Prämienerhöhungen bis zu 300 Prozent
Versicherer setzen Daumenschrauben an

Nach den Anschlägen in den USA schrillen bei Versicherungen die Alarmglocken. Pauschale Deckungszusagen will kaum einer mehr geben. Die Industrie muss mit saftigen Prämienerhöhungen rechnen.

rl/sil/bef/brb DÜSSELDORF. Die härtere Gangart der Versicherer bekommen derzeit Firmen aller Größen und aus zahlreichen Bereichen zu spüren. Bei einer Tagung des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS), der Interessengemeinschaft der Firmenkunden, häuften sich in dieser Woche die Beschwerden. Dabei klagen nicht nur Branchenriesen wie Siemens über zurückgezogene Angebote der Versicherer. Auch Mittelständler wie die Bremer Nordmilch eG sind betroffen. Deren Versicherungsexperte Hero-Jan Stroman stellt fest: "Die Versicherer haben sich früher um uns gerissen. Jetzt versichern sie uns zwar noch, aber nur zu höheren Preisen." Beim Elektrogeräte-Hersteller Miele sieht es kaum anders aus. Dort überlegt man sogar schon, welche Versicherungen eventuell eingespart werden könnten.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft bestätigt den Trend zur teuren Prämie. "Nach unseren Beobachtungen wollen die Industrieversicherer die Defizite der vergangenen Jahre nicht weiter auflaufen lassen und bemühen sich, die Preise entsprechend zu erhöhen", sagt ein Sprecher. Die Beiträge steigen nach Handelsblatt-Informationen um bis zu 300 Prozent. Vorreiter dieser Entwicklung sind nach den Worten vom Chef der auf Industrieversicherungen spezialisierten XL Winterthur International, Willi Suter, die Rückversicherer. Sie, die "normale" Versicherer gegen Großschäden absichern, hätten "die Notbremse gezogen", weil sie die Hauptlast der Risiken tragen. Sie wollten sich nicht länger automatisch an den von den Erst-Versicherern übernommenen Risiken beteiligen.

Rückversicherer wollen keine pauschale Deckung mehr übernehmen

Im Klartext bedeutet das: Eine pauschale Deckung wird es nicht länger geben. Vielmehr werden die Rückversicherer jedes Risiko einzeln prüfen. Ohne ihre Rückversicherer aber sind die Erst-Versicherer nicht in der Lage, große Risiken zu tragen. Das wirkt sich auf die Endkunden aus. Erhöhen die Rückversicherer die Preise, dann müssen die Versicherer nachziehen, wollen sie nicht auf Verlusten sitzen bleiben.

Der Zeitpunkt für Neuverhandlungen ist günstig: Die Branche steht unter dem Schock der Ereignisse in den USA. Außerdem werden alljährlich im Herbst zwischen Versicherern und Rückversicherern die Konditionen für das kommende Jahr neu ausgehandelt. Diesmal wird es ein heißer Herbst, wissen alle Beteiligten. Unterstützung für die Versicherten ist auch vom Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen nicht zu erwarten. Grundsätzlich herrsche Vertragsfreiheit, heißt es von dort. Ein Versicherungsunternehmen könne keine Risiken übernehmen, die seinen Bestand gefährdeten.

Den Unternehmen bleibt also nichts anderes übrig, als sich auf höhere Prämien einzustellen. Wie sie das machen, ist zurzeit ihr Geheimnis. "Es ist schwieriger geworden", erklärt der Chemieriese BASF viel sagend. Konkurrent Bayer bestätigt lediglich, dass die Prämien für die Haftpflichtversicherung zum 1. Oktober angehoben werden, hält sich aber über die genaue Höhe bedeckt. Die Chemieunternehmen würden von einer drastischen Erhöhung der Prämien in einer äußerst schwierigen konjunkturellen Phase getroffen. In den vergangenen Wochen sind die Gewinnspannen der Unternehmen weiter geschrumpft und in manchen Bereichen auf historischem Tief. Seit den Terroranschläge hat sich die Lage noch verschärft. Bei Bayer droht in Teilen der Kunststoffsparte in diesem Jahr bereits Kurzarbeit.

Saftige Prämienerhöhungen stehen offenbar auch in der Autozulieferbranche an. Der weltweit drittgrößte und Deutschlands größter Autozulieferer, die Robert Bosch GmbH, hat nach eigenen Angaben jedenfalls Hinweise darauf, dass sich die Industrieversicherungen um bis zu 100 Prozent verteuern werden. Gespräche mit den Versicherungsgesellschaften werden im November geführt. Beim Reifen- und Fahrwerksspezialisten Continental AG in Hannover ist man ebenfalls hellhörig geworden. Mit wenigen Ausnahmen haben die Versicherungsgesellschaften alle Verträge zum 30. September gekündigt, oder haben die Laufzeiten bestehender Verträge verkürzt, berichtet ein Firmensprecher.

"Die Situation derzeit ist extrem heikel", bestätigt auch Jan Wulfetange, Versicherungsexperte beim BDI. Überall läuteten die Alarmglocken. Bereits seit einigen Monaten versuchten die Versicherer, höhere Prämien, geringere Deckungsbeiträge oder Ausschlüsse von Risiken bei den laufenden Verhandlungen durchzudrücken. Nach dem Lipobay-Skandal und den Terroranschlägen zögen die Versicherer jetzt noch stärker "die Daumenschrauben" an, so Wulfetange. Dies gelte für Haftpflicht-, Sach- und für Betriebsunterbrechungspolicen.

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