Praktische Gründe hinter Urteilen
Anlageurteile der Banken verwirren

Wenn Bank-Analysten eine Aktie "auf Neutral stufen", dann versteckt sich dahinter oft schon der Tipp, das Papier zu verkaufen. Dieser Ansicht sind Beobachter, die insbesondere hinter optimistischen Analysen praktische Bank-Interessen vermuten.

FRANKFURT/M. Zu optimistische Anlageurteile von Bankexperten sind wieder ins Gerede gekommen - spätestens seit der frühere Merrill Lynch-Analyst Henry Blodget Unternehmen in internen E-Mails schmähte und sie dann offiziell den Investoren zum Kauf empfahl.

Solche spektakulären Fälle sind zwar die Ausnahme. Gerade für Privatanleger sind Analystenurteile aber oft schwer zu verstehen, sagt Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts. Denn die Banken erstellen die Berichte für die institutionellen Investoren und nicht für Privatanleger. Erstere stehen aber in ständigem Kontakt mit Analysten und sind darin geübt, zwischen den Zeilen zu lesen. Oder wie es ein Experte ausdrückt: "Bei einigen Häusern wissen die Investoren schon: ein Neutral bedeutet eigentlich Verkaufen." Außerdem haben die Banken unterschiedliche Bewertungssysteme. Was bei einer Bank ein "Buy" ist, kann bei einer anderen schon ein "Strong Buy" sein.

Trotzdem: Kaufempfehlungen scheinen vielen Geldinstituten lieber zu sein als Verkaufsempfehlungen. Bei einer Stichprobe zu den Urteilen einiger Investmentbanken zu den jeweils zehn größten Euro Stoxx- und Dax-Unternehmen überwiegen die positiven Urteile: "Buy", "Strong Buy", "Outperform" liest man da am häufigsten. Zum Verkaufen raten die Banken vergleichsweise selten.

Am Pranger von Aktionärsschützern

Dass auf den Listen der Banken oft mehr positive als negative Urteile stehen, kann auch ganz praktische Gründe haben. "Wir analysieren eigentlich nur Unternehmen, die wir für viel versprechend halten. Denn die Investoren wollen ja in gute und nicht in schlechte Unternehmen investieren", meint Soren Gjelstrop, stellvertretender Leiter des Aktienresearchs bei WestLB Panmure. Ungefähr 10 bis 15 Prozent der Urteile bei WestLB Panmure seien negativ, 30 bis 60 Prozent seien positiv und der Rest neutral.

Am Pranger von Staatsanwälten und Aktionärsschützern stehen vor allem zu optimistische Empfehlungen jener Banken, die besonders aktiv im Investmentbanking sind. Denn hier sei die Gefahr von Interessenkonflikten besonders groß. "Aus einer Kaufempfehlung zu einer Aktie ergibt sich für die Bank eher ein Folgeauftrag, etwa in Form eines Aktienkaufs durch institutionelle Anleger", sagt Leven. Fusionen, Übernahmen oder Börsengänge bringen den Banken das Geld, nicht das Research. Das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz soll die Tranzparenz verbessern. Künftig müssen Analysten auf potenzielle Interessenkonflikte hinweisen.

Öffentlich zugänglich machen indes nur wenige Banken ihre Kauf- und Verkaufsempfehlungen. Monatlich aktualisierte Listen mit einem Überblick über Urteile, wie sie die Hypo-Vereinsbank für Investoren veröffentlicht, sind die Ausnahme. Einige Häuser begründen dies mit dem hohen organisatorischen Aufwand. "Manche Banken tun das vielleicht nicht, weil man auf einen Blick sehen könnte, dass sie zu viele positive Empfehlungen geben. Bei uns ist das Verhältnis ausgewogener", meint Gerhard Schwarz, Leiter der Portfoliostrategie bei der Hypo-Vereinsbank.

Einen Tipp gibt Experte Leven: "Anleger sollten die Analysen gerade bei Interessenkonflikten sorgfältig studieren und am besten mehrere Analysen zu einem Unternehmen lesen."

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