Präsident trägt persönlich die Konsequenzen
Analyse: Putin ist gegen Kritik immun

Wladimir Putin hat dazu gelernt. Anders als bei Katastrophen wie dem Untergang des U-Bootes Kursk nahm Russlands Präsident die Bewältigung der Geiselnahme in Moskau in die eigenen Hände - und trägt nun persönlich die Konsequenzen. Und die fallen - trotz aller Kritik am rücksichtslosen Vorgehen der Sicherheitskräfte - positiv aus.

HB MOSKAU. Im Inland trifft Putins harte Linie gegen die Tschetschenen auf breite Zustimmung, der Präsident wird mehr für die kaum noch erhoffte Rettung von rund 700 Geiseln gelobt als für den Gastod von mindestens 115 Theaterbesuchern gegeißelt. Wie bei der Wahl 2000 setzt Putin auch mit Blick auf seine Wiederwahl in knapp anderthalb Jahren auf das Image des Hardliners. Die weitgehende Gleichschaltung der nationalen Medien verhindert, dass Kritik an dieser Strategie, die weder auf tschetschenische noch andere russische Menschenleben Rücksicht nimmt, Wirkung entfaltet.

Im Ausland dagegen überwiegt das Entsetzen über den rücksichtslosen Gaseinsatz, der Geiseln wie Terroristen traf und auf den die Notärzte völlig unvorbereitet waren. Zudem wurde auch der Westen Opfer der Desinformation: Nur einige Dutzende Tote gebe es; nachdem die Terroristen die Erschießung der Geiseln begonnen hätten, habe man das Theater stürmen müssen; hieß es zunächst. Zwei Unwahrheiten, stellte sich bald heraus - doch da hatten Berlin, London und Washington Putins Aktion bereits gut geheißen.

Hinter dieses Urteil können die Staatschefs nicht mehr zurück, öffentliche Kritik an Moskaus Vorgehen darf niemand erwarten. Denn erstens kann sich kein Regierender von der Möglichkeit freisprechen, selbst in eine solche Situation zu geraten und ähnlich hart zu reagieren. Sicher, die Rettungskräfte in Deutschland oder anderswo wären auf die Versorgung der Opfer besser vorbereitet, doch auch in den USA könnten derart gefährliche Gewaltverbrecher nicht mit Schonung rechnen.

Zweitens ist Kritik an Putin als Protagonisten der Anti-Terror-Koalition tabu. Gerade in der US-Regierung, die mit den Russen über eine harte Uno-Resolution gegen den Irak ringt, wird sich niemand zu einer eindeutigen Bewertung durchringen. Dennoch dürfen sich weder Amerikaner noch Europäer davor drücken, jetzt erst Recht auf Russlands fatale Politik in Tschetschenien hinzuweisen. Putin darf es nicht gelingen, die Vernichtungsfeldzüge in der Kaukasusrepublik mit dem 11. September und dem islamistischen Terror zu rechtfertigen. Moskaus Politik ist keine Strategie gegen den Terror, sondern genau das Gegenteil: Erst die brutale Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung machte die Republik zur Hochburg der Kriminalität und des islamistischen Terrors, nicht umgekehrt.

Auch Putin ahnt längst, dass er militärisch nicht voran kommt, sieht aber keine Alternative. Nachdem sich der "Eiserne Wladimir" seinen Wählern erneut bewiesen hat, könnte er diesen Bonus für einen politischen Vorstoß nutzen, hoffen Optimisten. Doch die Frage ist, ob Putin dafür in Grosny noch Partner findet. Alle tschetschenischen Politiker von Gewicht wurden getötet oder ins Lager der Extremisten gedrängt. Bis zuletzt konzentrierte sich die Hoffnung auf Aslan Maschadow, den gewählten Präsidenten der Tschetschenen. Doch ausgerechnet auf ihn beriefen sich die Geiselnehmer von Moskau. Daher klingt Putins neuer, noch härterer Ton gegen alle Tschetschenen, wie ein Ausdruck der Perspektivlosigkeit.

Quelle: Handelsblatt

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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