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Preußisches Dolce Vita

Ferrari bringt die Emotionen der Fans in Wallung wie kein anderer Rennstall. Mit Kraft und Leidenschaft allein aber hat es die Fiat-Tochter nicht an die Spitze gebracht.

HB STUTTGART. Emilio konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, aber seine Fahne, die hielt er aufrecht. Den ganzen weiten Weg lang von Sizilien zum Grand Prix nach Monte Carlo hatte er im Zug durchwacht, das rote Tuch immer vor sich. Am Ziel war aller Schmerz verflogen. "Ferrari", stammelte der Erschöpfte tapfer, "das ist Aspirin für die Seele Italiens."

Die Ferraristi, die am Wochenende in Imola wieder ein Heimspiel haben, sind die Extremisten unter den Motorsportfans. Wenn es eine Farbe der automobilen Liebe gibt, dann muss es dieses Rot sein, das von Herzen kommt. Passione e potenza - Kraft und Leidenschaft - sind die eigentlichen Antriebsmotoren des erfolgreichsten und ältesten aktiven Formel-1-Teams - bei den Fans wie bei den Verantwortlichen. Ein Rennstall wie eine Religion, ewiger Weltmeister der Emotion - das vor allem hebt die Scuderia von der Konkurrenz ab.

Michael Schumacher, der sonst den kühlen tedesci, sprich Deutschen, gibt, hat vergangene Saison nach dem zweiten WM-Titel in Folge öffentlich Liebe gemacht mit seinem Arbeitgeber. Er brüllte seine Freude in der Ehrenrunde über den Boxenfunk heraus: "Ich habe noch nie so viel Menschlichkeit in der Formel 1 erlebt. Ich liebe Euch alle!" Michaelangelo liebt nicht bloß sein Team, er umarmte damit ganz Italien. Obwohl in Maranello längst keine italienische Nationalmannschaft mehr werkelt wie zu Enzo Ferraris Lebzeiten. Dessen Stolz jedoch ist geblieben.

Ferrari, der Opernsänger werden wollte und Rennfahrer wurde, war in jungen Jahren von Fiat abgewiesen worden, als er sich auf eine Mechanikerstelle beworben hatte. Das konnte er nie verwinden. Ferrari hatte nur seinen Namen und eine Idee, als er sich notgedrungen mit einem Rennstall, eben der Scuderia, selbstständig machte. Der Trotz bis hin zur Dickköpfigkeit brachte offenbar den Erfolg. Bis heute stehen über 5 000 Sportwagensiege zu Buche, stets sind Motor und Auto komplett im eigenen Haus entstanden. Zur Unsterblichkeit des PS-Paten hat es dennoch nicht gereicht. Enzo Ferrari starb 1988, ein halbes Jahr nach seinem 90. Geburtstag.

"Jeder Sieg verlängert mein Leben", behauptete Enzo Ferrari einst. Der Mann mit der Adlernase wusste aber auch: "Der Mensch ist vergänglich, nur seine Werke überleben ihn." Er glaubte fest daran, dass Autos eine Seele haben. Einzig der Zwang zum wirtschaftlichen Überleben ließ Enzo Ferrari aus Rennwagen auch Serienmodelle schaffen: "Ich musste die Autos, die am Sonntag gewonnen hatten, montags verkaufen, um die Rennmechaniker bezahlen zu können." Luca di Montezemolo, sein Ziehsohn und Nachfolger als commendatore, ist dieser Sorge enthoben: Das berühmte springende Pferdchen - gelb auf schwarzem Grund und übrigens dem Wappen der Mercedes-Stadt Stuttgart entliehen - ist längst als Markenzeichen in den Fiat-Konzern integriert, der auch während der zwei Jahrzehnte währenden Titellosigkeit in der Formel 1 dem Renommier-Rennstall immer wieder Kredit gab. Die Sportwagensparte, zu der auch der Sanierungsfall Maserati zählt, hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn in Höhe von 47 Millionen Euro eingefahren.

Montezemolo, als Rennleiter beim Alten in die Lehre gegangen, ging auch das Unternehmen WM-Sieg nach Managementgrundsätzen an. Er schuf für den Weg zurück nach oben eine europäische Renn-Gemeinschaft, die eine Art preußisches Dolce Vita pflegt. Zu lange hatte man im eigenen Saft geschmort, den internationalen Anschluss verpasst. Ferrari musste sein Gesicht verändern, um an die Spitze zurückzukehren. Als erstes soll Mitte der Neunziger den Rennmechanikern der Lambrusco in der Kantine gestrichen worden sein. Das leidende Element, stets eng mit dem Mythos der Marke verbunden, ist längst durch Perfektion ersetzt worden.

Jubelarien sind bei Ferrari immer noch schöner als anderswo, doch hauptsächlich ist analytischer Verstand gefragt. Denn nur durch das perfekte Zusammenspiel des deutschen Parade-Piloten Michael Schumacher, des französischen Teamchefs Jean Todt und des britischen Technikstrategen Ross Brawn konnte der Hattrick in der Konstrukteurs-WM geschafft werden. Bei der geglückten Übersetzung der Tradition in die Moderne ist mit einem taktischen Kniff das Wohlwollen der empfindlichen italienischen Seele gesichert worden: Das Herz nämlich, la macchina, schlägt weiter im einheimischen Rhythmus. Konstrukteur Paolo Martinelli wird deshalb intern vom 750-köpfigen Stab (auch das ist Rekord in der Formel 1) als "il papa" verehrt.

Wer heute Ferrari sagt, meint automatisch auch Schumacher - und umgekehrt. Das eine wäre ohne den anderen undenkbar. Aus der Scuderia wurde eine "Schumeria". Er hat so viel Mitspracherecht wie kaum ein anderer Pilot, leitet daraus aber auch die Verpflichtung ab: "Es kommt nicht nur auf die Schlüsselfiguren an, sondern vor allem, wie von oben dirigiert wird. Wenn Du das Vertrauen der Leute da unten nicht hast, fehlt Dir die Basis."

Montezemolo analysiert das Herzblut: "In unserer DNA steckt die Herausforderung und die Siegeslust. Michael ist der Allergrößte, den Ferrari je gehabt hat, der Motivator für die ganze Mannschaft. Aber wir bestehen trotzdem auf dem Konzept der Gemeinschaft." Das automobile italienische Dream-Team von heute unterscheidet sich dank einer politisch gewieften Führung vor allem dadurch von früher, dass Meinungsverschiedenheiten nicht über Sporttageszeitungen ausgetragen werden. Auch das steigert den Aspekt der Zuverlässigkeit. Die Konstanz der Ferrari-Truppe - im Gleichschritt haben die in Ehrgeiz und Energie seelenverwandten Todt, Brawn und Schumacher bis Ende 2004 verlängert - wirkt fast unheimlich. Es muss wohl so sein, dass jeder im Team die Ferrarissima, das Leben ständig im roten Drehzahlbereich, durch und durch verinnerlicht.

Drohte in den Anfangsjahren der Vatikan wegen der Unfälle auf den Rennstrecken den Fans gar mit Exkommunikation, besitzt der Heilige Vater in Rom inzwischen einen Chronographen mit springendem Pferd, überreicht noch von Autopapst Enzo persönlich, obwohl dieser bekennender Atheist war. Auch Michael Schumacher war bereits zur Audienz im Petersdom. Und jeder, der die werkseigene Rennstrecke Fiorano betritt, muss an einer Madonna vorbei.

Es wundert nur, dass sie weiß ist - und nicht rot wie die Boliden.

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