Porträt
Kirch zieht als "graue Eminenz" weiter die Fäden

Wenn ein deutscher Unternehmer das Klischee von der "grauen Eminenz" erfüllt, dann ist das Leo Kirch. Auf Pressekonferenzen seines Unternehmens trifft man den 74-jährigen Medienmagnaten nie, eher lässt er sich im typischen grauen Zwirn noch auf Filmbällen blicken.

Reuters MÜNCHEN. Dabei zweifelt niemand in der Branche daran, dass Leo Kirch weiterhin die Fäden in der Hand hält in seinem mittlerweile wohl geordneten Imperium von Fernsehsendern, Filmgesellschaften und Beteiligungen vor den Toren Münchens. Was die Medienwächter vor fünf Jahren noch für undenkbar gehalten hätten: Kirch und Bertelsmann haben den privaten Fernsehmarkt in Deutschland fast vollständig unter sich aufgeteilt.

Quasi "nebenbei" ist eine halbe Generation von Medienmanagern durch Kirchs Schule gegangen: Der ehemalige ProSieben-Chef Georg Kofler, Tele-München-Chef Herbert Kloiber und EM.TV-Vorstandschef Thomas Haffa haben dort ihre Karrieren gestartet. Letzterem, der bis vor kurzem als Musterschüler galt, hat Kirch nun mit seinem Minderheits-Einstieg bei der EM.TV & Merchandising AG offenbar aus der finanziellen Klemme geholfen. Kirch hatte es bei den Verhandlungen nach Angaben von Branchenkennern zunächst vor allem auf die Formel 1 abgesehen, von denen EM.TV einen Anteil von 50-Prozent erworben hatte. Mit seinem Netz von Abspielstationen in Europa und Rechteverwertern hat Kirch dafür die besseren Strukturen als Haffa.

Der italienische Kult-Streifen "La Strada" von Regisseur Federico Fellini war 1956 der Startschuss für die Karriere des Sohns eines unterfränkischen Weinbauern als Filmkaufmann. 40 Jahre später standen in Kirchs Archiven 15 000 Spielfilme und 50 000 Stunden Fernsehserien.

In die Schlagzeilen geriet Kirch vor alle dann, wenn sein politischer Einfluss öffentlich wurde. Als dem konservativen Katholiken ein Kommentar der "Welt" zur Abtreibung missfiel, betrieb er, dem ein großes Paket am Axel Springer Verlag gehört, über den Aufsichtsrat die Ablösung von Chefredakteur Thomas Löffelholz - freilich vergeblich. Und als Helmut Kohl im Sommer auf Spendensammeltour ging, gehörte Kirch zu den Freigiebigen. Dass er auch einer der anonymen Spender an Kohl war, dementierte der Konzern jedoch heftig.

Die bis dahin völlig unübersichtliche Struktur von über 50 Beteiligungen ordnete Kirch Anfang 1999. Drei Gesellschaften bilden seither das Dach über alle Tochtergesellschaften, fein säuberlich getrennt zwischen frei empfangbarem Fernsehen, dem Bezahlfernsehen und den Filmgesellschaften. Im gleichen Jahr erfuhr die Öffentlichkeit erstmals überhaupt Geschäftszahlen der Gruppe. Die Berichte über finanzielle Schwierigkeiten ebbten danach trotz Kirchs Milliarden-Investitionen in das Pay-TV ab, auch wenn der Medienunternehmer für den Ausbau der Plattform "Premiere World" im November 1999 wieder einen Drei-Milliarden- DM-Kredit brauchte - und ihn bekam. Kirchs Stellvertreter Dieter Hahn verweist stets darauf, dass Wirtschaftsprüfer den Wert des Konglomerats weit höher schätzen. Die Voraussetzung für einen Börsengang der beiden ersteren und damit den Einstieg von finanzstarken Partnern wie Murdoch und Berlusconi oder dem saudischen Prinzen Al-Walid hat Kirch mit diesem Schachzug geschaffen. Doch mehr als ein paar Prozent will Kirch Fremden nicht zubilligen, und auch der Gang an die Börse ist ihm nach Angaben aus der Branche im Grunde zuwider. Nicht zuletzt deshalb hat Hahn hinter den Zeitpunkt für den Börsengang der Kirch Media KGaA, der 2001 stattfinden sollte, erst kürzlich wieder ein Fragezeichen gesetzt.

Doch an der Börse spielt Kirch schon jetzt eine gewichtige Rolle. Bei der Constantin Film AG hielt er schon vor deren Gang an den Neuen Markt - wie auch EM.TV - eine größere Beteiligung. Am umsatzstärksten deutschen Fernsehkonzern, der ProSiebenSat.1 Media AG, hält Kirch auch nach der Fusion die Stimmenmehrheit. Nicht zuletzt hatte er EM.TV mit dem Verkauf von 28 000 halben Stunden Kinderprogramm für 300 Mill. DM, das die Haffas unter der Marke "Junior TV" anboten, erst den fulminanten Start am Neuen Markt ermöglicht.

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