Porträt
Mit Kastrup steht ein Spitzendiplomat an Schröders Seite

Als Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 10. Oktober von New York in Richtung Berlin flog, war Dieter Kastrup bereits mit an Bord. Damals ahnte der Spitzendiplomat, der vor allem für seine Beharrlichkeit und seinen trockenen Humor bekannt ist, noch nicht, dass er bald nahezu ständig an des Kanzlers Seite sein wird.

dpa BERLIN. Damals war der außenpolitische Berater des Kanzlers, Michael Steiner, zwar schon durch die eine oder andere Affäre angeschlagen, hielt sich aber noch fest im Sattel.

Nur einen Tag hat der Kanzler gebraucht, um sich zu entscheiden. Kastrup wird Steiners Nachfolger. Damit hat Schröder nun das Gegenteil Steiners zu seinem Berater ernannt - vor allem, was das Auftreten betrifft. Steiner, der zwar große Leistungen zu verbuchen hat, war nicht gerade für diplomatisches Geschick bekannt. Seine oft nach außen getragene Eitelkeit machte ihm manchmal schwer zu schaffen.

Kastrup ist freundlich, offen und umgänglich. Schlechter Umgangston dürfte ihm ein Greuel sein. Er agiert gerne im Hintergrund und zieht die Fäden. Wenn es denn sein muss, lässt er sich in die erste Reihe ziehen, heißt es im Auswärtigen Amt. Er ist bekannt für sein Verhandlungsgeschick und hat sich selbst bei den hartgesottensten Partnern Respekt erworben. Jahrelang beispielsweise feilschte Kastrup mit Alexander Bondarenko vom sowjetischem Außenministerium, einem Mann Andrej Gromykos, über kleine, aber feine Details der Einbeziehung der damals geteilten Stadt Berlin in deutsch-sowjetische Abkommen.

Kastrup wurde am 11. März 1937 in Bielefeld geboren. 1965 trat er in den Auswärtigen Dienst ein. Eingesetzt wurde er an den Vertretungen in Rio de Janeiro und Teheran. Fünf Jahre war er an der deutschen Botschaft in Washington tätig. Ab 1980 leitete Kastrup das Referat des Auswärtigen Amtes in Bonn, das für "Berlin und Deutschland als Ganzes" zuständig war.

Die politische Entwicklung in Deutschland ab November 1989 mit der Forderung nach möglichst baldiger Vereinigung der beiden deutschen Staaten machte Kastrup zum entscheidenden Mann im Hintergrund. Er bereitete an der Seite von Außenminister Hans-Dietrich Genscher für Bonn die "Zwei-plus-Vier"-Besprechungen der Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges über die äußeren Gesichtspunkte der Herstellung der deutschen Einheit vor. Maßgeblich beteiligt war Kastrup auch an der Ausarbeitung des deutsch-sowjetischen Partnerschaftsvertrages.

Für Wirbel sorgte eine im Oktober 1994 erstattete Strafanzeige gegen Kastrup, weil er im Prozess um die Verfassungsmäßigkeit des Einigungsvertrages 1991 angegeben hatte, die Sowjetunion hätte seinerzeit die Unumkehrbarkeit der Enteignungen (Bodenreform) in der früheren Sowjetischen Besatzungszone zur Bedingung für ihre Zustimmung zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung gemacht. Der damalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow hatte diese Angabe später bestritten, so dass sich Kastrup mit dem Vorwurf der bewussten Falschaussage konfrontiert sah. Das Oberlandesgericht Karlsruhe wies die Strafanzeige im Januar 1996 jedoch als unbegründet zurück.

Zum 1. September 1998 wurde Kastrup deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. Er war auch am Zustandekommen der Regelungen für die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter maßgeblich beteiligt. Zu Beginn des nächsten Jahres soll Kastrup nun seine neue Stelle antreten. Viel Zeit in New York bleibt ihm nicht mehr.

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