Präsident von Telecom Italia
Tronchetti: Der König des Italo-Kapitalismus

In einer Nacht-und-Nebelaktion übernahm Tronchetti die Führung von Telecom Italia. Sein bisher wichtigster Erfolg: Der Konzern genießt wieder das Vertrauen der Anleger.

MAILAND. Wenn Marco Tronchetti Provera mit seiner jungen Frau an der mondänen Promenade von Portofino flaniert, dreht sich sogar der alte Gemeindepfarrer um: So viel Schönheit ist ungewöhnlich - selbst für den sonst so verwöhnten Nobelort an der italienischen Riviera. Kein Wunder also, dass der grau melierte 53-jährige Tronchetti und die 37-jährige Afef Jnifen, das lockige Ex-Fotomodell aus Tunesien, alle Klatschspalten der italienischen Boulevardpresse füllten, als sie sich im letzten Herbst das Jawort gaben.

Für Tronchetti handelte es sich bereits um die dritte Hochzeit in seinem Leben und um die zweite gewichtige Entscheidung des vergangenen Jahres. Denn im Sommer hatte er sich auf ein geschäftliches Abenteuer eingelassen, das sein Leben mindestens so stark verändern sollte wie die Ehe mit der schönen Afef. In einer Nacht-und-Nebelaktion übernahm der Chef des Reifen- und Kabelherstellers Pirelli gemeinsam mit dem Textilindustriellen Luciano Benetton kurzerhand die Führung bei einem der wichtigsten Unternehmen des Landes: bei Telecom Italia (TI).

Seit Tronchetti das Präsidentenamt beim viertgrößten Telekomkonzern Europas - zusätzlich zu seinem Chef- und Präsidentenposten bei Pirelli - übernommen hat, ist nichts geblieben, wie es war. Ein regelrechter Orkan der Finanzmärkte brach über Tronchetti herein. Der Aktienkurs von Pirelli stürzte ins Bodenlose. Die ihm bis dato so wohl gesinnte Wirtschaftspresse kritisierte den Überraschungsdeal als undurchsichtig und "typisch italienisch". Will heißen: wenig Geld für maximalen Einfluss.

Und in der Tat - rechnet man die komplexe Operation nach, hat Tronchetti mit nur 100 Millionen Euro eigenen Mitteln die Kontrolle über einen Konzern erlangt, der seinerzeit mit 55 Milliarden Euro bewertet wurde. Vehikel für den Deal war eine achtstöckige Holdingkonstruktion, an deren Spitze Tronchetti steht.

Er hat stets beteuert, dass es ihm bei dem waghalsigen Abenteuer nicht um die in der italienischen High Society üblichen Machtspielchen gehe. Er habe eine seriöse industrielle Strategie. Bis heute gibt es aber Beobachter, die daran zweifeln. Sie glauben vielmehr, dass der ehrgeizige Sohn einer Mailänder Unternehmerfamilie lediglich den altehrwürdigen Fiat-Patriarchen Giovanni Agnelli als König des italienischen Kapitalismus beerben will. "Tronchetti will einfach ganz oben stehen, das ist bei ihm genetisch bedingt", sagt ein Banker, der ihn kennt.

Diese These ist keineswegs von der Hand zu weisen. Sie greift aber zu kurz. Erstens hat Tronchetti seit der Übernahme Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt. Alle Partys auf seiner 24-Meter-Yacht hat er gestrichen. Stattdessen hat er sich zügig darangemacht, Telecom Italia neu auszurichten. Er hat viele Beteiligungen bereits verkauft, um das Unternehmen künftig auf die Kernkompetenzen auf dem heimischen Markt und in Südamerika zu konzentrieren. Damit hat er sich von der Großmannssucht seines Vorgängers Roberto Colaninno distanziert, der aus dem Konzern einen global operierenden Telekommunikations- und Medienanbieter formen wollte und scheiterte.

Zweitens besitzt der dreifache Vater als Manager eine außergewöhnlich gute Erfolgsbilanz. In den vergangenen zehn Jahren hat der cool und leise auftretende Mitinhaber des italienischen Spitzenfußballclubs Inter Mailand den Pirelli-Konzern von einem Sanierungsfall zu einem Top-Unternehmen geformt - mit modernen Führungsmethoden, Teamwork und jeder Menge technischer Innovationen. Warum sollte ihm Ähnliches nicht auch mit Telecom Italia gelingen?

Beim jährlichen Strategietreffen ist es dem stets braun gebrannten und elegant gekleideten Tronchetti gestern gelungen, Analysten, Bankern und Journalisten seine Vision näher zu bringen. Bohrende Fragen beantwortete er mit seiner vornehmen, aber bestimmten Art. Er trat nicht wie ein temperamentvoller Italiener, sondern wie ein kühler Angelsachse auf.

So überzeugte der Vater dreier erwachsener Kinder einst auch seinen damaligen Schwiegervater Leopoldo Pirelli davon, ihm trotz der Trennung von dessen Tochter Cecilia die Führung seines Konzerns zu überlassen - ein Stil, mit dem Marco Tronchetti Provera auch künftig in der Finanzwelt Pluspunkte sammeln dürfte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%