Portrait
Milbradt: Der Durchbeißer

Die Zeiten des Glanzes sind in Sachsen vorbei. Nach Ministerpräsident Kurt Biedenkopf kommt ein Mann der nüchternen Art. Aber Georg Milbradt kann kämpfen.

DRESDEN. Georg Milbradt lehnt sich entspannt zurück, faltet die Hände über dem Bauch. "Erleichtert" sei er, dass der Kampf um das Amt des sächsischen Ministerpräsidenten zu Ende ist. "Irgendwann reicht es mal."

Noch sitzt der 57-Jährige in seinem winzigen Büro eines gesichtslosen Neubaus, in dem die Parteizentrale logiert. Nun zieht der hemdsärmelige Mann in eine Umgebung, die ihm von seinem Naturell her fremd sein muss: in die nahezu feudalen Räume der ehemals königlich-sächsischen Staatskanzlei am Dresdner Elbufer, in König Kurts Reich.

Es war im Januar 2001, als ihn Kurt Biedenkopf als "miserablen Politiker" beschimpft und kurz darauf aus dem Amt als Finanzminister geworfen hatte. Heute weiß Georg Milbradt, dass ihm "der Alte", wie sie ihn in Dresden nennen, damit unfreiwillig einen Gefallen getan hat. Denn eingebunden ins Korsett des Kabinetts, wäre der Kampf um die Nachfolge "wesentlich schwieriger gewesen", sagt der Volkswirtschaftsprofessor und lächelt. Dann hätte womöglich der deutlich jüngere Thomas de Maizière, dem Biedenkopf nicht nur Milbradts Ressort gab, sondern den er offensichtlich auch als geeigneten Erben ansah, eine reelle Chance gehabt.

Es war ein langer, bitterer, teils unappetitlicher Kampf. Zehn Kilo hat er Georg Milbradt gekostet, seit Sommer 2000 hat er keinen Urlaub mehr gemacht. Die meiste Kraft muss der für seine mitunter ruppige Art bekannte Sauerländer gebraucht haben, um trotz seiner Wut kein böses Wort über Biedenkopf zu verlieren. Das hätte ihm die Partei nicht verziehen. Nur einmal ließ er sich zu dem Satz hinreißen, dass wohl niemand in Sachsen "so viel Kreide gefressen" habe wie er. Eigentlich war es sogar "ein bisschen mehr als Kreide", sagt er heute.

Ab 1990 dient Milbradt Biedenkopf erfolgreich als Finanzminister, hat die stärkste Stellung im Kabinett und gilt lange als Kronprinz. Trotzdem glaubt Biedenkopf, die Aufregung um die Entlassung werde "in einer Woche vorbei" sein. Doch er hat seinen früheren Freund grob unterschätzt. Der Gedemütigte nimmt den Kampf auf. Aus seinen kleinen Abgeordnetenbüro managt er mit wenigen Verbündeten sein Comeback, fährt unzählige Kilometer durch die sächsische Provinz auf der Suche nach Unterstützern. Er, der früher gern leutselig auftrat, kämpft mit einem Ehrgeiz, den ihm wenige zugetraut haben. Die knappen grauen Haare lässt er sich militärisch kurz schneiden. Mit eiserner Disziplin beißt er sich durch - zurück zur Macht.

Als Fachpolitiker war er weithin unumstritten: Als Stadtkämmerer in Münster, der nebenher Finanzwissenschaft lehrt, verleiht ihm der Steuerzahlerbund den "eisernen Spargroschen". Als Finanzminister in Sachsen setzt er eine für ostdeutsche Verhältnisse äußerst niedrige Verschuldung durch. Doch jetzt erst wird er zum Vollblutpolitiker.

Im September gewinnt er gegen den Willen Biedenkopfs den Parteivorsitz, im März nominiert ihn die Partei zum Ministerpräsidenten. Schon am folgenden Abend hat das Mitglied des CDU-Bundesvorstandes sein erstes Gespräch mit dem Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber.

In der sächsischen Sache, das sagt Milbradt selbst, werde er nicht viel anders machen als Biedenkopf. Im Stil hingegen wird er sich erheblich von seinem Vorgänger unterscheiden, "König Georg" werden sie den uneitlen Professor sicher nicht nennen.

Auch seine Frau, eine in Dresden lehrende Ökonomie-Professorin, wird mitnichten Ingrid Biedenkopf nacheifern, die sich als Landesmutter zuletzt eher lächerlich als verdient gemacht hat. Er ahnt, dass es nicht leicht wird, die Lücke zu füllen, die der Übervater der sächsischen Union hinterlässt. Der neue Regierungschef nennt den alten auch heute noch respektvoll "Menschenfischer". Milbradt weiß, dass er nicht dessen "seltene Gabe" hat, Menschen "gefühlsmäßige Sicherheit zu vermitteln". Zwei Jahre hat er Zeit, die gespaltene Partei zu einen und die Sachsen zu überzeugen. 2004 muss er zeigen, ob auch er die absolute Mehrheit holen kann.

Ein sächsischer König, "irgendein August", erzählt Milbradt, hat seinen Vorfahren um 1750 einen Besitz im heutigen Polen garantiert; dass er nun selbst sächsischer Regent wird, erscheint ihm wie eine Pointe seiner Familiengeschichte.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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