Postengeschacher bei der Union hat begonnen
Merz will Merkel nicht kampflos weichen

Mit der Nominierung von Lothar Späth hat in der Union das Ringen um künftige Ämter und Aufgaben begonnen. Im Mittelpunkt steht der Machtkampf zwischen Angela Merkel und Friedrich Merz.

BERLIN. Für Michael Glos, den einflussreichen Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, ist das derzeitige Gerangel um mögliche Ämter in einer künftigen Bundesregierung angeblich kein Thema. "Mir macht meine Arbeit Spaß", schmunzelte Glos gestern bei Weißwurst und Brezeln, "und deshalb werde ich nach dem 22. September nicht nach irgendwelchen Posten schielen".

Dass andere im Kreis von CDU und CSU das sehr wohl tun, quittiert der fränkische Müllermeister spöttisch mit einem Brecht-Zitat: "Man sieht nur die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht". Was bedeutet das für die Politik? "Es muss auch Schattenmänner geben", witzelt Glos mit Blick auf jenes Schattenkabinett, das Kanzlerkandidat Stoiber lediglich als "Kompetenzteam" verstanden wissen will.

Die demonstrative Gelassenheit von Glos geht anderen innerhalb der Unionsführung jedoch ab. Hartnäckig halten sich Gerüchte, CDU-Chefin Angela Merkel wolle nach der Wahl zusätzlich den Chefsessel der Bundestagsfraktion übernehmen. Für Fraktionschef Friedrich Merz, so die Version, wäre das Bundesfinanzministerium vorgesehen.

Vereinbart worden sei dieser Deal zwischen Merkel und Stoiber zu Jahresbeginn bei den Verhandlungen über die Kanzlerkandidatur, heißt es im Konrad-Adenauer-Haus sowie in der Münchener CSU-Zentrale.

Merkel soll ihre Bereitschaft, Stoiber die Kandidatur zu überlassen und ihn im Wahlkampf rückhaltlos zu unterstützen, von dessen Zusage abhängig gemacht haben, den Fraktionsvorsitz zu erhalten. Gegen das entsprechende Votum der beiden Parteichefs, das weiß auch Merz, käme er trotz seiner starken Stellung in der Fraktion kaum an

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Merz bestreitet allerdings, dass Merkel sich bereits hinter seinem Rücken gegen ihn durchgesetzt hat. "Ich wüsste gar nicht, wo so etwas stattgefunden haben sollte", meint der 46jährige Sauerländer, schließlich sei er "Mitglied aller Führungsgremien in Partei und Fraktion".

Das stimmt, schließt aber nicht aus, dass der Deal zwischen Stoiber und Merkel bei ihrem berühmten Frühstück in Wolfratshausen dennoch an Merz vorbeigegangen ist.

Dieser wehrt sich aus mehreren Gründen dagegen, vom Fraktionsvorsitz verdrängt zu werden. Zum einen wird ihm "im Augenblick schon wieder viel zu viel über Personal gesprochen". Zum anderen will er sich nicht auf seine Rolle als Fachpolitiker festlegen lassen: "Ich bin gerne Fraktionsvorsitzender".

Im Falle eines Wahlsieges wäre das mächtige Amt des Finanzministers zwar kein Abstieg für Merz. Das Problem aber ist der potenzielle Koalitionspartner FDP: Wenn es Stoiber wirklich Ernst ist mit seinem Superwirtschaftsminister Späth - wie soll er dann die Liberalen noch davon überzeugen, neben dem Wirtschaftsressort auch auf das Finanzministerium zu verzichten?

Wenn Merz beim aktuellen Postengeschacher nicht aufpasst, könnte ihm sogar das Schicksal von Rudolf Scharping drohen. Der musste nach der 98er Wahl den Fraktionsvorsitz auf Drängen Schröders und des damaligen SPD-Chefs Oskar Lafontaine räumen und den gefährlichen Schleudersitz des Verteidigungsministers einnehmen.

Das Problem einer angemessenen Verwendung im Kabinett stellt sich aber nicht nur für Merz, sondern auch für Merkel. Die Ressorts Wirtschaft und Inneres sind bereits mit Späth und CSU-Mann Günter Beckstein besetzt. Für das Ressort Justiz fehlt Nicht-Juristin Merkel die Qualifikation. Das Auswärtige Amt und das Finanzministerium wären der FDP vorbehalten. Für die Vorsitzende der größeren Unionspartei bliebe also nur ein nachrangiges Ministerium - ein Unding für viele CDU-Anhänger, die sich bereits damit abfinden mussten, dass CSU-Chef Stoiber die Führung beider Schwesterparteien übernommen hat. "Wer Merkel den Fraktionsvorsitz verweigert," so eine CDU-Politikerin, der "will sie auch nicht mehr als Parteivorsitzende". Auch das wäre eine Erklärung.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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