Privater Konsum bewahrt die US-Wirtschaft vor einer Rezession
Experten sehen in USA die Talsohle erreicht

Die US-Wirtschaft hat offenbar das Schlimmste überstanden. Mit einem Wirtschaftswachstum von lediglich 0,2 % im 2. Quartal sehen die meisten Ökonomen an der Wall Street die Talsohle erreicht. Die Erholungsphase wird allerdings lange dauern. Noch sind die Unternehmen damit beschäftigt, ihre Überkapazitäten abzubauen.

NEW YORK. Der Zustand der amerikanischen Wirtschaft ist offenbar weniger schlecht als bislang befürchet. Entgegen den Erwartungen der meisten Ökonomen an der Wall Street ist das Bruttoinlandsprodukt in den USA im 2. Quartal mit einer Jahresrate von 0,2 % gewachsen. Die Fachleute hatten mit einer Stagnation oder einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet. Das Bruttoinlandsprodukt ist der umfassendste Begriff für die in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen.

Vor allem für die Investoren an den Finanzmärkten in aller Welt ist die Nachricht Balsam für die geplagte Seele. Seit Wochen warten die Anleger auf Hinweise für eine allmähliche Erholung der größten Volkswirtschaft der Erde. "Das ist psychologisch ein wichtiges Signal", sagte Michael Ryan, Analyst bei der Investmentbank UBS Paine Webber in New York.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist die Botschaft nicht ganz so positiv. Das US-Handelsministerium hatte noch Ende Juli mit einem Plus im 2. Quartal von 0,7 % gerechnet und für das 1. Quartal einen Zuwachs von 1,3 % ausgewiesen. Und: die erreichten 0,2 % sind immer noch das schlechteste Ergebnis seit acht Jahren. Damals, Anfang 1993, steckte die US-Wirtschaft in einer tiefen Rezession und schrumpfte um 0,1 %.

Steuergutschriften für alle Haushalte

Um eine Rezession dürften die Amerikaner diesmal herum kommen. Dass das Bruttoinlandsprodukt in zwei aufeinander folgenden Quartal zurückgehen könnte - das ist die übliche Definition für eine Rezession - glaubt an der Wall Street kaum noch jemand. Vielmehr dürften in den kommenden Monaten die drastischen Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank Fed und die von Präsident Bush durchgesetzten Steuererleichterung ihre positive Wirkung auf die Konjunktur entfalten. Die Fed hat die Leitzinsen in den USA seit Jahresbeginn um insgesamt drei Prozentpunkte auf jetzt 3,5 % zurückgenommen. Dadurch haben sich die Finanzierungskosten für Unternehmen und Verbraucher erheblich verbessert. Bei ihrer Sitzung vor einer Woche hat die Notenbank die Tür für weitere Zinssenkungen offen gelassen.

Darüber hinaus hat die US-Regierung in den vergangenen Wochen an alle amerikanischen Haushalte Steuergutschriften verschickt. Jeder Steuerzahler soll im Durchschnitt 300 $ erhalten und wird - so hofft die Regierung - damit die Wirtschaft ankurbeln.

Peter Hooper, Chefökonom der Deutschen Bank in New York, warnt jedoch vor verfrühtem Optimismus. "Wir haben vermutlich die Talsohle des Abschwungs erreicht, die Erholung wird aber nur sehr langsam gehen." Hooper rechnet erst im kommenden Jahr mit einer durchgreifenden Besserung der wirtschaftlichen Lage in den USA. Für dieses Jahr erwartet er ein Wirtschaftswachstum von nur 1,7 %. Im Jahr 2002 sollen es dann 2,6 % werden.

Verbraucher schaffen Wiederaufschwung nicht allein

Die gestern vom Handelsministerium vorgelegten Zahlen bestätigen diese Einschätzung. So hält sich der private Konsum, der etwa zwei Drittel aller Güter und Dienstleistungen in den USA generiert, überraschend gut. Statt der ursprünglich geschätzten 2,1 % legte der Verbrauch um 2,5 % zu. Der Anfang der Woche vorgelegte Vertrauensindex der US-Konsumenten ist im Juli auf Grund der unsicheren Lage auf dem Arbeitsmarkt zwar leicht zurück gegangen, ihre Zukunft schätzen die Amerikaner aber wieder positiver ein. Zu erklären ist das nur vor dem Hintergrund eines nach wie vor starken Immobilienmarktes. Die Wertverluste an den Aktienmärkten wurden offenbar von den Zuwächsen auf dem Markt für Häuser weitgehend wettgemacht.

Die amerikanischen Verbraucher können die Wirtschaft zwar vor einer Rezession bewahren, für einen Wiederaufschwung können sie allein jedoch nicht sorgen. Dazu bedarf es der Investitionen der Unternehmen. Und hier ist das Bild nach wie vor trostlos. Nach den jüngsten Zahlen sind die Investitionen im 2. Quartal mit einer Jahresrate von 14,5 % eingebrochen. Das ist gut ein Prozentpunkt mehr als das Handelsministerium bisher angenommen hatte. Die Unternehmen haben alle Hände voll damit zu tun, ihre Kapazitäten zurückzufahren. Der Lagerabbau hat sich im 2. Quartal noch einmal auf 38,4 Mrd. $ beschleunigt.

Zudem sind die Gewinne der Firmen im dritten Quartal hintereinander gesunken. Außerhalb des Finanzbereichs sind die Ergebnisse der Unternehmen um 21,1 Mrd. $ zurückgegangen. Chuck Hill, Direktor beim Finanzinformationsdienst First Call/Thomson Financial rechnet für das laufende 3. Quartal erneut mit einem Gewinneinbruch von 17 % bei den im Börsenindex S&P 500 notierten Unternehmen. Angesichts dieser Zahlen ist kaum damit zu rechnen, dass die US-Unternehmen noch in diesem Jahr ihre Investitionen nach oben fahren.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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