Praktikum bringt den entscheidenden Vorsprung
MBA-Absolventen: New York ruft nicht

Die Finanzfirmen der Wall Street stürzen sich normalerweise geradezu auf MBA-Absolventen. In diesem Herbst halten sie sich zurück.

In New York ist nichts mehr wie zuvor. Das bekommen auch die MBA-Absolventen selbst führender US-amerikanischer Business Schools wie Wharton, Harvard, Stanford, Tuck oder Columbia zu spüren. Rissen sich in der Vergangenheit die Wall-Street-Häuser um die besten Absolventen und gingen auf Road Show durch die besten Business Schools, halten sie sich in diesem Jahr sehr zurück.

In der Vergangenheit waren MBA-Studenten in den USA daran gewöhnt, schon während des Herbstsemesters ihres zweiten Studienjahres Jobangebote aus der Wall Street zu erhalten. Und sogar einen saftigen Vorschuss beim Unterschreiben der Arbeitsverträge. In diesem Jahr jedoch hat sich die Situation dramatisch verändert: Heute gilt es schon als Coup, wenn es gelingt, einen Termin für ein Vorstellungsgespräch an Land zu ziehen.

Zwar werden sich die führenden Unternehmen der Wall Street wahrscheinlich nicht völlig aus dem herbstlichen Anwerbungsprozess zurückziehen, da sie zu gewissen Business Schools ihre Beziehungen aufrecht erhalten müssen. Aber viele Firmen reduzieren ihre Besuche auf dem Campus. In einigen Fällen lassen die Unternehmen die persönliche Mitarbeitersuche an kleineren Business Schools, die keinen Namen mit Wiedererkennungswert wie Harvard oder Wharton tragen, ganz fallen.

Praktikum bringt den entscheidenden Vorsprung

Auch zeichnet sich eine andere Rekrutierungsstrategie ab. Die meisten Wall-Street-Firmen wollen freie Stellen derzeit vorwiegend mit MBA-Absolventen besetzen, die im Sommer 2001 bereits ein Praktikum in dem Unternehmen gemacht haben. Die Zahl der Studenten, die angeworben werden sollen und kein firmeninternes Praktikum vorweisen können, soll im Vergleich zu 1999 und 2000 um 15 bis 20 Prozent verringert werden. "Die Leute, die unsere Vollzeitjobs annehmen, kommen zunehmend aus dem Praktikumsprogramm vom Sommer", sagt Brian Marchiony, ein Unternehmenssprecher von J.P. Morgan Chase & Co. Das Unternehmen werde insgesamt die Neueinstellungen für Vollzeitstellen in diesem Jahr "leicht" zurücknehmen, fügt er hinzu.

Diejenigen, die überhaupt kein Praktikum absolviert haben oder keine Wall-Street-Erfahrung mitbringen, haben Pech. Der Wettbewerb für die verbleibenden Jobs dürfte sehr aggressiv ausfallen.

Umgekehrt werden MBA-Studenten im zweiten Jahr, die in diesem Sommer ein Praktikum gemacht haben, viel eher ein Job-Angebot der Firma annehmen, bei der sie dieses Praktikum gemacht haben als versuchen, bei einer anderen Firma vielleicht ein besseres Angebot zu landen.

"Das wird ein äußerst hartes Jahr für Leute, die sich beruflich verändern wollen", sagt Jackie Wilbur, Direktorin des Büros für MBA-Karriereentwicklung an der MIT Sloan School of Management, dem großen Konkurrenten der Harvard Business School in Boston.

Startups sind bei Absolventen out

"Die Zeiten an der Wall Street sind schlecht, und andere Arbeitgeber wie zum Beispiel die High Tech-Startups, die sich in den letzten Jahren auf MBA-Absolventen stürzten, gibt es als Puffer nicht mehr", sagt Caitlin McLaughlin, Leiterin des MBA-Recruitment von Salomon Smith Barney, einer Tochter des Finanzkonzerns Citigroup Inc. Noch 1999 hätten die Studenten ein sehr viel größeres Interesse an Startups gezeigt als an der Finanzbranche, sagt McLaughlin.. "Ich würde sagen, dass das Interesse am Investmentbanking genau vor einem Jahr wieder dramatisch gestiegen ist."

Inzwischen werden auch die Praktikanten dieses Jahres länger als gewöhnlich hingehalten, sagt Erin Cochrane, Direktorin für Karriere-Dienstleistungen an der Tuck School of Business in Dartmouth. Gewöhnlich wissen die Studenten vor dem Labor Day, dem US-Feiertag Anfang September, ob sie ein Jobangebot haben. "In diesem Jahr ist das anders", sagt Cochrane. John Worth, Direktor für Karriere-Beratung an der Darden School of Business Administration an der University of Virginia, sagte, einigen Studenten habe man gesagt, sie sollten bis Dezember warten. "Damit umzugehen ist für die Studenten verständlicherweise sehr schwierig."

Für MBA-Studenten im ersten Jahr ist die neue Entwicklung nicht so tragisch. Die meisten Wall-Street-Firmen bekräftigen, sie wollten für den Sommer 2002 die Zahl der Praktikumsstellen aufrecht erhalten, da es wichtig sei, frische Talente hereinzuholen. Zudem bedeutet ein Praktikum für eine führende Investmentbank eine Verpflichtung von nur drei Monaten. Falls sich die Konjunktur verschlechtert, ist es ein Leichtes, die Einstellung von Vollzeitkräften aus diesem Praktikantenpool im nächsten Herbst zu kürzen.

Trend: Vollzeitstellen aus dem Praktikantenpool besetzen

Goldman Sachs Group., J.P. Morgan Chase, Lehman Brothers Holdings und Salomon Smith Barney wollen nach eigenen Angaben die Zahl ihrer Sommerpraktika beibehalten und zunehmend Vollzeitstellen mit geeigneten Mitarbeitern aus dem Praktikantenpool besetzen. Merrill Lynch., Bear Stearns. und Credit Suisse First Boston, eine Tochter der Credit Suisse-Gruppe, wollten sich nicht dazu äußern. Unternehmenssprecherinnen von UBS Warburg, eine Tochter von Schweizer UBS AG, und von Morgan Stanley sagten, die zuständigen Mitarbeiter wollten keinen Kommentar über ihre Einstellungspraktiken abgeben.

Eine Wall-Street-Firma, die in diesem Herbst nicht mit Rekrutierern an den Business Schools in Erscheinung treten wird, ist Lehman Brothers, bekennt Tom Marino, Co-Leiter für das weltweite Recruitment. Man wolle eine höhere Prozentzahl an Vollzeitkräften unter den Sommerpraktikanten rekrutieren als die Wettbewerber, obwohl Lehman im vergangenen Herbst über das übliche Maß hinaus auf dem Campus Anwerbungen vorgenommen hat. Um die Zahl der Neuzugänge aus dem Sommerprogramm aufzustocken, sei es nach Überzeugung von Lehman produktiver, Kontakt zu ehemaligen Praktikanten aufzunehmen, die im vergangenen Jahr Job-Offerten abgelehnt hatten und jetzt bei anderen Firmen arbeiten.

Salomon Smith Barney hatte im vergangenen Jahr auch vier Business Schools neu auf die Liste der Schulen gesetzt, an denen persönliche Anwerbungen vorgenommen werden. Die sind nun wieder gestrichen, auch wenn die Firma weiterhin Bewerbungen von Studenten dieser Schulen, deren Name man nicht nennen will, akzeptieren wird.

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