Preisverfall bei vielen Gütern – Notenbank erwägt baldige Zinssenkung
USA: Angst vor dem Abwärtssog

Das amerikanische Wirtschaftswachstum schwächelt und die Inflationsrate ist äußert niedrig - immer mehr Volkswirte sehen die USA daher am Rande einer Deflation. Sollten die Verbraucherpreise dauerhaft auf breiter Front sinken, würde die US-Wirtschaft eine Abwärtsspirale geraten.

NEW YORK. "Fünf Jahre lang keine Zinsen", steht in großen blauen Buchstaben an den Fensterscheiben eines Ford-Händlers in der Nähe New Yorks. Das Argument zieht, der Verkaufsraum ist voll. "Wer da nicht zugreift, ist selbst Schuld", sagt ein Kunde und steigt in seinen nagelneuen Minivan. Er spart mehr als 4 000 US-Dollar ($) Zinsen - auf Kosten des Herstellers. Nach Angaben von General Motors sind die Preise für Neuwagen in den vergangenen Jahren im Durchschnitt um 1,5 % gefallen.

Amerikas Verbraucher reiben sich die Hände: ob Autos, Computer, Flugtickets oder Bekleidung, überall sind die Preise im Keller. Die Inflationsrate wies zuletzt im Jahresvergleich gerade einmal ein Plus von 1,8 % auf - und das auch nur wegen der gestiegenen Kosten im Gesundheitswesen und den kletternden Ölpreisen. Der wesentlich breiter angelegte Preisindex für das Bruttoinlandsprodukt bringt es bloß noch auf eine jährliche Steigerungsrate von gut 1%.

Das Einkaufsparadies für die Konsumenten ist für eine wachsende Zahl von Ökonomen die Vorstufe zur Hölle: Sie sehen Amerika auf dem Weg in eine Deflation, wie es sie zuletzt in der Weltwirtschaftskrise vor 70 Jahren gegeben hat. "Eine Deflation ist das größte Risiko, mit dem Notenbanken und Wirtschaftspolitiker heute konfrontiert sind", sagt Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley in New York.

Volkswirte fürchten Deflation noch mehr als Inflation - denn eine Preisspirale nach unten lähmt die gesamte Volkswirtschaft, wie das Beispiel Japan zeigt. Sinken die Preise auf breiter Front, horten die Verbraucher ihr Geld - weil sie hoffen, in Zukunft noch größere Schnäppchen machen zu können. Selbst Steuer- und Zinssenkungen können die Nachfrage nicht mehr ankurbeln. Die Folge: Die Unternehmen ächzen unter Überkapazitäten und kürzen Investitionen wie auch Arbeitsplätze - was die Nachfrage weiter drückt. Zugleich haben Firmen und Verbraucher bei sinkenden Einkommen große Mühe, ihre Schuldenlast zu tragen.

Noch sind die USA von einem solchen Schreckensszenario ein gutes Stück entfernt. Aber Skeptiker Roach glaubt, "dass eine Deflation in den nächsten zwölf Monaten möglich ist". Die US-Wirtschaft gehe mit einer sehr niedrigen Inflationsrate in eine zweite Rezession, argwöhnt Roach. Verschärft würde die Gefahr durch weltweite Überkapazitäten aus der Boomzeit. Und schließlich drücke der globale Wettbewerb und der starke Dollar die Preise nach unten.

Ed McKelvey, Ökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs, sieht zwar keine unmittelbare Deflationsgefahr, hält einen allgemeinen Preisverfall aber auch nicht für undenkbar. Bislang hätten die Preissteigerungen für Dienstleistungen die sinkenden Güterpreise überkompensiert und die US- Wirtschaft vor dem Schlimmsten bewahrt, sagt der Goldman-Experte. Der deflationäre Trend könne jedoch über den Lohndruck auf dem Arbeitsmarkt von der Industrie auf den Servicesektor überspringen, warnt McKelvey. Nach Meinung von Roach hat der Dienstleistungssektor seine Schutzfunktion längst verloren: "Die weltweite Deregulierung, grenzüberschreitende Fusionen und die Auslagerung von IT- Dienstleistungen ins Ausland haben die Preismacht der Serviceanbieter deutlich eingeschränkt."

Die gleichzeitige Wachstums- und Preisschwäche hat inzwischen auch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) alarmiert. Bei der letzten geldpolitischen Sitzung Ende September votierten zwei Mitglieder des Offenmarktausschusses gegen Fed-Chef Alan Greenspan und für eine sofortige Zinssenkung. In einer Untersuchung zu den Deflationserfahrungen in Japan kommt die Fed zu dem Schluss, das Risiko einer Deflation sei besonders hoch, "wenn Inflationsrate und Zinsen nahe Null gefallen sind". Beides trifft auf die USA zu. Nicht nur die Preissteigerung ist gering, auch die Leitzinsen sind mit 1,75 % nur noch wenig vom Nullpunkt entfernt. Da die Anzeichen für eine Deflation schwer erkennbar seien, raten die Fed-Forscher zu aggressiven Zinssenkungen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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