Preiswerte Aktien statt heiß gelaufenen Tech-Titel
Mit billigen Aktien gewinnen

Der Preis muss stimmen und die Qualität muss stimmen - das auch gilt für Aktien. Es ist aber kein Fehler, auf den Preis zuerst zu schauen.

Mit den Aktien ist es zurzeit wie mit den Hamburgern einer gewissen Kette: Angeblich ist niemand davon so ganz überzeugt, trotzdem stimmt die Nachfrage. Wer in bestimmten markttechnischen Zusammenhängen denkt, sieht die vorsichtige Einschätzung sogar als positives Zeichen an. Denn wenn niemand mehr skeptisch ist, haben alle schon gekauft - und dann geht der Börse das Feuer aus.

Viele Anleger werden aber, möglicherweise gezeichnet von schlechten Erfahrungen, jetzt lieber preiswerte Aktien kaufen, als sich mit bereits heiß gelaufenen Tech-Titeln die Finger zu verbrennen. Ohne Risiko ist auch eine solche Strategie nicht: Es könnte passieren, dass Investoren, wenn der Boom anhält, aggressiv von "billigen" Aktien in "teure" Wachstumstitel umschichten. Wer sich nur preiswerte Titel ins Depot legt, schaut dann in die Röhre. Aber bei einem gewissen Anteil des Aktienvermögens die niedrige Bewertung in den Vordergrund zu stellen, ist sicher kein Fehler.

Niedrige Bewertungen haben ihren Grund

Ein zweites Problem bei "billigen" Aktien: Meistens hat die niedrige Bewertung einen Grund. Boeing zum Beispiel leidet unter der Flaute im Flugverkehr, Preussag unter der Zurückhaltung der Touristen - beide also letztlich unter den Terroranschlägen im September. Bei Eastman Kodak ist der Gewinn eingebrochen, und zurzeit ist offen, ob der Konzern den Sprung vom chemischen in das digitale Zeitalter der Fotografie schafft. Zurich Financial Services kommt mit dem Tausch von Scudder in den USA gegen den Deutschen Herold - Tauschpartner ist die Deutsche Bank - vielleicht wieder ins Gleichgewicht. Doch zuvor war die Expansion des Konzerns zu ehrgeizig und brachte ihm zu viele Probleme ein.

Bei manchen niedrig bewerteten Titeln stimmen zwar die Erträge und die Marktposition, aber es gibt Belastungen, die die Bewertung dauerhaft niedrig halten. Beispiel Volkswagen: Bei diesem Konzern hat das Land Niedersachsen als Großaktionär für den Geschmack vieler Investoren immer noch zu viel Einfluss.

Billig aber Phantasielos

Vom Branchenmix her ist auch klar: Wer auf "billige" Titel setzt, kauft damit wenig Phantasie ein. Ein Ausnahmebeispiel könnte die Deutsche Post sein: Wegen ihrer Abhängigkeit vom Briefmonopol und ihrer Herkunft als Behörde ist die Aktie nicht gerade ein Magnet für Anleger, wie auch der Kursverlauf zeigt. Aber das Unternehmen baut seinen Logistikbereich stark aus - und diese Branche gilt, wenn die Konjunktur wieder anspringt, als ausgesprochener Wachstumsbereich.

Sucht man gezielt nach niedrig bewerteten Aktien, die dennoch stabile Erträge und eine gesunde Struktur aufweisen, dann wird die Auswahl rasch sehr klein. Die Tabelle zeigt ein paar Beispiele - alle sind Unternehmen mit starker Marktposition in Branchen, die alltägliche Bedürfnisse befriedigen: Volkswagen und die Post aus dem Deutschen Aktienindex (Dax), Eni und BNP aus dem europäischen Index Stoxx und aus dem US-Kursbarometer Dow Jones Philip Morris (s. Tabelle). Die Beurteilung dieser Aktien durch die Analysten liegt im Schnitt eher im neutralen bis freundlichen Bereich - kein Wunder, denn stark empfohlene Papiere sind selten billig.

Anleger sollten auf folgende Punkte achten:

Die Automobilbranche spürt derzerzeit deutlich die Wirtschaftsflaute. Speziell bei Volkswagen ist zudem eine gewisse Sprunghaftigkeit der Strategie nicht zu übersehen. Ob zum Beispiel die jüngst erdachte Zusammenfassung von Bentley, VW und Skoda unter ein Markendach irgendwelche praktischen Vorteile bringt, mag man bezweifeln. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass der Konzern eine starke Position behauptet und sehr niedrig bewertet ist. Analysten sehen das Papier aber zum Teil skeptisch - mehr als bei den anderen Titeln der Tabelle. Adam Hull von HSBC befürchtet zum Beispiel wachsende Konkurrenz für den Golf, vor allem von Peugeot und Fiat, und eine zu starke Abhängigkeit vom US-Markt - deswegen glaubt er, dass der Ertrag 2002 stärker als bisher erkennbar unter Druck geraten wird.

Die Deutsche Post hat ihre Anleger seit dem Börsengang nur frustriert - aber das haben andere Aktiengesellschaften seit dem vergangenen Herbst ebenfalls. Die Frage ist, ob das Unternehmen seine Monopolstellung im Briefbereich ausnutzen kann, bis es zu einem modernen Logistikdienstleister geworden ist. Wenn ja, dürfte sich das für die Anleger deutlich auszahlen. Der Versorger Eni ist der Riese an der Mailänder Börse. Auch wenn der Rekordgewinn des Vorjahres, der vor allem durch den hohen Ölpreis bedingt war, sich nicht wiederholen dürfte, hat das Unternehmen eine stabile Ertragskraft. Unter den "billigen" Aktien finden sich relativ viele Finanzdienstleister - kein Wunder angesichts des schwachen Börsenjahres, vielleicht auch ein wenig systembedingt, weil Banken ihre Gewinne ganz anders als Industrieunternehmen berechnen. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten hat BNP seine Ertragskraft gehalten und scheint mit der starken Position im französischen Privatkundengeschäft einen guten Stand zu haben. Philip Morris nennt sich gerade um in "Altria", um als Nahrungs- und Genussmittelkonzern und nicht mehr als Tabakgesellschaft (was ja in den USA nicht so ganz fein ist) wahrgenommen zu werden. Dennoch wird Tabak weiter eine wichtige Rolle spielen, und die Marlboro-Cowboys - sicher eine der erfolgreichsten Werbekampagnen, die es je gab - haben langfristig gute Chancen, vom weltweiten Bevölkerungswachstum und dem Vordringen des American Way of Life zu profitieren.

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