Privatanleger und Börsenprofis in Panik
Ausverkauf am Neuen Markt

Am Neuen Markt herrscht Panik. Nach wochenlanger Talfahrt hatten Optimisten schon Licht am Ende des Tunnels gesehen. Doch weit gefehlt: Selbst die Aktien vermeintlich sicherer Schwergewichte wie Intershop, EM.TV oder T-Online werden auf den Börsenparketts wie Sauerbier angeboten - ihre Kurse rauschen im Eiltempo in den Keller.

dpa FRANKFURT/MAIN. Im traditionell gefürchteten Börsenmonat Oktober liegen bei Privatanlegern und professionellen Investoren nun die Nerven blank. "Das sind wirklich Panikverkäufe", sagte der DG Bank-Chefanalyst Lothar Weniger am Montag in Frankfurt. "Da muss man schon von einer Vertrauenskrise sprechen." Der spekulative Wachstumsmarkt war bereits am Freitag auf ein Jahrestief gestürzt und brach zu Wochenbeginn erneut kräftig ein. Bis zum Nachmittag fiel der Index NEMAX All Share um fast 200 Punkte auf weniger als 4 300 Zähler. Der NEMAX 50 für die größten Werte verlor mehr als 4,5 % auf 4 515 Zähler und rutschte zeitweise sogar unter 4 500 Punkte. Wohin die Reise geht, mag so richtig niemand mehr voraussagen. Ausländische Fondsgesellschaften stiegen massiv aus einigen Titeln aus.

Eine regelrechte Kurserosion gab es bei EM.TV . Nach revidierten Geschäftszahlen rutschte die Aktie des Münchener Medienunternehmens um ein Fünftel auf 44 Euro. Die Halbjahreszahlen müssten auf Grund "technischer Fehler" bei der Berechnung korrigiert werden, ließ der Konzern mitteilen. Umsätze aus dem Einstieg in die Formel 1 sowie beim Muppet Show-Produzenten Jim Henson seien versehentlich falsch verbucht worden und fielen erst in den zweiten sechs Monaten 2000 an. Die Prognosen für Umsatz und Gewinn blieben aber beim Alten, hieß es.

"Das ist ein Hammer. Wenn die jetzt auch schon so anfangen, dann muss man sich über die Verkaufspanik nicht wundern", kommentierte ein Händler auf dem Frankfurter Parkett die Hiobsbotschaft. Schließlich ist es um das Image des bei Kleinaktionären beliebten Neuen Marktes ohnehin von Tag zu Tag schlechter bestellt. Utopische und geschönte Wachstumsprognosen, drohende Pleiten zahlreicher Gesellschaften und heimliche Aktienverkäufe von Vorstandschefs zur eigenen Bereicherung haben für Verdruss gesorgt. Gigabell, Ixos, Infomatec und Metabox sind nur einige, die ihre Aktionäre verprellt haben.

Sogar bei Kreditinstituten und Investmenthäusern wird hinter vorgehaltener Hand in Einzelfällen immer öfter von "Betrug" oder "Manipulation" gesprochen. Firmenchefs machten falsche Angaben oder rückten zu spät mit den traurigen Wahrheiten raus und führten damit auch ihre Hausbanken hinters Licht, heißt es.

Nach Einschätzung der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) stehen zu viele untaugliche Kandidaten auf dem Kurszettel - Firmen, bei denen der Börsengang bereits das eigentliche Geschäftsmodell ist. Selbst "guten Namen" könne man nicht trauen, warnen die Aktionärsschützer.

Die Zeche für falsche Versprechungen zahlen meist Kleinaktionäre, die in der Regel nicht ausreichend oder zu spät über die wahre Lage informiert sind. Viele von ihnen waren aber schon beim Börsengang vermeintlicher Kursraketen am Neuen Markt frustriert. Während Banken, Vorstände sowie deren "Familien und Freunde" bei der Zuteilung üppig bedacht wurden, gingen Privatanleger oft leer aus oder bekamen nur eine Hand voll Aktien.

Angesichts des Kurseinbruchs am Neuen Markt sehen die Investmentbanker der DG Bank ihre Zunft nun rehabilitiert. "Man hat uns als Banditen beschimpft, weil wir nicht alle bedient haben", heißt es beim Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken. Nun dürften einige froh sein, dass sie nicht zum Zuge kamen: "Dafür haben sie jetzt auch keine Verluste zu beklagen."

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