Porträt: Mit immer neuen Enthüllung konfrontiert
Ungewisse Zukunft für Jagoda

Fast auf den Tag genau neun Jahre war Bernhard Jagoda unangefochten. Aber nun wird der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit täglich mit neuen Vorwürfen in der Affäre um beschönigte Vermittlungszahlen bei den Arbeitsämtern konfrontiert: Der Vorstand sei über den Bericht des Bundesrechnungshofes nicht informiert worden, Jagoda wisse zudem schon seit September 1998 von den Zuständen, heißt es.

afp BERLIN. Die Enthüllungen haben nun eine erste Konsequenz: Die Kontrollfunktion des obersten Verwalters der Arbeitslosen wird erheblich eingeschränkt. Ob es dabei bleibt, blieb am Donnerstag noch offen.

Es ist das erste Mal, dass dem CDU-Politiker ein so kalter Wind an der Spitze der Nürnberger Bundesanstalt entgegenweht. Jagoda ist nicht nur innerhalb seiner Behörde beliebt, sondern machte seinen Job seit 1993 unter der Regierung von Helmut Kohl (CDU) so gut, dass Gerhard Schröder (SPD) ihn trotz des anderen Parteibuchs 1998 behielt. Zu seinen Zielen zählt es, einen einheitlich günstigen Arbeitsmarkt im Osten und Westen Deutschlands zu schaffen und eine Bundesanstalt zu schaffen, die ohne Bundeszuschuss auskommt.

Davon weit entfernt muss er zudem monatlich vor allem Negativ-Ergebnisse vom Arbeitsmarkt verkünden. Das verbindet er mit dem Ritual, alle Anwesenden von der Buffetfrau bis zum Kameramann per Handschlag zu begrüßen. Bei der Verkündung legt er dann aber wieder größten Wert auf Neutralität - politische Kommentare oder gar Empfehlungen sind von ihm nicht zu hören.

Die neutrale Haltung erlegte Jagoda sich erst auf, als er der Chef von mehr als 90.000 Mitarbeitern der Bundesanstalt wurde. Der verheiratete Vater von zwei Kindern engagierte sich seit 1965 in der CDU, nachdem er seine Mittlere Reife an der Abendschule gemacht hatte. 1970 zog er als einer der jüngsten Abgeordneten in den hessischen Landtag ein, 1980 erstmals in den Bundestag. Von 1987 bis 1990 war er Staatssekretär im Arbeitsministerium und wirkte unter anderem an Gesundheitsreform und Rentenreform mit.

Für seine monatliche Bekanntgabe meist negativer Arbeitsmarktbilanzen wird der gläubige Katholik Jagoda im Behördenspott "Hiob" genannt. Derzeit lastet aber noch mehr auf dem gebürtigen Oberschlesier als die hohe Arbeitslosigkeit. Überall werden wegen der geschönten Vermittlungszahlen Rücktrittsforderugen laut. Noch am Mittwoch versicherte Jagoda, er wolle "nicht stiften gehen". Fraglich ist aber, ob er das noch selbst entscheiden kann. Am Donnerstag musste er in Berlin bei Arbeitsminister Walter Riester (SPD) Rede und Antwort stehen, nächste Woche soll er dort wieder vorsprechen. Riester kündigte bereits personelle Konsequenzen bei der Bundesanstalt an. Ob Jagoda zu denen gehört, die gehen müssen, ließ er noch offen.

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