Präsident Grandi will Videobeweis
Turn-Diva trauert im Stillen

Während die russische Turnerin Swetlana Chorkina an ihrem Paradegerät Stufenbarren patzte, plant der Welt-Turnverband eine Reform des umstrittenen Regelwerks.

HB ATHEN. Bitterer hätte der Abgang für die russische Turn-Königin in Athen wohl nicht sein können: Bei der eineinhalbfachen Riesenfelge waren ihre Träume geplatzt, als erste Athletin in der Olympia-Geschichte den goldenen Hattrick am Stufenbarren zu vollenden. Sie musste vom Gerät. Aus. Vorbei.

Viele Höhen und Tiefen hatte sie in ihrer fast 20-jährigen Sportkarriere durchlitten, doch dieser Absturz glich einem Schock. Auf dem Podium entgleisten ihr die Gesichtszüge, die Wertung ihrer Übung konnte die neunmalige Weltmeisterin überhaupt nicht mehr mit ansehen. Da half auch der tröstende Beifall der 12 000 Fans, die erst wenig später beim historischen Erfolg des einheimischen Dimosthenis Tampakos an den Ringen so richtig aus sich herausgingen, nur wenig.

Sorgen ganz anderer Art plagen seit einigen Nächten Bruno Grandi, den Präsidenten des Weltverbandes FIG. "Ich bin sehr unglücklich über diese Situation", meinte der Italiener angesichts des neuerlichen Skandals um umstrittene Kampfrichter-Wertungen und der erfolgten Suspendierung von drei Referees nach dem Mehrkampf-Finale der Herren.

"Wir müssen schnellstens handeln", erklärte Grandi und kündigte gegenüber italienischen Zeitungen eine erneute Revolution des Bewertungssystems an. Möglichst schon beim FIG-Kongress am 22./23. Oktober in Antalya möchte der Präsident die Zulassung des Videobeweises zur Korrektur falscher Kampfrichter-Entscheidungen einführen. "Für mich ist dies der einzige Weg zur Lösung der Probleme", meinte Grandi. Zudem ist daran gedacht, die Kampfgerichte von sechs auf fünf Kampfrichter zu reduzieren und eine Fristbegrenzung für Einsprüche festzulegen.

Wegen des noch schwebenden Verfahrens - am Montag reichte die Mannschaftsleitung Südkoreas den Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen die Barren-Wertung ihres Turners Tae Young ein - ist Grandi bemüht, in Athen die Situation unter Kontrolle zu halten, um nicht eine Flut weiterer Proteste gegen Tatsachen- Entscheidungen auszulösen. Schon am Montag versuchten die Bulgaren mit der Ankündigung eines Protestes gegen die Wertung des Ringe- Finals wegen eines angeblich zu hohen Ausgangswertes für Sieger Tampakos die derzeit angespannte Situation um die Kampfrichter zu ihren Gunsten auszunutzen.

"Es ist wie beim Fußball. Wir können nicht ein Ergebnis ändern, nur weil ein Tor zu Unrecht erzielt wurde", bestätigte Grandi indirekt, dass mit dem Amerikaner Paul Hamm der falsche Turner Olympiasieger wurde. Indes kursierten in der Turn-Arena sogar Gerüchte, wonach Grandi den US-Boy gebeten haben soll, die Goldmedaille aus sportlicher Fairness zurückzugeben. Dieser soll jedoch abgelehnt haben. "Ich akzeptiere, was immer die FIG entscheidet. Es wäre doch unhöflich von mir, jetzt Widerspruch gegen diese Entscheidungen einzulegen", meinte Hamm.

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