Powerline kaum schneller als ein einfacher ISDN-Anschluss?
Powerline - Flop des Jahrzehnts oder ernstzunehmende Breitbandalternative?

DÜSSELDORF. "Wir sind zuversichtlich mit Powerline im Frühjahr 2001 starten zu können", sagt Andreas Preuß, Pressesprecher der RWE-Powerline Ob aus dieser Zuversicht auch Realität wird, bleibt abzuwarten. Schon seit Jahren verkünden Energieversorger und ihre Technologiepartner die unmittelbar bevorstehende Markteinführung von Powerline, das einen Highspeed-Internetzugang und Telefonie über das Stromkabel verspricht. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Ankündigungen vor allem ein Ziel hatten: die Aktienkurspflege.

Aber jetzt hat sich die Situation geändert. Den Energieversorgern läuft die Zeit davon. Der Countdown läuft, denn andere Breitbandtechnologien sind offenbar weiter entwickelt: ADSL und SDSL sind bereits am Markt und bedienen sich der alten Telefon-Kupferleitungen. Auch Kabelnetzbetreiber wollen das Fernseh-Kabel zum wahren Multimediakabel ausbauen. Der Richtfunk - WLL (wireless Local Loop) -, also die Nutzung von Radiowellen zur Überbrückung der "letzte Meile", ist schon am Markt und gilt als gute Alternative für Gebiete in denen Breitbandverbindungen nicht verfügbar sind. Der Satellitenempfang realisiert große Bandbreiten und ist besonders für Haushalte außerhalb der Ballungszentren interesssant.

In diesem Marktumfeld will sich nun auch RWE mit Powerline Communication (PLC) etablieren. Die Vision: Die Steckdose wird zur Kommunikationsschnittstelle. PLC verspricht ?Internet und Telefon über Stromkabel? und soll einen permanenten Anschluss an das Interent ?always on?- garantieren. Und dies ohne komplizierte Einwahl. Vielfältige Mehrwertdienste, wie die Indoor-Verkabelung und Aussensteuerung sind mit im Paket. Vor allem die Indoor-Verkabelung birgt im Powerline Gesamtpaket ein "grosses Marktpotenzial", ist sich RWE-Powerline Sprecher Preuß sicher. In diesem Marktsegment könnte Powerline zum ernsthaften Konkurrenten von Bluetooth (Funkverbindung zwischen Geräten im Inhouse-Bereich) avancieren - Drucker und PCs sind dann über das hauseigene Stromnetz ansteuerbar.

Für RWE hat die PLC-Technik einen unwiderstehlichen Reiz: Sie könnte ihre bestehenden Stromleitungen mit relativ geringem Aufwand für den Zugang zum Internet aber auch für die Sprachtelefonie aufrüsten und sich damit ein ganz neues Kundenfeld erschließen. So bezeichnete RWE-Vorstandsvorsitzender vor wenigen Wochen PLC als "wichtige Innovation für das Kerngeschäft" seines Konzerns.

Powerline kaum schneller als ein einfacher ISDN-Anschluss?

Auch PLC-Technologieanbieter wie die schweizerische Ascom AG, Siemens und die Oneline AG geben sich zuversichtlich, dass der Termin für die Markteinführung Frühjahr 2001 - Dreh- und Angelpunkt des Termins ist die CeBIT 2001 - eingehalten werden kann. Vor allem Marktführer Ascom, der in Deutschland mit dem RWE zusammenarbeitet, versprühte in den vergangenen Wochen ungetrübten Optimismus. "Die Zeit ist jetzt reif für Powerline", sagt Heinz Ranner, Vorstandsmitglied zuständig für Services und Content in der 1999 gegründeten Ascom Powerline Communications AG. "Wir arbeiten derzeit mit 16 Energieversorgungsunternehmen in elf europäischen Ländern, in Singapur und Hongkong zusammen", erklärt Ranner. An diesen Tests, so Ranner, seien weltweit 350 private und 150 gewerbliche Nutzer beteiligt. Es kämen 1200 Powerline Geräte zum Einsatz. Im Aussenbereich seien in der Signalübertragung Distanzen von rund 350 Metern erreicht worden - im Innenbereich 100 Meter. "Die mit Powerline zuverlässig erreichte Datenübertragungsrate liegt in der ersten Geräte-Generation bei 3 Mbit/s", führt Ranner zum Stand der Entwicklungen aus.

Der Haken ist allerdings, dass die Bandbreite mit der Zahl der Nutzer abnimmt. "Wenn bei einer Übertragungsrate von drei Megabit nur 30 User die Datenrate gleichmässig nutzen müssen, dann hat jeder nur 100 Kilobit pro Sekunde für seine Anwendung", erläutert Martin Gebhardt vom Institut für Industrielle Informationstechnik der Universität Karlsruhe. Damit wäre der Powerline-Anschluss gerade mal etwas schneller als ein einfacher ISDN-Anschluss. Gleichzeitig verweist Gebhardt auf das Internet-Surfverhalten. Es habe sich gezeigt, so Gebhardt, dass Nutzer in der Regel nur kurzzeitig eine hohe Datenrate benötigen. In der übrigen Zeit bleibt die Internetverbindung ungenutzt, weil die Informationen gelesen und verarbeitet werden müssen. "Dieser Sachverhalt wird im Konzept der PLC-Systeme berücksichtigt, so daß jeder Nutzer dynamisch stets die maximal zur Verfügung stehende Datenrate zugeteilt bekommt," sagt Gebhardt.

Damit werden aber auf der letzten Meile zukünftige Breitbandanwendungen wie etwa Video-on-demand, die einen konstanten Datenstrom von etwa 10 Mbit/s benötigen mit Powerline nicht realisierbar sein. "Für Video-on-demand über Powerline sehe ich wenig Zukunft, " erklärt auch Professor Klaus Dostert von der Universität Karlsruhe. Die PLC-Technik von Ascom plant beispielsweise in der nächsten Generation Powerline-Endgeräte mit einem Datendurchsatz von bis zu 10 Mbit/s, was dann gerade mal einen User zufriedenstellen würde. "Für Anwendungen innerhalb von Gebäuden existieren jedoch heute bereits PLC-Systeme mit Datenraten oberhalb von 10Mbit/s, so dass man bei der nächsten Generation durchaus mit ?Streaming-Video-Möglichkeiten? rechnen kann, erklärt Gebhardt.

Ein anderes Problem bei Powerline sind die noch ausstehenden Genehmigungen von Frequenzen durch die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP). "Wir rechnen damit die Genehmigung Ende des Jahres oder Angfang des kommenden Jahres zu erhalten", sagt RWE-Powerline-Sprecher Andreas Preuß. Das Problem: Bislang gab es bei der Übermittlung von Sprache und Daten über Stromkabel die Schwierigkeit, dass ab einer bestimmten Sendeleistung andere Funkdienste gestört werden können. Das Stromkabel entwickelt sich zur Antenne. Verbindliche Grenzwerte für die Störfeldstärken gibt es aber noch nicht. Auch warten die Powerline-Entwickler auf eine Frequenzzuweisung durch die RegTP. Aber, und das ist die Schwierigkeit der RegTP, alle Frequenzen sind belegt.

Die Behörde reagiert auf die Forderungen der potenziellen Powerline-Anbieter gelassen. "Wir spielen den schwarzen Peter für die ", sagt Harald Dörr, Sprecher der RegTP, der gleichzeitig darauf hinweist, dass seine Behörde den Powerline-Aktivitäten in Deutschland positiv gegenüber steht. Vor einigen Wochen hat die Regulierungsbehörde einen Fragebogen an alle potenziellen Powerline-Anbieter geschickt, um zu erfahren, wie das Marktpotenzial von Powerline gesehen wird. Für die RegTP sei dies ein "Übersichtsgewinn", wie Harald Dörr erklärt. Die Auswertung werde noch zwei bis drei Wochen in Anspruch nehmen. "Und dann wird man sehen", so der RegTP-Sprecher.

Es bleibt also spannend. Die Vorstellung, einen Highspeed-Internetzugang über das Stromkabel bis in die Gartenlaube zu legen, ist verführerisch - keine Frage. Aber kann Powerline auch die Anforderungen und Bedürfnisse der nächsten Breitbandanwendungen erfüllen? Die Technologie-Anbieter und Energiekonzerne sagen ?ja? - aber an Versprechungen ist man ja gerade aus der Powerline-Ecke schon einiges gewöhnt.

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