Präsidentenwahl in Italien
Rauchzeichen aus Rom

MAILAND. Bereits am Montagnachmittag gaben die rund 1 000 Stimmberechtigten - Senatoren, Abgeordnete und Vertreter der Regionen - ihr erstes Schauspiel: Einzeln traten sie an, um in einer der drei eigens aufgestellten gewölbten, hölzernen Wahlkabinen ihr Kreuz zu machen - oder auch nicht. Denn 438 Stimmzettel waren beim ersten Wahlgang blank. Wie das zu verstehen ist? Als Zeichen für weitere Verhandlungsbereitschaft der Mitte-links-Koalition.

Darauf muss man erst einmal kommen. Nicht nur die Vorbereitungen der Präsidentenwahl sind verwirrend, der Kandidat kann noch wenige Minuten vor der Abstimmung ausgewechselt werden. Auch die Taktiken, die diese wichtige Wahl - immerhin verfügt der Präsident bei Gesetzen über ein Vetorecht - bestimmen, sind nur schwer zu verstehen.

Ein Blick zurück: Der ursprüngliche Kandidat von Romano Prodis Koalition, der Linksdemokrat (DS) Massimo D'Alema, war bei Silvio Berlusconi auf so heftigen Widerstand gestoßen - er drohte gar mit einem Steuer-Boykott -, dass die Linke Giorgio Napolitano als Ersatzkandidaten aufstellte. Napolitano gilt soll moderater sein als D'Alema. Und ihm wurden auch im konservativen Lager Chancen eingeräumt, den scheidenden Präsidenten Carlo Azeglio Ciampi zu ersetzen. Sogar die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" sieht den Ex-Kommunisten und Ex-Innenminister Napolitano als geeigneten Kompromiss für beide Seiten. D'Alema selbst kommentierte die Nominierung mit den Worten: "Napolitano ist als Kardinal hineingegangen und wird als Papst wieder herauskommen" - in Anspielung auf die Redewendung, dass, wer als Papst-Kandidat ins Konklave tritt, wieder als Kardinal herauskommt.

Allerdings konnte Berlusconi auf die Schnelle nicht überzeugt werden, und so ordnete Prodi seiner Gefolgschaft auch gestern Morgen beim zweiten Wahlgang an, die Stimmzettel leer abzugeben. Absurderweise blieben sie mit ihrer Taktik nicht allein: Berlusconis Forza Italia und deren Partner Alleanza Nazionale ließen ebenfalls ihre Zettel leer, anstatt wie am Vortag Gianni Letta zu wählen. Und so kam es, dass der Präsident der Abgeordnetenkammer, der Kommunist Fausto Bertinotti, gestern Mittag gleich 724 leere Zettel von 972 abgegebenen Stimmen vorlas. Wie man die leeren Zettel der Rechten zu verstehen hat? Als klares Nein an Napolitano. "Unsere Wähler würden das nicht verstehen", sagte Berlusconi und drohte mit weiteren Blanko-Zetteln.

Wer letztendlich als neuer Staatspräsident in den Palazzo del Quirinale einziehen und damit endlich Prodi mit der Regierungsbildung beauftragen kann, wird sich vielleicht heute entscheiden. Denn auch beim dritten Wahlgang gestern Abend, bei dem noch immer eine Zweidrittelmehrheit nötig war, überwogen die leeren Stimmzettel. Ab dem vierten Wahlgang heute reicht auch die absolute Mehrheit. Voraussichtlich wird Napolitano für den ersehnten weißen Rauch sorgen. Aber vielleicht wird es auch ein Überraschungskandidat - wie schon oft in Italiens Geschichte. Und ganz wie bei der Papstwahl.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%