Potenziale wurden nicht genutzt
Kommentar: Pisa und der Föderalismus

Noch ist die nationale Pisa-Studie nicht offiziell präsentiert, da steht eins schon fest: Der deutsche Föderalismus hat eklatant versagt, und das auf einem seiner Hauptaktionsfelder, der Schulpolitik.

Das Ziel der annähernd gleichen Lebensbedingungen wird in den deutschen Schulen dramatisch verletzt - Bremer Kinder lernen wesentlich weniger als bayerische, sie gehen mit einer Hypothek ins Leben, die sie nicht wieder abtragen können. Und auch bayerische Kinder lernen viel weniger, als sie könnten, denn auch Bayern liegt im internationalen Vergleich nur im oberen Mittelfeld.

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Dagmar Schipanski, hält gleichwohl den Wettbewerb der Länder für "leistungsfördernd". Doch im Unterschied zur Wirtschaft, wo Wettbewerb meistens tatsächlich zu besseren und billigeren Gütern führt, muss er in der Schulpolitik versagen. Denn die Abnehmer, die Eltern und Kinder, können nicht wählen. Schon die Mobilität, die der Arbeitsmarkt Erwachsenen abverlangt, ist oftmals eine hohe Herausforderung. Die Vorstellung, Eltern könnten zudem noch wegen besserer Schulen etwa von Niedersachsen nach Baden-Württemberg umsiedeln, ist schlicht utopisch. Also müssen sie mit dem Angebot vor Ort vorlieb nehmen. Selbst in den Großstädten ist die Wahl meist eine Illusion. Der Abnehmer der Ware Schulbildung muss also das Angebot akzeptieren, das ihm serviert wird.

Doch selbst wenn sie die freie Wahl hätten, würde es ihnen nicht viel nutzen. Pisa hat gemessen, wo die Schüler mehr oder weniger lernen. Woran genau es aber liegt, dass bayerische Kinder, ganz zu schweigen von finnischen oder britischen, offenbar besser aufs Leben vorbereitet werden als sachsen-anhaltinische, ist noch lange nicht abschließend geklärt. Das liegt am fast unmöglichen Vergleich: Selbst die simple Frage, wie viel Stunden deutsche Schüler in welchem Land de facto unterrichtet werden, kann, so klagen die OECD-Experten, nicht seriös beantwortet werden, weil die Erhebungsmethoden zu unterschiedlich sind. Weil sie seit Jahrzehnten auf ihrem föderalistischen Klein-Klein beharren, fehlen den Bildungspolitikern die elementaren Daten, um darauf eine Politik aufzubauen. Ganz zu schweigen von den Eltern, die erst recht nichts in der Hand haben, um eine Schule auszuwählen.

Deshalb kann die Parole für die Zukunft nur heißen: Einheitliche Messungen aller relevanten Daten, einheitliche Standards und regelmäßige Tests in allen Stufen und vor allem auf nationaler Basis. Was bei Produkten der Markt erledigt, müssen in der Bildung unabhängige Wissenschaftler übernehmen. Auf die Selbstkontrolle der Länder kann nach den Erfahrungen der Vergangenheit kein Verlass sein. Selbst im Angesicht von Pisa haben sie zwar gemeinsame Bildungsstandards vereinbart - deren Überprüfung aber soll wieder Ländersache sein.

Das gilt auch für das Abitur: Mehrere SPD-Länder - Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Berlin - überlegen derzeit, zum Ärger ihrer Parteifreunde anderswo, ob sie das einst so geschmähte Zentralabitur einführen sollen. Aber wenn die zentrale und damit vergleichbare Abschlussprüfung für die Länder gut ist - dann müsste das eigentlich auch für ganz Deutschland gelten. Doch die Forderung nach einem bundesweiten Zentralabitur wagt nicht einmal die Bundesbildungsministerin.

Der freie Wettbewerb der verschiedenen Bildungskonzepte bis hin zur Konkurrenz benachbarter Schulen macht durchaus Sinn - aber nur wenn die Spielregeln für alle gleich sind und ihre Einhaltung streng kontrolliert wird. Unabhängig davon wird es offensichtlich ohne mehr Geld nicht gehen. Denn im OECD-Vergleich gibt die Bundesrepublik unterdurchschnittlich viel für ihre Schüler aus, mit unterdurchschnittlichen Ergebnissen. Im nationalen Ranking steckt von den Flächenländern Bayern das meiste Geld in seine Schulen und schneidet im Leistungsvergleich am besten ab.

Katastrophal sind die Pisa-Ergebnisse nicht nur für unsere Kinder, sondern zugleich für die deutsche Wirtschaft. Fast jeder vierte Schüler in Deutschland kann kaum richtig lesen - und ist auf dem Arbeitsmarkt daher fast nicht zu gebrauchen. Das erklärt zum Teil, warum uns schon heute in zahlreichen Branchen Fachleute fehlen, und zwar auf allen Qualifikationsebenen. Doch das ist nur der Anfang. Angesichts der sinkenden Schülerzahlen wird sich das Problem drastisch verschärfen. Wenn sich die Zustände an unseren Schulen nicht ganz schnell bessern, werden sich die Unternehmer schon bald nach den Personalproblemen des Jahres 2002 zurücksehnen.

Doch selbst wenn wir tatsächlich schnell für Abhilfe in der Bildungskatastrophe sorgen, kann das den 15-Jährigen, die 2000 getestet wurden, nicht mehr helfen. Schlecht vorbereitet werden sie in den kommenden Jahren ins Berufsleben eintreten - eine ganze Generation, die wesentlich weniger kann, als es möglich und notwendig wäre.

Es sind die Frauen und Männer, mit denen die Wirtschaft in den nächsten 20 Jahren zu Rande kommen muss. Pisa lehrt, dass die Potenziale dieser Menschen in der Schule bei weitem nicht genutzt worden sind. Deshalb muss schnell die Diskussion in Gang kommen, wie man das Versäumte wenigstens zum Teil nachholen kann - für Hochschüler, Berufsschüler, aber auch für das Heer der Unqualifizierten. Eine zentrale Rolle fällt der Weiterbildung zu - doch hier sind die Verhältnisse noch viel undurchsichtiger als in den deutschen Schulen. Die Pisa-Studie hat deutlich gezeigt: Der deutsche Föderalismus hat eklatant versagt, und das auf einem seiner Hauptaktionsfelder, der Schulpolitik. Das muss sich schnellstens ändern.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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