Postmortales Persönlichkeitsrecht
Schadenersatz für Nacktfotos von Marlene Dietrich

Auch nach dem Tod von Prominenten dürfen Nacktfotos von ihnen nicht einfach in den Medien veröffentlicht werden. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) München am Freitag entschieden.

dpa/HB MÜNCHEN. Wegen der Veröffentlichung von Nacktfotos der Schauspielerin Marlene Dietrich im Nachrichtenmagazin "Focus" und der Tageszeitung "Die Welt" verurteilte der 21. OLG-Zivilsenat die beiden Verlage zu Schadenersatz. Sie müssen an Marlene Dietrichs Tochter und Erbin Maria Riva jeweils 5000 Euro zahlen. Die Schauspielerin habe sich zu Lebzeiten nie unbekleidet in der Öffentlichkeit gezeigt, die Fotos seien deshalb ein unzulässiger Eingriff in ihr "postmortales Persönlichkeitsrecht", befanden die Richter (Az.: 21 U 2654/02).

Das zu Burda gehörende Münchner Magazin "Focus" und die zum Axel Springer Verlag (Berlin) gehörende Zeitung "Die Welt" hatten im August 2001 die Aufnahme einer sitzenden nackten Frau veröffentlicht, die halb den Rücken und halb die linke Seite zeigte. Anlass war das Erscheinen des Buches über die Beziehung zwischen Marlene Dietrich und dem Schriftsteller Erich Maria Remarque. In "Focus" lautete die Bildunterschrift "Marlene Natur. Das einzig bekannte Nacktfoto von Marlene Dietrich stammt aus der Zeit, als sie mit Remarque liiert war." In der Bildunterschrift der "Welt" hieß es: "Ich umarme dich tausendmal, Dein Puma: Drei Jahre währte die seltsame Liebe der Dietrich mit Remarque." Ein "Focus"-Sprecher sprach von einem "elementaren Eingriff in die Pressefreiheit" und kündigte eine Revisionsklage gegen das Urteil bei Bundesgerichtshof (BGH) an. Das umstrittene Foto stamme aus einem Buch, das "Focus" rezensiert habe. Anstatt den Buchverlag zu verklagen, der das Buch mit dem Foto zur Verfügung gestellt habe, wolle die Tochter von Dietrich den Schadenersatz nun bei "Focus" geltend machen.

In der Urteilsbegründung des OLG hieß es, mit dem Tod einer Person erlösche zwar deren allgemeines Persönlichkeitsrecht, damit werde der Verstorbene aber nicht schutzlos. Vielmehr greife dann der für alle Bereiche greifende Schutz der Menschenwürde ein. Dieser Schutz könne aber nur gewährleistet werden, wenn man in entsprechenden Fällen neben Ansprüchen auf Unterlassung zugleich zum Zweck der Vorbeugung auch Entschädigungsansprüche zuerkenne.

Im Hinblick auf die Pressefreiheit gelte dies aber nur dann, wenn ein schwerwiegender und schuldhafter Eingriff in das postmortale Persönlichkeitsrecht vorliege. Ein solcher Eingriff liege im Fall Dietrich vor, befand das OLG. Die Schauspielerin, die sich zu Lebzeiten nie nackt in der Öffentlichkeit gezeigt habe, müsse sich nicht gefallen lassen, dass sie nach ihrem Tod in den Medien mit dem umstrittenen Foto unbekleidet Hunderttausenden von Menschen vorgeführt werde.

Schon zu Lebzeiten wäre eine solche Veröffentlichung aus dem Intimbereich laut Urteil als Verletzung der Menschenwürde anzusehen gewesen. Der Tod könne hieran nichts ändern, vielmehr sei gerade aus der Wehrlosigkeit wegen des Todes ein gesteigertes Schutzbedürfnis gegeben, betonten die Richter. Diesen Anspruch könne die Tochter als Erbin mit ihrer Klage geltend machen.

Das Landgericht München II hatte bereits am 6. März dieses Jahres - fast 10 Jahre nach dem Tod der Schauspielerin - die beiden Verlage verurteilt, eine Veröffentlichung von Dietrich-Nacktaufnahmen zu unterlassen. Im Berufungsverfahren ging es lediglich noch um die Frage, ob Marlenes Dietrichs einziger Tochter Schadenersatz zusteht. Das Landgericht hatte dies verneint und keine Herabwürdigung ihrer Mutter gesehen, dem folgten die OLG-Richter jedoch nicht.

Vergeblich hatten die Vertreter der beiden Verlage argumentiert, dass das Bild möglicherweise gar nicht Marlene Dietrich, sondern die ihr täuschend ähnlich sehende erste Frau von Remarque zeige. Nach OLG-Ansicht ist es jedoch ohne Bedeutung, ob das Foto wirklich die Verstorbene zeige. Denn beide Beiträge seien dahingehend beschriftet, dass es sich um die Schauspielerin handele, und der Leser verfüge über keine anderen Erkenntnisse. Das OLG-Urteil ist noch nichts rechtskräftig, die Verlage können es noch anfechten.

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