Positive Teilchen zerstören den Tumor gezielter
In München entsteht Europas erste Klinik für die Krebsbehandlung mit Protonen

Mit Hilfe von Protonenstrahlen können Krebsgeschwulste gezielt bekämpft werden. Die Strahlen lassen sich besser steuern, so dass auch Tumore in der Nähe von empfindlichen Organen bekämpft werden können. In München entsteht nun die erste Klinik, in die eine solche Behandlung möglich wird.

DÜSSELDORF. In München wird zurzeit die erste europäische Protonenbehandlungsanlage für die Krebstherapie gebaut. Ab Ende 2004 sollen in der Klinik, die von der Firma Prohealth AG mit privaten Mitteln finanziert wird, vor allen schwerbehandelbare Krebsformen therapiert werden. Nach Expertenmeinung erhöht die Bestrahlung von Tumoren mit Protonen die Heilungschance gegenüber herkömmlichen Bestrahlungsformen um 30 %.

Die Strahlentherapie ist seit 100 Jahren ein fester Bestandteil in der Krebsbehandlung - entweder in Kombination mit Operation und Chemotherapie oder auch alleine. Rund 40 % der Patienten werden dabei heute mit Röntgenstrahlen behandelt. Diese Strahlen lösen in der Gewebezelle die Bildung von chemischen Radikalen aus - von Zellgiften die auf den Tumor wie auf gesundes Gewebe tödlich wirken. "Wir sind heute sehr genau in der Lage Tumore mit neuen Methoden der Bildgebung zu erkennen", sagt Jürgen Debus, Strahlentherapeut am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Es fehle allerdings in Europa bislang an Technologien, mit denen es gelingt, nur die Strahlendosis im Tumor verabreichen und das umgebende gesunde Gewebe schonen.

Die Protonenstrahlung komme der idealen Strahlenart schon sehr nahe, sagt der Krebsforscher. Protonenstrahlen haben zwar die gleiche Wirkung wie die von Röntgenapparaten, sie lassen sich jedoch in der Eindringtiefe durch eine entsprechend höhere oder niedrigere Beschleunigung viel gezielter steuern. "Die Protonen entfalten ihre stärkste Wirkung am Zielort, innerhalb des Tumors und belasten das gesunde Gewebe weniger stark", erläutert Debus.

Das ist besonders wichtig bei der Bekämpfung von Tumoren die in der Nähe von empfindlichen Organen wie dem Gehirn oder am Rückenmark liegen. Gleichzeitig kann die Strahldosis erhöht werden, wodurch die Heilungswahrscheinlichkeit bei einer großen Zahl von Tumorarten wesentlich verbessert werden: Während mit konventionelle Methoden etwa 30 % der Patienten mit Schädelbasistumoren geheilt werden können, erreicht man mit der Teilchentherapie Heilungsraten von 70 %. Das belegen Studien an Therapiezentren in den USA - an der Loma Linda University in Los Angeles und der Harvard University in Boston - sowie an zahlreichen kleineren Forschungsinstituten, wie dem Paul Scherer Institut in Villingen in der Schweiz.

In Europa erfolgt die Protonenbehandlung bislang überwiegend an Beschleunigern von physikalischen Instituten und "ist dadurch natürlich sehr eingeschränkt", sagt Jürgen Debus. Durch die Klinik in München werde künftig erstmals eine patientengerechte Behandlung mit Protonenstrahlen in Europa möglich.

In den vergangenen fünf Jahren gab es eine Vielzahl von Initiativen, die den Aufbau ähnlicher Therapiezentren zum Ziel hatten. Sie sind bislang an der Finanzierung der Vorhaben gescheitert. Aus diesem Grund hat der Münchener Arzt Hans Rinecker 1999 die Prohealth AG gegründet. Sein Ziel: eine solche Klinik mit privaten Mitteln zu finanzieren. "Ein Investitionsvolumen von über 120 Millionen Euro für ein Zentrum mit ambulanter Therapie übersteigt die Finanzkraft öffentlicher Kassen", sagt der Mediziner, dem es gelungen ist, Kreditinstitute wie die Bayerische Hypo- und Vereinsbank und Westdeutsche Landesbank sowie den Finanzinvestor Hannover Leasing von seinem Vorhaben zu überzeugen.

Um die teure Anlage zur Generierung der Protonenstrahlen optimal zu nutzen, wird die neue Klinik so gebaut, dass die Patienten nach und und nach in fünf nebeneinanderliegenen Behandlungszimmer bestrahlt werden können. Der Protonenstrahl wird über eine Weiche in die trichterförmigen Bestrahlungsanlagen geleitet und kann über so genannten Gantries in allen Raumrichtungen um den Patienten herumgeführt werden, so dass der Tumor von allen Seiten bestrahlt werden kann. Die Bestrahlungszeit dauert nur 90 Sekunden. Die Behandlung mit den Protonen muss in der Regel 15-mal wiederholt werden.

In einer Voruntersuchung werden durch Abtasten des Tumors mit einem Scanner die notwendigen Daten für die Behandlung gewonnen. Die Bestrahlung selbst wird über eine Software gesteuert. Der Arzt gibt dazu die notwendigen Daten in das Computersystem und erstellt einen individuellen Behandlungsplan für den Patienten, der bei jeder Sitzung abgerufen werden kann. "So erzielen wir trotz strengem Zeitplan eine auf den Krebskranken zugeschnittene individuelle Therapie", sagt Rinecker.

Der Münchener Mediziner rechnet damit, dass in seinem Zentrum rund 4 000 Patienten pro Jahr behandelt werden können. Damit nicht nur Patienten von der Protonenbestrahlung profitieren können. Wird neben der Klinik ein so genanntes Boardinghouse gebaut - eine Art Hotel in dem sich Krebskranke für die Zeit der Behandlung ein Zimmer nehmen können. "Die Kosten dafür sollen unter 100 euro pro Tag liegen, womit unser Angebot auch für Kassenpatienten bezahlbar ist", unterstreicht Rinecker und setzt sich damit gegen das Argument zur Wehr, dass eine Therapie in privatfinanzierten Kliniken nur von Privatpatienten bezahlbar sei.

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