Private Anleger halten sich zurück
Das Parkett gehört den Profis

Ob langweilige Konjunkturdaten wie Wohnungsbaubeginne oder entscheidende Fragen wie Krieg oder Frieden - die Profis analysieren kühl und handeln schnell. Privatanleger kommen da längst nicht mehr mit.

NEW YORK. Paul Calvetti hatte am Montag, als die Aktienmärkte nach oben und die Anleihekurse nach unten sprangen, allen Grund zur Freude. Aber so würde der Chefhändler von US-Staatsanleihen bei der Deutschen Bank in New York das nie ausdrücken. "Wir versuchen, uns nach unseren Modellen zu richten und die Emotionen möglichst rauszulassen", sagt Calvetti, der nicht für Kunden handelt, sondern auch auf Rechnung der Deutschen Bank (so genannter Eigenhandel).

Das Bewertungsmodell des Profihändlers signalisierte seit Wochen, dass Anleihen zu teuer und Aktien zu billig waren. Deshalb baute er schrittweise eine Short-Position bei US-Bonds auf, das heißt, er wettete auf fallende Bondkurse. Gleichzeitig kaufte Calvetti Indexzertifikate, die den US-Aktienindex S & P 500 abbilden. Während der S & P 500 von 850 fast auf 800 Punkte fiel, kaufte Calvetti weiter zu. Als US-Aktien dann am Mittwoch zu einer rasanten Rally ansetzten, zahlte sich die Wette aus. Der scharfe Einbruch bei den Anleihekursen bescherte Calvetti zusätzliche Gewinne.

Hinter den heftigen Marktbewegungen steckte die wachsende Wahrscheinlichkeit eines schnellen Angriffs der USA auf den Irak. Die Profihändler an der Wall Street analysieren die Frage von Krieg und Frieden ebenso nüchtern wie die neuesten Zahlen zum US-Wohnungsbau. "Es spielt keine Rolle, ob ich für oder gegen den Krieg bin. Wichtig ist nur, wie der Markt reagiert", sagt Ted Weisberg, Chef und Gründer des Handelshauses Seaport Securities mit Sitz an der New York Stock Exchange.

Weisberg beobachtet in den vergangenen Tagen verstärkte Aktivitäten von Profihändlern. Sie versuchen, die Kursschwankungen durch quasi-automatische Computerprogramme, ausgeklügelte Marktmodelle oder auch Bauchentscheidungen in Gewinne umzumünzen. "Das schnelle Handeln der Profis verstärkt die Kurssprünge", sagt Weisberg. Am "Big Board", der New Yorker Börse, sind die Eigenhändler der Banken, Hedge Funds und noch ein paar Aktienfondsmanager derzeit unter sich. "Privatanleger haben sich völlig zurückgezogen", sagt Weisberg.

Nicht alle trauen der Kriegsrally an den Aktienmärkten. Der legendäre Hedge-Fund-Manager George Soros glaubt, dass US-Präsident George W. Bush mit seiner unilateralen Politik einen schweren Fehler macht. Kurzfristig könne ein erfolgreicher Irakkrieg zwar die Märkte weiter treiben, schrieb der Gründer der milliardenschweren Quantum-Hedge-Fund-Familie kürzlich. Doch in diesem Fall werde die unvermeidliche Gegenbewegung später um so schärfer ausfallen. Richard Bernstein, Chef-US-Stratege der Investmentbank Merrill Lynch, rechnet jederzeit mit einem Rückschlag für die Börse. "Wir bleiben bei unserer Einstellung, dass man in die Rally hinein verkaufen sollte", sagt Bernstein.

Die Strategien der Profis sind - naturgemäß - unterschiedlich. Für jeden Käufer muss es schließlich an der Börse einen Verkäufer geben. Seaport-Chef Weisberg beobachtet, dass viele Händler ihre Aktienbestände in die Rally hinein verkaufen. "Sie rechnen mit einem Rückschlag, der nach solch extremen Sprüngen eigentlich normal ist", sagt er.

Deutschbanker Calvetti hat seine Position long-Aktien/short-Bonds indessen weitgehend behalten. Er spekuliert ganz bewusst auf eine sehr unwahrscheinliche politische Wendung - eine Flucht Saddam Husseins ins Exil. "Er muss sich jetzt sehr schnell entscheiden", sagt Calvetti, "und wenn er flieht, dann brechen die Anleihemärkte erst richtig ein". In diesem Fall gewinnt er weit mehr als er verliert, falls es doch zum Krieg kommt. "Deswegen lohnt sich die Wette trotz der geringen Wahrscheinlichkeit", sagt Calvetti. So sieht der Irakkonflikt durch die Brille der Profihändler aus.

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