Präsident Jobst Plog will deutsch-französischen Sender nicht allein auf Kultur beschränken
Kulturkanal Arte will mehr Informationen bieten

Arte soll die Kulturnische verlassen. Der scheidende Arte-Präsident und NDR-Intendant Jobst Plog fordert, in Zukunft verstärkt auf Information im Programm zu setzen.

HAMBURG. Im Jubiläumsjahr geht der deutsch-französische Kulturkanal Arte in die Offensive. Der vor zehn Jahren gegründete Straßburger Sender soll künftig mehr Informationssendungen und Nachrichten senden. "Neben der Kultur benötigt Arte ein weiteres Standbein - die Information", sagte Arte-Präsident Jobst Plog dem Handelsblatt. "Kultur alleine ist für die Zukunft zu wenig. Arte braucht künftig einen europapolitischen Schwerpunkt im Programm." Mit der derzeitigen Struktur stoße Arte an Grenzen, prognostiziert der 61-jährige Hamburger Rundfunkmanager.

Plog führt zurzeit eine Debatte zur neuen Strategie und Zielsetzung. In einem Entwurf eines Arte-Entwicklungsplanes bis 2005, der dem Handelsblatt vorliegt, wird neben dem Kultur- auch ein Informationsauftrag festgeschrieben. "Darüber hinaus informiert Arte über wichtige politische Ereignisse und spiegelt die gesellschaftlichen Entwicklungen in den Ländern Europas und der Welt wider", heißt es in dem Entwurf, der von der Mitgliederversammlung am 16. Oktober in Straßburg verabschiedet werden soll.

Aus der Sicht der Arte-Zentrale ist die Neuausrichtung eine logische Konsequenz. "Bereits jetzt schlägt sich die europäische Ausrichtung von Arte nieder, denn ein großer Anteil unseres Programms kommt weder aus Deutschland noch aus Frankreich", sagt Hans-Walter Schlie, im Sender zuständig für strategische Entwicklung. Bereits rund 30 % aller Inhalte stammten aus dem übrigen Europa. NDR-Intendant Plog, der zum Jahresende als Arte-Präsident ausscheidet und den Vorsitz der ARD übernimmt, sieht gute Chancen für den Ausbau der Informationsprogramme. Die Wettbewerbssituation sei günstig. Arte hofft von den Problemen des in Lyon ansässigen europäischen Nachrichtensenders Euronews zu profitieren. Plog ist sich sicher: "Euronews bleibt wegen seiner schwachen Finanzen in Europa chancenlos." Diese Lücke will er mit Arte füllen. Doch längst nicht alle Partner sind überzeugt. "Wollen wir wirklich ein zweites Euronews?", fragt ein öffentlich-rechtlicher Manager.

Bei der Neuorientierung soll Arte auch mit Traditionen brechen. "Ich könnte mir vorstellen, dass Arte künftig bei Informationssendungen mit getrennten Moderatoren für die deutschen und französischen Zuschauer arbeitet. Das ist ein Tabu, denn manche fürchten - allerdings zu Unrecht - , dass das der Anfang vom Ende ist." Zum Ärger vieler Zuschauer werden zurzeit bei Arte zum Beispiel französische Nachrichtensprecher simultan auf Deutsch übersetzt. "Die Zuschauer akzeptieren die Technik des Voice-overs bei Nachrichten nicht ausreichend", gestand Plog ein. Die Zentrale bringt den Ideen einer getrennten Präsentation große Sympathien entgegen. "Wir würden es sehr gerne machen, aber das kostet Geld", sagte ein Arte-Manager in Straßburg.

Mit einer stärkeren Ausrichtung auf Information will Arte auch seine Quote stabilisieren. Bisher erzielt der Kultursender in Deutschland nur einen Zuschaueranteil von rund 0,8 %. "Wir haben unser Ziel einer Quote von 1% in Deutschland nicht erreicht", gesteht Plog ein. In Frankreich erreichte Arte im vergangenen Jahr dank der landesweiten Verbreitung über Antenne immerhin 3,1 % aller Zuschauer.

Der vor zehn Jahren vom französischen Präsidenten Mitterrand und Bundeskanzler Kohl initiierte Sender wird von ARD und ZDF in Kooperation mit Arte France betrieben. Aus der Kasse der deutschen Gebührenzahler kommen rund 140 Mill. Euro des Etats von etwa 300 Mill. Euro bei. "Arte war von Anfang an als europäischer Kulturkanal geplant und nicht allein als Zweiländer-Projekt", sagt Plog. Doch bei der Finanzierung bleibe Arte weiter ein binationales Projekt. "Neue Mitglieder zu bekommen, erscheint derzeit aussichtslos. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in anderen europäischen Ländern fehlt schlichtweg das Geld", beklagt der Intendant. Das italienische und spanische Fernsehen RAI und RTVE sind schwer verschuldet und die britische BBC winkt dankend ab.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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