Präsidentschaftswahl
Opposition feiert Sieg über Milosevic

In Belgrad hat das Volk am Donnerstag das Parlamentsgebäude erobert und das staatliche Fernsehens unter seine Kontrolle gebracht. "Guten Abend, befreites Serbien", rief Kostunica seinen Anhängern zu, die das Zentrum von Belgrad bevölkerten.

Reuters BELGRAD. In Belgrad hat das Volk am Donnerstag das Parlamentsgebäude erobert und das staatliche Fernsehens unter seine Kontrolle gebracht. Auch die amtliche Nachrichtenagentur Tanjug, bislang das Sprachrohr des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevics, wechselte offenbar die Seiten: Sie bezeichnete Oppositionschef Vojislav Kostunica am Donnerstagabend als neuen Präsidenten. Polizisten schlossen sich den Menschen an, die am Abend zu Hunderttausenden ihren Sieg über Milosevic feierten. Über dessen Aufenthaltsort gab es keine Informationen. Drei Militärflugzeuge sollen Belgrad verlassen haben. Das nährte Gerüchte über eine Flucht Milosevics. Laut Beta soll ein Mädchen bei den Protesten getötet worden sein.

"Guten Abend, befreites Serbien", rief Kostunica seinen Anhängern zu, die das Zentrum von Belgrad bevölkerten. Serbien sei auf der Straße der Demokratie, wo es keinen Platz für Milosevic gebe. Zugleich rief er die Menschen zur Gewaltlosigkeit auf. "Serbien dreht eine Siegerrunde und auf der Rennstrecke ist kein Slobodan Milosevic", rief Kostunica den jubelden Anhängern zu. Die Menge rief zurück: "Er ist am Ende" und "Verhaftet Slobo".

Unter den Demonstranten kam eine ausgelassene und feierliche Stimmung auf. Noch für den Abend berief Kostunica das neue Parlament ein. Es blieb aber zunächst unklar, ob die Abgeordneten kommen würden. Polizisten, die erst mit Tränengas versucht hatten, die Menschen vom Parlamentsgebäude abzuhalten, schlossen sich schließlich den Demonstranten an.

Bei der Massendemonstration ist einer Agenturmeldung zufolge ein kleines Mädchen getötet worden. Die Nachrichtenagentur Beta meldete am Abend unter Berufung auf einen Arzt des Anlave- Krankenhauses, das Kind sei vor dem Parlament von einem Bagger überrollt worden. In der Klinik seien außerdem drei Personen mit Schussverletzungen behandelt worden. Dem Bericht zufolge wurden den Tag über mindestens 100 Personen verletzt.

Die Agentur Tanjug teilte am Abend mit, dass sie von nun an an der Seite des Volkes stehe und sich strikt an die Prinzipien eines professionellen Journalismus halten werde. Die Erklärung war unterzeichnet mit: "Journalisten der befreiten Tanjug". Das staatliche Fernsehen unterbrach sein Programmm und sendete später eine Schrifttafel mit der Aufschrift "Hier sendet das neue serbische Radio und Fernsehen".

Das jugoslawische Volk hatte bereits seit Tagen mit Demonstrationen und Streiks seinen Unmut über die offensichtliche Wahlfälschung Milosevics zum Ausdruck gebracht. Kostunica hatte bei der Wahl am 24. September nach Angaben der Opposition die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten, nach dem offiziellen Ergebnis diese jedoch mit knapp 49 % der Stimmen verpasst.

Die Lage eskalierte am Donnerstag, als das Verfassungsgericht die Wahlen annullierte und eine Wiederholung der Abstimmung erst für Mitte 2001 in Aussicht stellte. Bis dahin sollte Milosevic im Amt bleiben. Kurz nach dieser Erklärung machten die Demonstranten ihren Ärger mit dem Sturm auf das Parlament Luft.

Die Polizei zog sich nach der Erstürmung des Parlaments von dem Gebäude zurück. Demonstranten legten im Erdgeschoss Feuer und schlugen Fensterscheiben ein. Sie erklommen Balkone und warfen Akten aus den Fenstern. "Sieg, Sieg" riefen die Milosevic-Gegner und "Slobodan, Slobodan, rette Serbien und bring dich um". "Ich billige Vandalismus nicht und bin gegen jede Art von Gewalt, aber vielleicht ist das der einzige Weg", sagte die 30-jährige Branka. "Wir haben alles andere versucht. Wir haben zehn Jahre gewartet. Wir haben zu lange gewartet. Ich hoffe, dass ist das Ende, es muss das Ende sein."

Hinter dem Gebäude brannten Fahrzeuge der Polizei. "Es ist der einzige Weg", sagte der 21-jährige Ceda. Sein Freund Mihailo (22) sagte, die Menschen wollten einfach einen Wechsel. "Wir wollen einfach in Freiheit leben."

Die Demokratische Opposition Serbiens (DOS) erklärte, sie habe mit der Armee Kontakt aufgenommen. Cedomir Jovanovic, Chef des Wahlkampf-Büros der Oppositionsbewegung DOS, sagte in Belgrad, der frühere Generalstabschef der Armee und jetzige Chef einer Oppositionspartei, Momcilo Perisic, stehe im Gespräch mit Vertretern der Armee. Zuvor hatte der Bürgermeister der Stadt Nis, Zoran Zivkovic, vor Tausenden von Demonstranten in Belgrad berichtet, jugoslawische Armee-Einheiten aus Nis hätten den Befehl verweigert, nach Belgrad auszurücken.

Die Nachrichtenagentur Beta meldete später unter Berufung auf Kreise der Armeeführung, die Streitkräfte blieben in den Kasernen. Die Armee werde sich an die Verfassung halten, zitierte Beta aus den Kreisen. Eine offizielle Erklärung der Armeeführung gab es zunächst nicht.

Milosevics Partei verurteilte den Aufstand der Opposition und kündigte Gegenmaßnahmen an. Sie werde mit allen Mitteln zurückschlagen, um den Frieden wiederherzusellen, hieß es in einer von der Nachrichtenagentur Tanjug verbreiteten Erklärung der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS).

Milosevic hatte seit 13 Jahren die Macht in Jugoslawien fest in der Hand gehalten. In der Vergangenheit war es ihm immer wieder gelungen, trotz der Proteste der Opposition an der Macht zu bleiben. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit hatte er bei der Präsidentenwahl verloren. Milosevic hat das Land in die internationale Isolation geführt. Die UNO und die Europäische Union (EU) hatten gegen Jugoslawien während des Kosovo-Krieges im vergangenen Jahr Sanktionen verhängt, die nach einem Machtwechsel in Belgrad aufgehoben werden könnten. Das UNO - Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat Milosevic während des Kosovo-Krieges wegen Verbrechen gegen die Menschenlichkeit angeklagt.

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