„Power Selling“
Großverdiener mit dem virtuellen Hammer

Trotz andauernder Krise am Neuen Markt werden im Internet noch Erfolgsgeschichten geschrieben. "Power Seller" heißen Menschen, die den professionellen Handel mit Waren bei Online-Auktionshäusern zu ihrem Beruf gemacht haben.

dpa BERLIN. "Das hat sich total verselbstständigt", sagt Marion von Kuczkowski. Eigentlich wollte sie nur Platz in ihrem überquellenden Kleiderschrank schaffen. "Da sagte eine Freundin aus Amerika zu mir: versteigere die Sachen doch im Internet." Das war vor zwei Jahren. Heute ist die 37-jährige Berlinerin eine der umsatzstärksten Power Sellerinnen beim Online-Auktionshaus Ebay und hat das erste Buch über ihre Arbeit verfasst.

Von Kuczkowski, die ihre Boutique in der Hauptstadt aufgab, um sich dem nur noch virtuellen Handel zu widmen, kauft ganze Lager von Restposten und Überhangware auf, die sie unter dem virtuellen Hammer feilbietet. "Die meisten Sachen stelle ich für ein Mindestgebot von einem Euro ins Netz und lasse sie fünf Tage stehen", sagt die Berlinerin, die "ein Vielfaches" ihres früheren Einkommens verdient.

Alle fünf Tage ist sie ausverkauft und ein neues Warensortiment muss her. "So schnell kann man in keinem Laden auf Trends reagieren", sagt von Kuczkowski. Sie muss den Markt genau kennen und beobachten, um dann schnell und umsichtig zu reagieren, so ihre Philosophie. "Aber genau das macht Power Selling ja aus: das Verkaufen mit Kraft und Power." Am besten gefällt ihr die Unabhängigkeit. "Heute verkaufe ich Klamotten, morgen Fernseher und dann vielleicht auch mal Wackelelvisse."

Deutschland ist ein gutes virtuelles Pflaster für die Power Seller: In keinem Land der Welt verbringen die Surfer mehr Zeit in Online-Auktionen: 132,3 Minuten verbrachten die deutschen Bieter im Februar dieses Jahres bei virtuellen Auktionen. Das entspricht knapp einem Viertel der insgesamt gesurften Zeit (567,1 Minuten), wie aus Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Jupiter MMXI hervorgeht. Amerikanische Internet-Surfer bewegen sich zwar fast doppelt so lang im weltweiten Netz (979,3 Minuten), verbringen jedoch nur durchschnittlich 115,5 Minuten bei Auktionsangeboten.

Der Geschäftsführer des mit fünf Millionen Nutzern größten deutschsprachigen Auktionshauses Ebay Deutschland, Philipp Justus, reklamiert für sein Unternehmen die Erfindung des Begriffs Power Selling. "Menschen, die in größeren Mengen verkaufen, haben wir zu Power Sellern verschiedener Größenordnungen ernannt". Mit virtuellen Plaketten in Gold, Silber und Bronze darf sich schmücken, wer in zwei von drei Monaten eines Quartals Artikel im Wert von mehr als 25 000, 10 000 und 2 500 Euro verkauft. Aber nicht nur der Umsatz macht einen Power Seller aus. "Mindestens 100 Kundenbewertungen müssen über einen potenziellen Power Seller vorliegen und mindestens 98 Prozent davon müssen positiv sein", sagt Justus.

Von Kuczkowski hingegen findet, das virtuelle Auktionshaus könnte sich mehr um seine Starverkäufer kümmern. Der Service sei schlecht, und "dadurch, dass Ebay das einzige Auktionshaus ist, das gut läuft, können sie viel diktieren". Besonders ärgert sie, dass mit der Euro-Einführung die Preise kräftig gestiegen sind und für Sonderleistungen extra gezahlt werden muss. "Wir müssen 3 bis 4 Prozent Provision bezahlen und eine Einstellungsgebühr für jeden Artikel."

Trotzdem bleibt die Berlinerin dabei, auch wenn der virtuelle Handel anstrengend ist. Marion von Kuczkowski sitzt jeden Tag "von 11 bis 4 Uhr Uhr morgens" vor dem Computer und pflegt ihre Seiten und ihre Kunden. "Mein Laden war dagegen ein Spaziergang," sagt sie.

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