Prämien werden in den nächsten beiden Jahren steigen
Kreditversicherer: Kosten höher als Prämien

Die Rezession verhagelt den Kreditversichererndie Gewinne. Für geringere Risiken verlangen sie nun höhere Prämien - vor allem vom Mittelstand.
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DÜSSELDORF. Den 23. April 2002 wird Peter Kniebig noch lange verfluchen. Schon das erste Telefonat am Morgen verhagelte dem Berliner Dachdeckermeister kräftig die Laune. Mit kurzen Worten lies ihn sein wichtigster Baustoffgroßhändler wissen, dass er die seit Jahren geltenden Zahlungsfristen "aus Sicherheitsgründen leider von drei Monaten auf 14 Tage verkürzen" muss. Die nächste Horrornachricht kam wenige Minuten später von Kniebigs Versicherungsmakler. Bei ihm hatte der Handwerker bislang Forderungen an seine Auftraggeber abgesichert. Doch die Versicherung will nicht mehr. Schriftlich teilte sie mit, "den laufenden Vertrag leider nicht mehr verlängern" zu können.

Den Grund kann Kniebig nur erahnen: Ende März ist in Frankfurt der Baukonzern Philipp Holzmann Pleite gegangen. Die Insolvenz bedeutet für die Kreditversicherer einen Rekordschaden von mindestens 250 Millionen Euro. Hunderte mittelständischer Bauunternehmen hatten sich bei den großen deutschen Anbietern wie Hermes, Gerling NCModer Allgemeine Kredit gegen Zahlungsausfälle ihrer Auftraggeber versichert. Weil bei Holzmann nichts mehr zu holen ist, halten sie nun gegenüber ihrer Versicherung die Hand auf.

Die Insolvenz des Bauriesen ist nur die Spitze des Eisbergs. Über 32000 Unternehmenspleiten haben schon im vergangenen Jahr tiefe Spuren in den Bilanzen der Versicherungen hinterlassen - und "in diesem Jahr wird die Zahl wohl bis auf 40000 steigen", fürchtet Bernd Meyer, Chef des Kreditversicherers Gerling NCM. Prominente Fälle stapeln sich bereits auf den Schreibtischen der Schadensabteilungen. Für den ostdeutschen Baustoffhändler Mühl müssen die Assekuranzen nach ersten Schätzungen über 2,8 Millionen Euro auf den Tisch legen, der Münchner Flugzeugbauer Fairchild Dornier schlägt mit mindestens einer Million zu Buche und die Insolvenzen des Büroartikelherstellers Herlitz oder der Schneider Rundfunkwerke kosten 300000 Euro. Beträge, die auf den ersten Blick erträglich erscheinen, doch "die Masse der Schadensfälle summiert sich dramatisch. Das trifft uns sehr hart", sagt Hermes-Vorstand Walter Schmitt-Jamin.

Die Schaden-Kosten-Quote, eine der wichtigsten Kennzahlen in der Branche, ist bei Hermes, dem größten deutschen Kreditversicherer, 2001 von 85 auf 131 Prozent emporgeschnellt. Soll heißen: Für jeden als Prämie verbuchten Euro mußten die Hamburger 1,31 Euro für Schäden und Kosten hinblättern. Auch Gerling oder die Allgemeine Kredit in Mainz liegen weit über 100 Prozent - und die Rückversicherer sitzen ihnen bereits im Nacken. Bislang reichen Hermes & Co. noch etwa zwei Drittel ihrer Schäden an die Rückversicherer weiter. "Damit muß Schluss sein", fordert ein Versicherungsmanager. Bei der nächsten Verhandlungsrunde im November sollen sich die Erstversicherer bereit erklären, zukünftig einen höheren Anteil selbst zu tragen.

Bei ihren Kunden ziehen die Assekuranzen deshalb schon seit Monaten die Daumenschrauben an. "Wir müssen bei jedem einzelnen Vertrag die Prämie anheben", sagt Stefan Brauel, Vorstand der Allgemeine Kredit. Gerling-Manager Meyer will einen Aufschlag von durchschnittlich 15 Prozent durchsetzen. Das allerdings gilt nur für normale Verträge, die bislang nicht durch hohe Schäden aufgefallen sind. "Wer besonders heikle Forderungen versichern will, muss bis zu fünf Mal mehr zahlen als vor einem Jahr", hat Stephan Laakmann vom Fachmakler Lindschau & Partner festgestellt.

Dabei wird es nicht bleiben. Über neue Vertragsklauseln, die Laakmann "typische Folterinstrumente" nennt, wollen die Versicherer ihre Kunden in Zukunft zusätzlich zur Kasse bitten. Die Paragrafen tragen kryptische Namen wie Entschädigungsvorrisiko, Franchise oder schlicht Selbstbehalt. Ihr Sinn ist allerdings immer der gleiche: "Im Schadensfall sollen die Unternehmen deutlich höhere Anteile selbst tragen", sagt Laakmann.

Besonders hart trifft es Mittelständler, die in der Bau-, Konsumgüter oder IT-Branche arbeiten. Bei den Baukonzernen Walter und Strabag, oder Lebensmittelhändlern wie Spar und Tengelmann ist die finanzielle Lage so angespannt, dass sich die Versicherer mit dem Verkauf neuer Kreditpolicen sehr zurückhalten. Besonders fortschrittliche Unternehmer, die bei Hermes seit einem Jahr einen Vertrag im Internet abschließen konnten, schauen neuerdings in die Röhre: "Aufgrund der (...) wirtschaftlichen Lage bieten wir den Hermes-Schutz (...) für einzelne Forderungen bis auf weiteres nicht mehr an", müssen sie auf der Homepage lesen. Stattdessen konzentrieren sich die Versicherer nun auf große Pauschalverträge, die eine Vielzahl von Forderungen beinhalten. Auf diese Weise können sie ihr Risiko besser streuen.

Für den Mittelstand bedeutet der Druck der Assekuranzen "eine weitere Verschärfung der finanziellen Situation", glaubt Holger Tittko vom Deutschen Versicherungs-Schutzverband, der Interessengemeinschaft der Firmenkunden. Doch vielen Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als die neuen Konditionen stillschweigend zu schlucken. Denn die Kreditpolicen schützen nicht nur vor Zahlungsausfällen, sie sind für den Mittelstand vor allem ein bedeutendes Finanzierungsinstrument. "Wer den Kopf schüttelt und in Zukunft lieber auf eine Absicherung verzichtet, wird zwei Tage später zur Bank zitiert" prophezeit Makler Laakmann. Schließlich verpfändet ein Großteil der deutschen Mittelständler seine Forderungen mangels Eigenkapital an die Hausbank. "Ist die Sicherheit versichert, gewährt die Hausbank darauf je nach Branche 60 bis 70 Prozent Kredit. Ohne sind es maximal 30 Prozent."

Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Mindestens ein bis zwei Jahre werden die Prämien weiter steigen, prognostizieren die Versicherer unisono. Nur Bernd Meyer von Gerling NCM glaubt fest an eine baldige Wende: "Die Pleitewelle ist die Bugwelle des Aufschwungs. In zwei Jahren gehen wir an die Börse."

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