Porträt
Nüchterne Offensive

Früher war Günter Netzer einer der besten Fußballer. Heute ist er einer der mächtigsten Spieler im globalen Fußballgeschäft. Netzer wirkt harmlos. Aber er weiß, was er will, und in der Regel bekommt er es. Trotzdem schätzen ihn viele - Annäherung an ein Phänomen.

Entschuldigen Sie, Herr Netzer." Ein schmaler Mann Anfang 30 schießt, die Hand voraus, auf Günter Netzer zu: "Das fand ich gut, was Sie damals im Fernsehen über die jungen Fußballer gesagt haben. Dass die so rotzig sind." Günter Netzer hört zu. Der frühere Fußballstar bleibt stehen und schüttelt die angebotene Hand - auch wenn er offensichtlich keine Lust hat. Die Arme ruhen abwehrend vor der Brust, der Oberkörper müht sich zurückgebeugt um Distanz. Aber Netzer, dunkler Anzug und Rollkragenpullover, erklärt geduldig, was er gemeint hat: "Da fehlte das Leistungsdenken."

Eher harmlos wirkt Günter Netzer, 58, an diesem schmuddeligen Morgen im Züricher Hotel Baur au Lac. Aber der Mann ist mächtig. Nicht viele im Fußballgeschäft haben so viel Einfluss wie der ewige Seitenscheitel. Sepp Blatter natürlich, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Und Franz Beckenbauer, Präsident des FC Bayern und Cheforganisator der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Aber dann kommt bald Netzer - spätestens seit er kürzlich mit einer Gruppe um den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus und den Schweizer Beteiligungsmilliardär Christian Jacobs das Sportrechtegeschäft der insolventen Kirch- Gruppe übernommen hat (siehe: "Erst Adidas, jetzt Sportrechte").

Etwa 300 Millionen Euro hat das Konsortium bezahlt. Für WM- Rechte, Bundesligarechte und viele andere Vermarktungsverträge: Die Berater von Roland Berger sehen ein Potenzial von fast 600 Millionen Euro - Gewinn. Netzer hält zwar nur 1,25 Prozent an der auf Infront Sports & Media umgetauften Firma. "Aber wenn es um Fußball geht, ist er der Wichtigste im Unternehmen", sagt ein früherer Mitarbeiter. Wen man auch fragt, fast alle schätzen Günter Netzer - Annäherung an ein Phänomen.

Bekannt ist er vor allem als Fußballer, der sich einst selbst einwechselte, um Borussia Mönchengladbach Sekunden später zum Pokalsieg gegen den 1. FC Köln zu schießen. Und als Fernsehkommentator, der nüchtern wie kein Zweiter Spiele der Nationalmannschaft analysiert, an denen seine Firma manchmal sogar die Rechte besitzt.

Aber als Manager? Er verlasse den Raum, "wenn die Herren über buchhalterische oder finanztechnische Sachen sprechen", kokettiert er bisweilen. Auf der noch immer unter Kirch Sport geschalteten Internetseite steht, er sei eine Art "Botschafter für die Gruppe". Ein Frühstücksdirektor also?

"Um Gotteswillen, nein", da schreckt Netzer ein wenig hoch aus seinem Sessel in der Hotellobby. "Das ist kein Grüßaugust-Job. Der Name hilft, keine Frage. Aber wenn unter dem Strich nicht die richtigen Zahlen und Leistungen stehen, dann haben Sie keine Chance."

Und die Zahlen stimmten meist. Sieben Jahre lang managte er den Hamburger SV; der Club wurde dreimal deutscher Meister und gewann sogar den Europapokal der Landesmeister.

Als Netzer 1986 zu Caesar Lüthis Sportrechteagentur CWL in die Schweiz wechselte, wusste er noch nicht viel über das Rechtegeschäft. Wenige Jahre später war er neben dem Chef der wichtigste Mann, reiste durch Osteuropa und akquirierte TV-Verträge mit Vereinen und Landesverbänden. "Wenn über die letzten zehn Prozent eines Vertrags verhandelt wurde, saßen Netzer und Lüthi immer mit am Tisch", erzählt sein ehemaliger CWL-Kollege Jean-Baptiste Felten. Als er Geschäftsführer werden sollte, habe er sich anfangs gewehrt: "Er wollte erst nicht. Aber dann ist er in die Rolle hineingewachsen - genau wie später bei Kirch Sport."

Netzer selbst spricht gerne davon, er sei "auf der Sonnenseite des Lebens geboren" und habe sich vor allem darauf verstanden, "immer die besten Finanzleute an meine Seite zu stellen". Seine Position bei Infront? "Man hat mir gesagt, ,Du bist ein Executive Director? ", sagt er und verdreht die Augen. "Sag? ich ,Wunderbar, jetzt bin ich ein Executive Director.? Da war ich ganz stolz."

Aber es gibt auch den anderen Netzer, den offensiven Geschäftsmann. Der sagt: "Ich habe mir in diesem Sektor einen guten Namen erworben.", "Ich bin die Speerspitze dessen, was hier in der Zukunft passieren soll." und "Wir müssen jetzt gemeinsam mit Louis-Dreyfus und Jacobs sehen, wo wir uns noch verbessern können. Aber wir sind schon gut, nicht?" So etwas klingt schnell arrogant. Netzer aber lässt es einfach ähnlich unaufgeregt einfließen, wie er Fehler der deutschen Nationalspieler analysiert.

Die studierten Business-Strategen, die das Geschäft mit Fußballrechten und Werbeverträgen dominieren, haben den Aufsteiger Netzer längst als Führungsperson anerkannt. In der Münchener Kirch-Zentrale heißt es zwar manchmal, "der ist nicht besonders helle". Aber die Szene redet anders: DFB-MarketingDirektor Horst Lichtner, der früher neben Netzer bei CWL arbeitete: "Er kennt alle, die Fernsehleute, die Marketing-Experten, die Funktionäre und die Spieler. Und er weiß genau, wer in den Verbänden was erreichen kann." Ex-Kollege Felten ergänzt, "wenn eine Truppe von CWL oder heute von Infront sich an den Tisch setzt, dann sind die Leute bestens vorbereitet. Auch Netzer. Der setzt sich nicht an die Ecke und erzählt Dönekes aus alten Zeiten."

Negatives? Fehlentscheidungen? Da fällt den Branchenkennern wenig ein. Man ist aber auch vorsichtig: "Wenn er sich quer legt, kann er sehr widerborstig sein", sagt Felten. Netzer habe "Ecken und Kanten", erzählt ein anderer Ex-Kollege. Einmal sei er von ihm nach einem Streit angebrüllt und aus dem Büro geworfen worden. Aber nach zwei Tagen habe man sich ausgesprochen: "Danach ist alles gelaufen wie besprochen - ohne dass etwas aufgeschrieben worden wäre. Bei Netzer braucht man keine Verträge."

Selbst Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, mag nichts Negatives sagen. Als er Anfang der 90er-Jahre als Manager für Schalke 04 arbeitet, setzt ihm der damalige Präsident Günter Eichberg Netzer vor die Nase. "Ich hatte die Arbeit, er saß in Kreuzlingen und hat kassiert", schildert Bruchhagen die Arbeitsteilung. Er war trotzdem zufrieden: "Machen Sie nur, Herr Bruchhagen", hat Netzer immer gelobt. "Sie machen das großartig."

Schalke stieg in die Bundesliga auf und bekam einen "sehr guten" neuen Ausrüstervertrag von Adidas. "Vielleicht haben uns da ja Netzers gute Kontakte zu Adidas-Chef Louis-Dreyfus geholfen", mutmaßt Bruchhagen. Dabei war Netzer bei den Verhandlungen gar nicht dabei - und lange Puma-Repräsentant.

Fast wirkt es, als trauten sie ihm Wunder zu in der Szene, als sei er ein zweiter Beckenbauer. Aber Netzer ist anders als der Bayern-Chef. Netzer ließ sich etwa schon Anfang der 70er-Jahre von Mönchengladbachs Manager Helmut Grashoff die Lizenz für eine Stadionzeitung erteilen und eröffnete die Diskothek "Lovers Lane". Beckenbauer beschränkte sich da geschäftlich noch auf Werbeauftritte.

Anders als Beckenbauer meidet Netzer auch die Öffentlichkeit. "Wenn man mit ihm in ein Restaurant geht, setzt der sich immer in die hinterste Ecke", erzählt ein Fußball-Manager. "Hauptsache, er wird nicht erkannt." In Zürich wohnt Netzer nur zwei Straßen vom Zürichsee entfernt, aber noch in Fußwegentfernung zum Stadtzentrum - und lobt die "wunderbare Anonymität: Die Tina Turner geht hier über den Marktplatz und wird nicht angesprochen."

Netzer mag es privat. Zu Spielen der Nationalmannschaft stellt er sich vor die Kamera - und taucht dann wieder ab. Urlaub macht er "seit 23 Jahren in Gstaad", war "in 15 Jahren nicht einmal länger als drei Tage von zu Hause" fort, und zur Arbeit fährt er nicht mehr mit seinem Ferrari Maranello, sondern in einem 600er Daimler.

Manche seiner Geschäftspartner himmeln Luxusliebhaber Netzer regelrecht an. Zum Beispiel Ernst Nigg, langjähriger Vorsitzender des liechtensteinischen Fußballverbandes: "Wenn sich der Netzer im Fußball so angestrengt hätte wie im Geschäftsleben, dann wäre er Fußballer des Jahrhunderts geworden", sagt Nigg. Seine begeisterte Stimme verrät: Er meint es ernst.

Bis Anfang der 90er-Jahre spielte Liechtenstein bei den europäischen Fußballwettbewerben nicht mit. "Wir hatten nicht genug Geld", sagt Nigg. Dann finanzierte CWL den Verband mit einem jährlichen Fixbetrag - "alles, bis zum letzten Bleistift haben wir bezahlt", erzählt Netzer. Dafür darf die Agentur Liechtensteins Heimspiele vermarkten und die vollen Einnahmen behalten. "Die haben uns hier anfangs für Spinner gehalten", erinnert sich Nigg. "Aber dann ist Netzer mit mir zu den Vereinen gegangen und hat alle überzeugt. Der weiß noch, um was es an der Basis geht."

Für Netzer aber ging es bei der Basisarbeit ums Geschäft - sobald Liechtenstein bei Qualifikationsspielen gegen Teams wie England oder Deutschland ausgelost wird und CWL die TV-Rechte dorthin verkaufen kann, fließen Millionen.

Auch der junge Mann im Baur au Lac will etwas verkaufen. Als Netzer noch von "mangelnder Besessenheit der Spieler" redet, outet sich der Fan als Geschäftsmann: "Ich bin Vermögensverwalter. Ich stelle Ihnen gerne meine Produkte vor." Netzer hat kein Interesse, er ist "gut versorgt", und jetzt ist es auch mit seiner Geduld vorbei: Drei Klapse auf die Schulter, weg ist er.

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