat er bei diesen verbotenen und lebensgefährlichen Missionen, für die ihn die Sowjets am liebsten "ausgepeitscht und erschossen" hätten - so ein russischer Regierungssprecher damals -, am eigenen Leib erlebt. Sowjetischen Kugeln und Bomben ist er mehrmals nur knapp entronnen. "Ein Irrsinn", schaudert es ihn noch heute, nur gerechtfertigt durch die Millionen an Spendeneinnahmen, die er nach seinen spektakulären Reisen immer für afghanische Flüchtlingskinder einsammeln konnte. Auch das gesamte Autoren-Honorar seines neuen Buches spendet er einem Waisenhaus in Kabul und einem Straßenkinderheim in Bagdad.

Die grauenvollen Erlebnisse in Afghanistan - und jüngst wieder auf zwei Reisen in Bagdad mit seinen Kindern - haben Todenhöfer geprägt. Das Leiden der Opfer hat ihn in unverrückbare Opposition zu einem "sinnlosen Krieg" gebracht. "Vom Kalten Krieger zum Appeasement-Politiker - das ist eine erstaunliche Wandlung", wundert sich ein früherer politischer Weggefährte. Todenhöfer jedoch will kein Pazifist sein, das betont er immer wieder, sondern glaubt wie zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses an eine Politik der Abschreckung. "Härte, aber nicht konventionelle Kriege gegenüber den Terroristen, Gerechtigkeit, Großmut und Toleranz gegenüber der muslimischen Welt", formuliert er seine Position.

Damit ist Todenhöfer zur einsamen Stimme in seiner Partei geworden. Plötzlich steht er Seite an Seite mit seinem einstigen Erzfeind Heiner Geissler. Von früheren politischen Freunden aus den USA, etwa dem Republikaner Richard Perle, hat er sich entfremdet. Ist der Falke, der er vor 20 Jahren war, zur Taube geworden? Gemessen am politischen Mainstream ist das nicht falsch. Vielleicht ist er aber auch nur der Nonkonformist geblieben, der er schon immer war.

Der Top-Manager Todenhöfer

Das ausgeprägte Gerechtigkeitsempfinden und die tiefe Achtung vor dem Menschen zeichnet auch den Topmanager Todenhöfer aus, wie ihm Kollegen aus dem Haus Burda und der Branche bescheinigen. Natürlich ist Todenhöfer im Job kein Gutmensch, sondern ein knallharter Rechner. Wenn nötig fällt er schnell unbequeme Entscheidungen, wie er bei der Einstellung des mit viel Hoffnungen gestarteten Magazins "Vivian" nach nur 13 Ausgaben vor drei Jahren gezeigt hat. Die gute wirtschaftliche Entwicklung von Burda in den vergangenen Jahren ist zu einem Gutteil Verdienst des "Major Domus" (O-Ton in Todenhöfers Arbeitsvertrag), der die Visionen des Verlegers Hubert Burda und die Kreativität der Chefredakteure, allen voran Schwergewicht Helmut Markwort, in die richtigen strategischen und operativen Bahnen lenkt.

Doch das wäre für Todenhöfer alles nichts wert, wenn der Respekt vor den Mitarbeitern und deren Leistung bei Burda nicht an erster Stelle stünde. Einstellungskriterien bei Führungskräften seien "Können und Charakter". Wenn einer kein "feiner Kerl" sei - und das bezieht er auch auf Frauen - könne er nichts werden bei Burda, betont der Verlagschef. Die beste Charakterschule ist für den begeisterterten Fußballfan, der immer noch den federnden Schritt des aktiven Athleten hat, der Sport. Erst hart um den Sieg kämpfen und nachher ein Bier zusammen trinken, ist für ihn vorbildliches Verhalten. So wie beim Fußballspiel mit den Arbeitern in der bunt zusammengewürfelten Betriebsmannschaft.

"Es ist eine Frage des Anstands und der Intelligenz, die Menschen im Betrieb gut zu behandeln" ist sich Todenhöfer sicher. Und das - er ist wieder bei seinem derzeit wichtigsten Thema - gelte auch in der Politik. Moralische Positionen und moralisches Verhalten seien immer auch eine Konsequenz von Klugheit. "George W. Bush lässt anders als sein Vater diese Klugheit bisher vermissen."

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