Präsident Putin steht unter Druck, Lösungen für den Konflikt zu suchen
Russlands offene Wunde Tschetschenien blutet weiter

Der Krieg in der abtrünnigen Tschetschenien-Republik, der eng mit der Amtszeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin verbunden ist, hat die russische Hauptstadt in diesem Jahr auf dramatische Weise erreicht:Tschetschenische Rebellen nahmen Ende Oktober mehr als 700 Besucher eines Moskauer Musicaltheaters als Geiseln.

MOSKAU. Seither lässt der Kreml seine Truppen im Kaukasus noch rigoroser vorgehen; die in die Nachbarrepubliken geflohenen Tschetschenen werden bereits zwangsweise in ihre frühere Heimat deportiert. Denn im kommenden Jahr will Putin "Normalität" in der zerschundenen Republik beweisen: Im Frühjahr 2003 soll Tschetschenien über eine eigene Verfassung abstimmen und später einen eigenen Präsidenten wählen.

Freie und faire Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt, an dem der Krieg unvermindert anhält, und ohne Einbeziehung gemäßigter Rebellen hält der tschetschenische Duma-Abgeordnete Aslanbek Aslachanow für "vollkommen unmöglich". Wie in Afghanistan nach der Beendigung des fundamentalistischen Taliban-Regimes müsse es eine Art Loya Jirga geben, eine Versammlung wirklich aller Stämme und Volksgruppen, was eben auch Teile der Kämpfer einschließe. Sonst komme eine Lösung heraus wie schon im ersten Tschetschenien-Feldzug russischer Truppen von 1994 bis 1996: Ein "gewählter" Präsident von des Kremls Gnaden, der bereits nach wenigen Monaten flüchtete und heute Moskaus Mann als Botschafter in afrikanischen Staaten ist.

Keine Verhandlungen mit den Rebellen

Verhandlungen mit den Rebellen scheint Putin aber nach Meinung politischer Beobachter in Moskau auszuschließen; sonst hätten russische Behörden den gemäßigten Rebellenvertreter Ahmed Sakajew nicht in Dänemark und England vorübergehend in Untersuchungshaft bringen lassen. Sakajew ist Unterhändler des offiziell gewählten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow. Dieser zählt innerhalb der Kämpfer-Gruppen zu den Liberalen und hat sich immer wieder für Friedensverhandlungen ausgesprochen.

Doch an Verständigung haben die Falken beider Seiten kein Interesse - weder die Separatisten noch die Freischärler, die inzwischen stärker islamistisch geprägt sind, noch im russischen Lager Armee und Geheimdienst. Sie machen nach Ansicht von in Tschetschenien aktiven internationalen und russischen Menschenrechtsgruppen das Ausplündern der kleinen Republik zum lukrativen Nebenerwerb zu ihren kärglichen Sold-Zahlungen.

Putin selbst und seine Regierung haben seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington auf internationaler Bühne zunehmend Erfolg damit, den Krieg im Kaukasus als Operation gegen einen Teil des weltweiten Terrorismus darzustellen. Seither haben sie sich immer mehr auf eine militärische Lösung, flankiert durch ein vom Kreml eingesetztes Marionettenregime, versteift.

Putin zahlt hohen Blutzoll

Das einzige, was Putin zum Beenden des Feldzuges veranlassen könnte - angesichts der Präsidentenwahl im Frühjahr 2004 in Russland -, ist der hohe Blutzoll, den seine Uniformierten im Kaukasus zahlen müssen: Allein nach offiziellen Angaben sind bisher rund 5 000 russische Soldaten in Tschetschenien gefallen. Menschenrechtler und die Organisation der Soldatenmütter gehen nach ihren eigenen Erhebungen dagegen vom Zwei- bis Dreifachen aus. 15 000 tote Soldaten wären soviel, wie der zehn Jahre dauernde Krieg der früheren Sowjetunion in Afghanistan gefordert hat.

Bislang ist die hohe Opferzahl noch nicht zum politischen Problem für Putin geworden, da vor allem Rekruten und junge Soldaten aus den tiefsten russischen Provinzen in den militärischen Einsatz nach Tschetschenien geschickt werden. Im Gegensatz zu den großen Metropolen verfügen die zahlreichen Provinzen des Riesenreichs über keinerlei politischen Einfluss. Allerdings steigen in letzter Zeit die russischen Verluste wieder erheblich, da sich die tschetschenischen Bojewiki (Kämpfer) aus russischen Armee-Beständen tragbare "Igla"-Raketen gekauft haben, mit denen sie immer öfter russische Militärhubschrauber abschießen. Die Russen drohten damit sogar ihre Lufthoheit zu verlieren, warnt der Moskauer Militärexperte Pawel Felgenhauer. Zudem herrsche auf Seiten der Rebellen "kein Mangel an tschetschenischen Mädchen und Jungen, die nur darauf aus sind, zu den Waffen zu greifen und Russen zu töten".

Und dies alles, obwohl Präsident Putin bereits mehrfach davon gesprochen hat, der Krieg sei beendet, es liefen nur noch Sonderoperationen gegen einzelne Rebellen-Formationen. So sind in Tschetschenien weiterhin 87 000 Mann stationiert, darunter etwa 40 000 Offiziere und Soldaten der Armee, dazu Angehörige des Inlandsgeheimdienstes FSB und des Innenministeriums. Im Kaukasus also nichts Neues, könnte man in Anlehnung an den auch in Russland viel gelesenen Kriegsschriftsteller Erich Maria Remarque schlussfolgern.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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