Porträt
Werner Michael Bahlsen: Der visionäre Zuckerbäcker aus Hannover

Zwei Jahre nach der Aufspaltung des 1889 gegründeten Familienunternehmens verbreitet der Erbe der Keksfabrik Aufbruchstimmung: Mit einer vernünftigen Streitkultur, dreidimensionalen Geschmackserlebnissen und jungen Managern will er die Eigenständigkeit Bahlsens wahren.

HB HANNOVER. Es gibt, der normalsterbliche Süßigkeitenverzehrer ahnt es nicht, "dreidimensionale Geschmackserlebnisse". Werner Michael Bahlsen spricht das große Wort gelassen aus und referiert sodann über den komplexen Dreiklang von Keks, Schokolade und Crème, der sich in einer neuen Praline namens "Cielo" entfalten soll. Der Mann ist Keksfabrikerbe von Geburt und Konditor aus Berufung - was kann da noch schief gehen?

Eine Menge ist bei Bahlsen schief gegangen. Die Familiefehden des 1889 gegründeten Unternehmens sind legendär, und auch Werner Michael Bahlsen hat sie nicht ohne Kratzer überstanden. Heute wird er bei diesem Thema schmallippig. Seit der Aufspaltung des Unternehmens 1999 gehe jeder in der Familie seine eigenen Wege, sagt er nur. Das taten sie schon immer, unglücklicherweise aber im gleichen Unternehmen.

Der Gründersohn Werner Bahlsen hatte in seinem Testament Erben unter ein Dach gezwungen, die dort offensichtlich keinen Platz hatten. Zunächst bekriegten sich die Brüder Lorenz, inzwischen 53, und Werner Michael, 52, mit Vetter Hermann Bahlsen, 73. Dieser bezweifelte hartnäckig die Unternehmerqualitäten der hausinternen Konkurrenz und forderte vergeblich einen familienfremden Spitzenmann. Als man Hermann 1996 schließlich mit Immobilien und der US-Tochter Austin abgefunden hatte, sandte der letzte Liebesgrüße: Endlich gehöre ihm ein gut geführtes Unternehmen.

Nun hätte Ruhe herrschen können, aber da waren ja noch die beiden Brüder. Regelmäßige Umorganisationen und Abgänge von Top-Managern ließen Böses ahnen. Schnell war wieder von Eifersüchteleien die Rede, und manchmal ging es auch um die Sache: Die beiden Sparten Snacks und Süß wetteiferten um die höchst begrenzten Ressourcen des Familienunternehmens und mit ihnen die jeweiligen Protagonisten - Lorenz für Chips und Cracker, Werner Michael für Kekse und Pralinen.

Schließlich kündigten beide ihren Rückzug an, nicht ohne die Rolle höchst aktiver Aufseher für sich zu reklamieren. Ob sie es selbst ahnten, oder ob Banken und Beirat nachhalfen - am Ende wurde den Brüdern klar, dass mit dieser Konstruktion bald alles wieder von vorn losgehen würde. So teilten sie das Unternehmen und schenkten den Medien die Schlagzeile "Bahlsen zerbröselt". Die Anrufe kaufwilliger Konkurrenten kamen jetzt nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich.

Aber Werner Michael Bahlsen denkt nicht ans Verkaufen. Befreit vom Familienzwist, will er endlich allein bestimmen, wo es langgeht. Nach 22 Jahren im Unternehmen fängt er nochmal von vorn an. Er verbreitet Aufbruchstimmung. In Bahlsens Dreigestirn war er immer der Mann fürs Visionäre, was die Sache auch nicht einfacher machte.

Das Stammhaus in Hannover hat er gerade restaurieren lassen, ein Jugendstil-Denkmal mit Leibniz-Keksen, in Stein gehauen. Der Büro-Moloch aus den Siebzigern war ohnehin zu groß geworden, und die Stätte alter Größe hilft den Mitarbeitern nach den bewegten Zeiten bei der Identitätssuche.

Drinnen pflegt der Chef Modernität. Die Türen haben keine Schlösser, Glaswände teilen die Büros, in Schlüsselpositionen hat er junge Leute platziert. Eine vernünftige Streitkultur ist ihm Herzenssache - wen wundert s. Über Mitarbeiterführung und Unternehmenskultur redet er fast so gern wie über Keksrezepte. Dröge Zahlen liegen ihm weniger, "das ist doch alles nur Ausfluss der Idee". Und an Ideen fehle es ihm nicht. Über Getreidesorten, die keiner mehr kennt, redet er dann, und darüber, dass ein kompetenter Kreis neulich stundenlang über die Haselnuss diskutiert habe. Aber das möge man bitte nicht an die große Glocke hängen, irgendwie erscheint es ihm wohl selbst exotisch.

Dabei will er mit nichts anderem als dieser Exotik überleben. "Eigentlich sind wir immer noch eine große Konditorei", sagt er.

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