Privates Beteiligungskapital gewinnt in Deutschland an Bedeutung – Unternehmenssteuerreform könnte Boom auslösen
Finanzinvestoren auf dem Vormarsch

Wenn Konzerne Töchter verkaufen oder Mittelständler Nachfolger suchen, treten immer öfter Finanzinvestoren als Käufer auf. Für sie birgt der deutsche Markt noch ein riesiges Potenzial.

DÜSSELDORF. Die Refresco Holding BV macht mit schlanken Strukturen Ernst: Die Zentrale des Getränkekonzerns ist ein schmaler Gang mit ein paar Büros, der an einer Fabrikhalle an der Autobahn von Utrecht nach Den Haag klebt. Als Rezeption dient ein Telefon mit dem Hinweisschild: "Rufen Sie bitte Ihren Gesprächspartner an".

"Unsere Holding-Verwaltung besteht aus vier Leuten - dem Vorstandschef, zwei Sekretärinnen und mir", grinst Finanzchef Aart Duijzer, als er den Besucher an der Tür abholt. "So halten wir die Kosten niedrig und lassen den Töchtern viel Eigenverantwortung", fügt der hagere 37-Jährige hinzu und serviert als Mittagessen ein in Folie eingewickeltes Käsebrötchen und einen Plastikbecher Buttermilch.

Schlanke Strukturen und demonstrative Sparsamkeit - so mögen es Finanzinvestoren. Schließlich sollen die 70 Mill. DM, die sie bisher in Refresco gesteckt haben, nicht dem Bau repräsentativer Glaspaläste, sondern dem Aufbau des führenden europäischen Fruchtsaftproduzenten dienen.

Refresco verfolgt eine "Buy and build"- Strategie - aus vielen regionalen Anbietern einer mittelständisch strukturierten Branche wollen die Holländer einen renditestarken europäischen Getränkeriesen formen. Das geht nur mit viel Kapital im Rücken und das stammt von namhaften Adressen wie der Capiton AG, einer Tochter des Berliner Versicherungskonzerns Parion. Außerdem mit dabei: die mit dem niederländischen Allfinanzriesen Fortis verbundene Nesbic Groep und die Commerzbank AG.

Private Equity heißt das Geschäft dieser Investoren - privates Beteiligungskapital. Sie werden Aktionäre eines Unternehmens, finanzieren Sanierung oder Expansion und steigen nach ein paar Jahren aus, in dem sie ihre Anteile an einen industriellen Investor verkaufen oder an die Börse bringen. Ihr Kapital kommt aus Pensionskassen, von Banken und Versicherungen. Ihre Renditen liegen im langjährigen Marktdurchschnitt bei 15 bis 20 %.

Die Refresco Holding kam im März 2000 per Management-Buyout als Abspaltung vom niederländischen Milchgiganten Campina Melkunie zur Welt: Sieben Manager übernahmen mit Hilfe der Finanzinvestoren das wegen niedriger Renditen ungeliebte Fruchtsaftgeschäft, schrumpften es gesund und vergrößerten es dann durch den Kauf der Mönchengladbacher Krings Fruchtsaft GmbH. Durch weitere Zukäufe in schneller Folge will Refresco nun zur Nummer eins in Westeuropa wachsen. In Spanien und Portugal ist der Konzern schon präsent, geplant sind weitere Käufe in Deutschland und Engagements in Frankreich und Österreich.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. "Wenn einmal einer damit angefangen hat, muss die ganze Industrie mit", sagt Duijzer. "In drei bis vier Jahren ist die Sache gelaufen. Dann haben wir vier oder fünf Gesellschaften gekauft oder wir werden selber geschluckt."

Refresco ist nur ein Beispiel für von Finanzinvestoren getriebene Konsolidierungen mittelständisch geprägter Branchen. Das prominenteste ist wohl die Kamps AG, die in atemberaubenden Tempo ein Backimperium zusammenkaufte. Die Carlyle Group, ein Private-Equity- Spezialist aus den USA, sammelt gerade Anteile an deutschen Autozulieferern. Der jüngste Coup: Die Continental-Tochter Contitech.

Doch insgesamt ist der deutsche Private-Equity-Markt im internationalen Vergleich unterentwickelt - der britische ist etwa acht Mal so groß (siehe Grafik). Zu Dutzenden sind angelsächsische Investoren ins Land gekommen - in der Hoffnung, im großen Stil die Nachfolge mittelständischer Familienunternehmer anzutreten. "Das hat sich überhaupt nicht realisiert und ich glaube auch nicht, dass das jemals kommen wird", seufzt Andrew Richards, Deutschlandchef des Londoner Private-Equity-Riesen 3i Group Plc.

Die Folge: der Markt ist nun überbesetzt und die Finanzinvestoren treiben auf der Jagd nach Deals die Preise hoch. Vor zehn Jahren habe man das Vier- bis Fünffache des Ebit (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) für ein Unternehmen gezahlt, heute oft das Acht- bis Zehnfache, sagt Max Burger-Calderon, Gründungspartner von Apax Partners.

Was die Nachfolgeproblematik im Mittelstand nicht geschafft hat, soll nun die Steuerreform bringen: Vom 1. Januar an können Unternehmen steuerfrei Beteiligungen verkaufen. Davon erhofft sich die Private-Equity-Branche einen Schub. Richards rechnet für 2002 mit einem Anstieg der Transaktionen um 30 % und der Transaktionsvolumina um 60 bis 70 %. Der 3i-Manager: "Wir haben jetzt die besten Bedingungen aller Zeiten für Buyouts in Deutschland - falls wir nicht noch in eine Rezession abrutschen".

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