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Prag verstärkt Ermittlungen gegen Terror-Firmen

Ein Sonderkommando hat sich eingeschaltet. Im Verdacht steht unter anderem ein Unternehmen, dass in den Lockerbie-Anschlag verwickelt gewesen sein soll.

PRAG. Tschechiens Fahnder haben ihre Fahndung nach verdächtigen Firmen vertieft, die organisatorisch oder finanziell Angehörige terroristischer Gruppen unterstützt haben könnten. Inzwischen hat sich das Sonderkommando für Korruption und organisierte Kriminalität in die Ermittlungen eingeschaltet. Dies gründet auch auf dem Verdacht, dass sich Terrorgruppen wie El Kaida aus Schlepperbanden und Drogenhandel finanziert haben sollen, wobei Tschechien als Transitland von Ost- nach Westeuropa gilt.

Während die Prager Regierung bisher beteuerte, keine Hinweise über Firmen mit terroristischem Hintergrund zu haben, bleiben Ermittler bei der Darstellung, Tschechien diene Terroristen als Ruhehafen und als Basis für Aktivitäten in Europa.

So hatten sich nach Handelsblatt-Recherchen auch Terroristen des Flugzeug-Anschlags von Lockerbie eine Basis in Tschechien aufgebaut, von der aus sie in Westeuropa operierten und die bis heute noch fortbesteht.

Der wegen des Anschlags zu lebenslanger Haft verurteilte Libyer Abdel Basset Al Megrahi und sein aus politisch-taktischen Gründen freigespro-chener Partner Al Amin Khalifa Fhimah hatten als "Agenten des libyschen Geheimdienstes mit anderen Personen in Prag Scheinfirmen gegründet und aufrechterhalten, um Operationen des libyischen Geheimdienstes zu decken", heißt es in Prozessunterlagen

.

Eine der Firmen hieß Al Khadra in Prag. Sie besteht auch heute noch - jetzt unter dem Namen Green Star - und befindet sich im Prozess der Li-quidierung. Sie beschäftigte sich laut Handelsregister mit "Import-Export" sowie "Tourismus". Ihr Teilhaber ist der Libyer Abdulmagid Arebi. Er ist laut Handelsregister auch Direktor und Teilhaber weiterer Firmen in Prag names Arimp (Handel), T.A.A.M. International (Autoverleih) und Tarshoul (Immobilien).

Die bis 1994 agierende Direktorin von Al Khadra, Ludmila H., bestätigte auf Anfrage die Verwicklung der Firma Al Khadra mit dem libyschen Geheimdienst. Sie selbst sei zum Lockerbie-Prozess als Zeugin vorgela-den worden, dann aber erkrankt. Von Ziel und Zweck der Firma habe sie keine Ahnung gehabt. Die Lockerbie-Täter seien lediglich "Angestellte der Firma" gewesen.

Dies deckt sich mit Analysen von früheren Ministerialbeamten, die für Spionageabwehr zuständig waren. Nicht nur Libyen habe so agiert, sondern auch Algerien und seit 1995 bis auf den heutigen Tag der Irak. Das Firmenprofil: Geldwechsel oder Tourismus, zum Teil auch Charterflüge. Agenten seien als Angestellte getarnt gewesen oder kurzfristig eingeflogen worden. Als "Unterkunft für eine Nacht" diente dem Irak bisher ein kleines Drei-Sterne-Hotel rund 30 Autominuten von Prag entfernt.

Gerade die Aktivität des Irak in Tschechien ist aus mehreren Gründen brisant. Zum einen hatten das Bundesamt für Verfassungsschutz und weitere Geheimdienstquellen bestätigt, dass der Irak seit 1999 - koordiniert von der irakischen Botschaft in Prag - Agenten als Asylbewerber über die tschechische Ostgrenze nach Deutschland einschleuste. Zum anderen hatte sich einer der Attentäter der US-Anschläge vom 11. September, Mohamed Atta, im April 2001 in Prag mit dem irakischen Agentenführer Ahmed Al-Ani getroffen. Ermittler vermuten, dass beide auch schon im Jahr 2000 zusammengetroffen waren.

Über Zahl, Dauer und Zweck von Attas Besuchen in Tschechien herrscht noch immer keine Klarheit. Zweimal - im April 2001 und Juni 2000 - wurde er von Geheimdiensten gesichtet, so die offizielle Bestätigung von Tschechiens Innenminister Stanislav Gross.

Für den Juni-Besuch hatte Atta nach Handelsblatt-Informationen am 26. Mai 2000 beim tschechischen Konsulat in Bonn ein einfaches Tou-ristenvisum beantragt - und zwar für die Dauer vom 5. bis zum 19. Juni. Das Visum wurde ihm für die Dauer vom 1. bis 20. Juni gewährt. Dass Atta am 3. Juni 2000 eine Weitereise in die USA plante, geht aus dem Antrag nicht hervor. Vermutlich wollte er mit der Reise nach Prag seine Spuren verwischen oder Verfolger abhängen.

Im April 2001 - zum Treffen mit dem irakischen Agentenführer - war Atta indes ohne Visum eingereist. Für Ermittler legt dies nahe, dass Atta mög-licherweise öfter inkognito Tschechien besuchte als bisher bekannt.

Für den Juni 2000 gilt als gesichert, dass Atta "am Morgen des 2. Juni per Bus aus Frankfurt einreiste" und am nächsten Tag in die USA flog. Die Buslinie wird Ermittlern zufolge betrieben von der Firma Bohemia Euro-express International (BEI), einer Tochter der Deutschen Touring GmbH (Deutsche Bahn Gruppe). Das Ticket von Frankfurt nach Prag kostet nach BEI-Auskunft 75 Mark. Von Prag aus flog Atta am 3. Juni 2000 in die USA. Wo er die Nacht in Prag verbrachte und mit wem er möglicherweise zusammentraf, ist zurzeit nicht bekannt.

Details des Treffens zwischen dem Ägypter Atta und dem Iraker Al-Ani im April 2001 liegen noch immer im Dunkeln. Tschechiens Staatspräsident Vaclav Havel hat aber inzwischen klargestellt, dass es bei dem Treffen nicht um die Vorbereitung eines Anschlags auf den in Prag sitzenden US-Senders Radio Free Europe/Radio Liberty ging.

Ermittler hatten gegenüber dem Handelsblatt eine Reihe anderer mögli-cher Motive des Treffens im April 2001 genannt. Eines könne darin be-standen haben, so ein Insider, das irakische Schleuser-Netzwerk für Mitglieder von Terrorgruppierungen der El Kaida zu nutzen. Wie bereits früher berichtet, sind in Deutschland, Österreich und England inzwischen mehrere in Ägypten verurteilte Terroristen als Asylbewerber aufgetaucht. In einem Fall ermittelt die Generalbundesanwaltschaft.

Mitarbeit: Jan Hrbacek, Hospodarske Noviny

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