Primacom will auf politischer Ebene weiter kämpfen
Primacom sucht Lösung im Konflikt um Kabelbelegung

Der drittgrößte Kabelnetzbetreiber in Deutschland will zwar zunächst wieder Sender wie Pro Sieben ins Analogprogramm übernehmen, hält aber daran fest, nach und nach Programme ins Digitalangebot zu verlagern.

jgo MÜNCHEN. Der drittgrößte Kabelnetzbetreiber in Deutschland will sich im Streit um die Kabelbelegung mit der Sächsischen Anstalt für privaten Rundfunk und Neue Medien (SLM) und den Wohnungsbaugenossenschaften auf einen Kompromiss verständigen. Hans Wolfert, Vorstand für Unternehmensentwicklung, sagte Handelsblatt.com am Rande der Münchner Medientage, Primacom werde nicht nur Sender wie Pro Sieben oder RTL 2 im Analogangebot belassen, sondern auch, wie von der SLM verlangt, das Standardprogramm von 8 auf 10 Sender erhöhen. Zugleich kündigte Wolfert an, Primacom werde gegen ein Urteil zugunsten der Baugenossenschaft Leipzig in Berufung gehen. Die 5. Zivilkammer des Landgericht Leipzigs hatte Primacom am 18. Oktober angewiesen, wieder 34 analoge Programme in das analoge Kabelnetz einzuspeisen. "Wenn die Umstellung auf digitale Übertragungstechnik wirklich gewünscht ist, kann man nicht bis Ende 2009 warten und auf ein Wunder hoffen", sagte Wolfert. "Wir sind nach wie vor überzeugt, dass eine Umstellung Schritt für Schritt von anlaog zu digital der richtige Weg ist." Primacom werde sich daher in den kommenden Wochen mit den politisch Verantwortlichen zusammensetzen, um gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. "Unser Vorschlag ist, von einem aus 32 Programmen bestehendem Analogprogramm in jedem Jahr drei Sender in das Digitalangebot zu verlagern", sagte Wolfert.

Spielraum umstritten

Neben den so genannten must-carry-Programmen zur Grundversorgung haben die Kabelbetreiber seit Inkrafttreten des Vierten Rundfunkänderungsstaatsvertrages Spielraum gewonnen, um selbst Einfluss auf die Belegung der Kabelplätze zu nehmen. Wie weit die Freiheit in der Vermarktung der Programme gehen darf, ist zwischen Landesmedienanstalten, Kabelbetreibern und Sendern allerdings umstritten. Während die Kabelbetreiber durch die Verlagerung von Sendern damit beginnen wollen, mehr Kunden für die mit Millioneninvestitionen ausgebauten digitalen Netze zu gewinnen, fürchten die Privatsender Reichweitenverluste. Primacom hat nach Wolferts Worten die Grundsatzdiskussion um die Rollenverteilung im Fernsehmarkt angestoßen, weil auf längere Sicht auch der deutsche TV-Markt ähnlichen Regeln wie im Ausland gehorchen müsse.

Nach seinen Worten liegt der mit 22,3 Millionen Kabelkunden zweitgrößte Markt nach den USA im Angebot weit hinter dem Ausland zurück. "Warum gibt es nur 30 bekannte Fernsehsender in Deutschland, aber tausende Zeitschriften? Im Vergleich zum Ausland ist die Rede von einer Programmvielfalt in Deutschland eine Lüge." Wenig Chancen räumte Wolfert proprietären Systemen wie Premiere World ein. "Von den Inhalten her kann man sich nichts Besseres wünschen als das, was Kirch bringt. Aber die Insel-Lösung hat sich nicht durchgesetzt." Mehr Erfolgsaussichten hätten Abonnementmodelle, wie sie derzeit vor allem vom US-Medienkonzern Viacom vorangetrieben würden. Allein über Werbe-Erlöse seien hingegen vor allem anspruchsvolle Nischensender in Zukunft nicht mehr zu finanzieren, sagte Wolfert.

Verbandsgründung geplant

Nicht vertreten fühlen sich derzeit die Anbieter von digitalen Breitbandkabeldiensten wie Callahan, Telecolumbus und Primacom vom Verband privater Kabelnetzbetreiber, ANGA. In der vergangenen Woche haben nach Informationen des Handelsblatts bereits erste Gespräche stattgefunden, um einen neuen Industrieverband ins Leben zu rufen. Von ihm erhoft sich die Branche mehr Verständnis für ihre Geschäftsmodelle, die über den Transport von Fernsehsendern weit hinaus gehen sollen. Neben schnellen Internetzugängen wollen die Kabelbtreiber auf längere Sicht die Kabel auch für Teleshopping und die Telefonie über das Internet einsetzen.

In diesen Zukunftsmärkten sieht sich Primacom als Pionier. Seit August sei bereits eine rückkanalfähige Set-Top-Box erhältlich, die den Kunden dank integriertem Kabelmodem Zugang zu neuen Angeboten verschaffe, sagte Wolfert. Die rund 800 DM teure Box, die Signale in Bilder und Töne umsetzt, wird derzeit für eine Monatsmiete von 4,95 DM angeboten. Um möglichst viele Kunden vom Umstieg auf das Digitalangebot zu überzeugen, kostet das Standardpaket für analoge Programme mit 8 DM zusätzlich zum Kabelanschluss 1 DM mehr als das digitale Basispaket, das zudem mehr Programme enthalten soll.

Derzeit nicht geplant sind Tarifmodelle wie in Großbritannien, bei denen die Kunden die Entschlüsselungsbox kostenlos zur Verfügung gestellt wird. "Wenn man die Boxen verschenkt, muss man das über unverhältnismäßig hohe Kosten für die Programmpakete wieder hereinholen", sagte Wolfert.

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