Premier kündigt Rückzug aus der Politik an
Jospins Debakel schockt Frankreich

Nach dem Schock über den Rechtsruck mischen die Parteien in Paris die Karten neu. In die Stichwahl um die Präsidentschaft gehen Linke und Bürgerliche gemeinsam - um so die Wiederwahl Chirac zu sichern. Spannend bleibt, ob sich die Sozialisten bis zur Parlamentswahl vom Debakel ihres Spitzenkandidaten Jospin erholen können.

HB PARIS. Der sensationelle Wahlerfolg des rechtsextremen Jean-Marie Le Pen bei der ersten Runde der Präsidentenwahl hat die französische Nation entsetzt. Noch in der Nacht gingen in Paris Zehntausende auf die Straßen, um gegen den rechten Populisten zu demonstrieren, viele von ihnen trugen Plakate mit der Aufschrift "Ich schäme mich". "Frankreich ist verletzt", kommentierte "Le Monde".

Frankreich sei jetzt die "Schande der Demokratien", stellte "Libération" verbittert fest - ausgerechnet Frankreich, das doch so gern dem Österreich von Jörg Haider und dem Italien Silvio Berlusconis Lektionen erteilt habe. Ebenso entsetzt reagierten Politiker aller Parteien, die wie die Demoskopen den Gegner Le Pen sträflich unterschätzt hatten. Selbst die französischen Aktienmärkte genehmigten sich am Montag Morgen eine Schrecksekunde.

Während die Aktienhändler schnell zum Alltag zurückfanden, schmieden die Politiker ein vorübergehendes Bündnis gegen Rechts. Das Motto hat die linksliberale Zeitung "Liberation" vorgegeben: Über einem Foto von Le Pen titelte sie ganzseitig in Großbuchstaben "Non". Linke und grüne Politiker riefen am Montag zur Wiederwahl des konservativen Staatspräsidenten Jacques Chirac bei der Stichwahl am 5. Mai auf.

"Wir werden in der zweiten Runde für Chirac stimmen, auch wenn das für uns offensichtlich ein entsetzlicher Zustand ist", sagte der Sprecher der Sozialisten des Verlierers Lionel Jospin, Vincent Peillon. "Um den Rechtsradikalen den Weg zu versperren, müssen wir uns dazu entschließen, in der zweiten Runde für Chirac zu stimmen", sagte der grüne Präsidentschaftsbewerber Noël Mamère, der auf 5,3 % kam.

Chirac: "Ich brauche euch"

Chirac selbst rief die Franzosen in einer ersten Reaktion zur nationalen Einheit und zur Verteidigung der Demokratie auf. "Demokratie ist das Wertvollste überhaupt", sagte er. "Frankreich braucht euch, ich brauche euch." Es stehe nun der grundsätzliche Glaube an ein humanistisches Weltbild auf dem Spiel.

Le Pen war als erstem Rechtsradikalen in der Geschichte der fünften Republik (seit 1958) der Sprung in die Endrunde gelungen. Chirac hatte in der ersten Runde am Sonntag 19,67 % erhalten, Le Pen 17,02. Der sozialistische Premier Lionel Jospin wurde mit 16,07 % aus dem Rennen geworfen und kündigte daraufhin seinen Rückzug aus der Politik an.

Nun gehen Chirac und Le Pen in die Stichwahl. Erste Umfragen sehen Chirac dabei mit 80 % gegen 20 % für Le Pen vorn. Die erste Wahlrunde ist in Frankreich immer auch eine Spielwiese und lädt dazu ein, Denkzettel zu verpassen - in diesem Falle einen von historischer Tragweite. Doch damit ist es nun vorbei, Chiracs zweites Mandat bis 2007 scheint absolut sicher.

Der Abwehrreflex gegen die extreme Rechte gilt aber nur bis zum 5. Mai, wenn der Präsident endgültig gewählt wird. Bereits jetzt blicken die Parteistrategen über dieses Datum hinaus, auf die im Juni anstehenden Parlamentswahlen. Dann könnten die Franzosen als Ausgleich für einen konservativen Präsidenten Chirac eine sozialistische Mehrheit in die Nationalversammlung wählen und für eine Neuauflage der so genannten Kohabitation sorgen - doch sind alle Prognosen darüber voreilig.

Bei Sozialisten und Konservativen begannen am Montag bereits hitzige Debatten über den Posten des künftigen Premier, da beide Lager auf einen Sieg bei den Parlamentswahlen am 9. und 16. Juni hoffen. Chirac traf mit dem UDF-Politiker François Bayrou zusammen, der mit respektablen 6,8 % am Sonntag den vierten Platz errang, ebenso wie mit dem Rechtsliberalen Alain Madelin.

Le Pens Erfolg kam nicht aus heiterem Himmel

Die Sozialisten nominierten Parteichef Francois Hollande zu ihrem neuen Spitzenkandidaten für die Parlamentswahl im Juni. Jospin wird sein Amt als Premierminister nach dem zweiten Wahlgang am 5. Mai abgeben. Dann obliegt es dem neuen Präsidenten, bis zur Parlamentswahl für fünf Wochen eine Übergangsregierung zu benennen.

So sensationell Le Pens Erfolg auch war, er kam nicht aus heiterem Himmel. Dem Vorsitzenden der Nationalen Front gelang es am Sonntag offenbar, mit seinen fremdenfeindlichen Parolen vom Unmut vieler Franzosen über ein erneutes Duell zwischen Chirac und Jospin zu profitieren. Die Hälfte seiner (Protest-)Wähler erklärte nach einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts CSA, sie habe sich "in Opposition zu den anderen Kandidaten" für Le Pen entschieden. "Viele haben keinen Unterschied zwischen Chirac und Jospin gesehen und eine Alternative gesucht", analysiert der stellvertretende Direktor des Deutsch-Französischen Instituts, Henrik Uterwedde.

Zudem hatte Chirac das Thema Innere Sicherheit hoffähig gemacht. Doch statt für eine Kopie stimmten viele Franzosen lieber fürs Original: Für zwei Drittel der Wähler Le Pens war laut CSA das Thema Kriminalität ausschlaggebend. Zur Niederlage Jospins hat nach Einschätzung von Meinungsforschern auch die hohe Wahlenthaltung von fast 28 % und die Rekordzahl von 16 Kandidaten beigetragen.

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