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Primus ante Portas

Es stinkt nach Aufbruch in Köln-Ehrenfeld. Unüberriechbar wabert ein Hauch frischer Farbe durch die uniformen weißen Gänge, die Türschilder sind noch von Hand geschrieben, im zweiten Stock werden Strippen gezogen. Auch ein Firmenschild an der Pforte fehlt noch: Von außen ist nicht zu erkennen, dass in der ehemaligen Residenz des Plattenkonzerns Emi nun der E-Händler Primus-Online seine Zentrale bezogen hat.

HB KÖLN. Auch die Geschäftsführung der Tochter des Handelskonzerns Metro ist in den vergangenen Wochen aufgebrochen: In kürzester Zeit kaufte Primus den Musikversender und-filialisten JPC und gründete ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Digitalbild-Dienstleister Pixelnet. Primus-Online scheint in Zeiten der E-Commerce-Depression fast trotzig gegensteuern zu wollen.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Dr. Karsten Niehus und Thomas Schulte-Huermann, Geschäftsführer Primus-Online

Immer wieder betonen die Geschäftsführer Karsten Niehus und Thomas Schulte-Huermann im Gespräch, dass ihr Unternehmen kein reines Internet-Kaufhaus ist. "Wir sind ein Multi-Channel-Distanzhändler und deshalb offen für jeden Weg zum Kunden", sagt Niehus. "Das Internet ist nur ein Weg, genau wie Telefon, Fax, Wap- oder UMTS-Technologie." Genau deshalb passe JPC als Versandhändler mit zehn Niederlassungen bestens zu Primus-Online.

Derzeit betreiben die Kölner 14 Shops im Internet; gehandelt werden Bücher, Stereoanlagen, edle Kaffees und Designerkleidung. Rund 150 Mill. DM setzte Primus mit seinen 300 Mitarbeitern im vergangenen Jahr um, 2001 sollen es 250 Mill. DM werden.

Neue Verkaufswege erschließen - dazu soll auch das Gemeinschaftsunternehmen mit Pixelnet beitragen. Gemeinsam wollen das am Neuen Markt notierte Unternehmen für digitale Fotodienstleistungen und der Kölner Händler die Vereinigung digitaler Bilder und klassischer Fotografie vorantreiben: Neben klassischen Fotodiensten soll das Gemeinschaftsunternehmen Primus-Pixel Fotoalben im Internet bereitstellen und für Kunden digital geschossene Bilder auf Fotopapier ausdrucken. Darüber hinaus prüfen die Primus-Geschäftsführer zurzeit, ob es sich lohnt, Digitalkameras - ähnlich wie bereits heute Mobiltelefone - zum symbolischen Preis von 1 DM an Primus-Pixel-Kunden zu verkaufen und die Kosten durch entsprechende Vertragsdauer wieder hereinzuholen. "So haben wir Kundenbindung auf der einen Seite, Mehrwert für unsere Kunden auf der anderen", rühmt Niehus das Gemeinschaftsunternehmen.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die Verkündung der Zusammenarbeit von Pixelnet und Primus erfolgte nur kurze Zeit nach der Übernahme von Photo Porst durch Pixelnet. Am 22. Februar übernahm Pixelnet Porst; schon am 6. März wurde die Gründung von Primus-Pixel veröffentlich - selbst für die Internet-Wirtschaft eine erstaunliche Geschwindigkeit. Und ein gewaltiger Brocken für Pixelnet: Porst setzte im vergangenen Jahr mit seinen 2 000 Ablegern fast eine halbe Milliarde DM um - rund zehn Mal mehr als Pixelnet.

Schon lästert man in Handelskreisen, dass Primus-Online bei diesem Geschäft heftig mitmischte. Niehus und Schulte-Huermann bestreiten das: "Die Pixelnet AG ist jetzt Gesellschafter bei Porst und bei Primus-Pixel", erläutert Niehus. Eine direkte Absicht hinter dieser Konstruktion zu vermuten, sei aber "zu viel". Wusste denn sein Unternehmen vom Werben Pixelnets um Porst? Niehus: "Wir arbeiten sehr partnerschaftlich, insofern tauscht man sich über eine Vielzahl von Themen aus. Von Porst wussten wir aber nichts Konkretes, bevor es an die Presse kam."

Zumindest eines bleibt bei diesen bewusst zurückhaltenden Äußerungen aber nicht im Nebel: Die Partner grübeln, wie sich die Porst-Filialen nutzen lassen. "In welcher Art steht noch nicht fest", sagt Niehus. Dazu sei alles viel zu schnell gegangen.

In der Handelsbranche vermutet man hinter den Aktivitäten der Kölner eine Abwehrstrategie gegen einen Verkauf durch die Muttergesellschaft. Primus gehört zu 51 % der Metro AG, zu 49 % der schweizerischen BHS AG, einer Gesellschaft der drei Metro-Gründerfamilien. Schon seit längerem kursieren Branchengerüchte, der Handelskonzern könne sich nicht anfreunden mit dem Konzept eines Web-Kaufhauses und wolle Primus daher abstoßen.

Als Verhandlungsbasis stünden 250 Mill. DM zur Debatte. "Wir würden nicht mal ein Zehntel davon bezahlen", zitiert die "Wirtschaftswoche" einen nicht näher genannten Manager eines Versandhauses. Joachim Schoss, Chef der BHS AG, gesteht: "Ein Partner, der den wachsenden logistischen Aufwand von Primus-Online unterstützen kann, würde Sinn machen."

Die Kölner würden aber gern bei ihrer Mutter bleiben und täten genau deshalb alles, um vom reinen Internet-Vertrieb wegzukommen, heißt es in der Branche. Schulte-Huermann bleibt bei diesem Thema gelassen: "Wir kommentieren Gerüchte grundsätzlich nicht."

Die beiden Primus-Geschäftsführer sehen sich als echten Teil der Metro-Gruppe. Es finde ein sehr intensiver Austausch der einzelnen Metro-Töchter statt, wenn es um Internet-Handel und-Auftritte gehe. "Es ist aber nicht so, dass wir als Beratungsgesellschaft durch die Linien der Metro AG laufen und sagen, wie E-Commerce gehen soll", betont Niehus.

Schulte-Huermann sieht sein Unternehmen sogar als Ausgangspunkt für Innovationen: "Wir sind eine Keimzelle für Unternehmen." Als Beispiele für Firmen, die aus der Primus-Online hervorgegangen sind, führt er den Softwarehersteller Pago an, eine Tochter von BHS und der Deutschen Bank, den Netz-Zugang Debitelnet, den Werbevermarkter Intregate und als jüngstes Beispiel den Internet-Dienstleister Yline.

Für Primus-Online biete die Metro viele Vorteile. Schulte-Huermann erklärt: "Wir nutzen die gesamte Infrastruktur des Konzerns." Das mache sich vor allem beim Einkauf bemerkbar, Primus habe bessere Konditionen als E-Händler, die auf sich allein gestellt sind.

Dank dieser Vorteile sollen sich auch bald schwarze Zahlen einstellen: 2002 wollen die Kölner die Gewinnzone erreichen - trotz der zahlreichen Renovierungen im neuen Firmensitz.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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