Privates Golfinternat im Fleesenseer
Das golfende Klassenzimmer

Wo andere Urlaub machen, trainieren Deutschlands Nachwuchsgolfer: An Rhein und Müritz wird täglich nach der Schule geputtet und gechippt.

Sein Unternehmen in Frankfurt hat Klaus Benatzky vor drei Jahren an den Nagel gehängt. Mit seiner Frau Ellen lebt er nun in einer renovierten Villa am Ufer des Müritzsees in Mecklenburg-Vorpommern. "Ich wollte meinem Sohn Thilo intensives Golf-Training und gleichzeitig beste Schulmöglichkeiten bieten", erklärt der 47-Jährige seine Idee, ein privates Golfinternat im Fleesenseer Land zu gründen.

Idealer könnte der Standort kaum sein: 150 Kilometer nördlich von Berlin bietet dort einer der schönsten Flecken Deutschlands alles, wovon das leidenschaftliche Golfer-Herz träumt: Vier Plätze mit insgesamt 72 Löchern, Nordeuropas größte Driving Range, Golf-Akademie, ein Neun-Loch-Short-Course, Hotels, Reitställe und Tennisanlagen, Segelboote und Fitnessclub.

Kein Wunder, dass sich Benatzkys Kinderschar schnell vermehrt hat: Neun Jungen und zwei Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren aus allen Teilen Deutschlands, darunter auch Carlos aus Mexiko und Andreas aus Singapur, werden wie in einer großen Familie behütet, bekocht, getröstet und gefördert. 1 950 Euro pro Monat, inklusive Wohnen, Trainerstunden, Mitgliedschaft im Golfclub Fleesensee und Hausaufgaben-Betreuung lassen sich die Eltern den Spaß kosten: Denn die Sprösslinge sollen nicht nur Einmaleins und Grammatik lernen, sondern Driven und Putten so lange üben, bis sie sich international einen Namen machen - wie einst Bernhard Langer oder nun Alex Cejka und Marcel Siem.

"Es ist wieder an der Zeit für ein Zugpferd mit Vorbildfunktion, das den Golfsport in Deutschland vorantreibt", sagt Katja Bayer, Sportkoordinatorin des Deutschen Golf-Verbandes (DGV). Von den 440 000 DGV-Mitgliedern sind nur acht Prozent unter 18 - sichtbares Zeichen für die schleppende Nachwuchsarbeit. Thilo jedenfalls hat den Biss für den großen Sprung - und den langen Schlag: Sein Handicap verbesserte der mit 1,92 Meter hochgeschossene 14 Jahre alte Teen in zwölf Monaten von sieben auf 2,6.

Sein Traum, auch wenn er "Putten grausig langweilig" findet: Als Profi auf Tour zu gehen, dort wo Preisgelder und Sponsoren locken. Und wenn?s nicht klappt? "Dann werde ich Golflehrer", erzählt der Neunt-Klässler. Dafür nimmt er ein hartes Pensum in Kauf. Denn ein Wochentag im Golfinternat sieht so aus: 7 Uhr Frühstück, nach der Schule Mittagessen im Internat, Golf-, Konditions- und Kraft-Training, 19 Uhr Abendessen, danach Hausaufgaben und Lernen. Einmal in der Woche werden die Noten kontrolliert, und wenn nötig, gibt?s Nachhilfe. "Wer auf der Driving Range nur an die nächste Mathearbeit denkt, der kann nicht wie ein Profi schwingen", meint Klaus Benatzky, der viel von festen Regeln hält.

Hart ist das Internatsleben, aber Julia Dedecek findet es einfach nur schön. Das zierliche Mädchen aus Wolfsburg scheint eines der seltenen Ausnahmetalente zu sein. "Sie bringt neben der Begabung die wichtigsten Voraussetzungen mit: Sie ist zielstrebig, diszipliniert und jammert nicht. Sie will den perfekten Schlag, und sie hat starke Nerven, um den Druck einer vierstündigen Turnierrunde auszuhalten", betont Trainer Marco Schmuck, der seine Schüler intrinsisch motiviert: "Golfen muss Spaß machen, jeder muss sein Ziel vor Augen haben. Wir gehen oft auf Gedankenreise, stellen uns den idealen Abschlag oder den perfekten Rechtsbogen vor." Das harte Training, das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung zahlt sich offensichtlich aus: Die Nationaltrainer vom Deutschen Golfverband (DGV) sind bereits auf Julia aufmerksam geworden.

Sie vermisse zwar ihre Eltern, aber zu Hause in Wolfsburg wolle sie nicht spielen, "weil ich da nur dumme Sprüche höre und die Leute denken, Golf sei nur was für Kinder reicher Eltern." Dabei weiß sie genau, dass sie einen von der Mehrheit belächelten Sport betreibt. "Aber meine Familie verzichtet auf Urlaub und vieles andere, um mir das Leben im Internat finanzieren zu können." Warum besucht sie dann nicht die preiswertere, vom DGV und Landessportbund mitfinanzierte Eliteschule des Sports in Koblenz, wo die Schüler 350 Euro im Monat selbst zahlen? "Dort gibt es keine Rundum-Versorgung, ich würde mich zu einsam fühlen." Katja Bayer, Initiatorin der Koblenzer Schule, kennt das Problem, "aber eine Tagesbetreuung ist zu teuer, denn einer der vier Plätze kostet auch so monatlich um die 3 000 Euro."

Fehlender Familien-Anschluss ist ein Grund, warum am Rhein nur der Nachwuchs eine Chance bekommt, der mindestens 15 ist und auf Nationalkader-Niveau spielt. Nicht viele leistungsorientierte Jugendliche trauen sich das selbstständige Leben zu. Inzwischen sind es nur noch Mats Smits und Felix Frohböse (beide 17), die sich nach der Schule auf den Jakobsberg in Boppard fahren lassen. Dort warten beste Trainingsbedingungen und ein traumhafter 18-Loch-Golfplatz mit Blick auf das sagenumwobene Tal der Loreley und den Rhein.

Einen zweiten Bernhard Langer hat das Internat noch nicht ausgebildet, dafür aber eine Denise Simon, die als beste deutsche Amateurgolferin gilt. Mit Frauen am Eisen ist 2003 in Koblenz Schluss - aus Kostengründen: Die Trainer wollen eine homogene Gruppe, und Jungen trainieren anders als Mädchen, heißt es. Sie gehen oft auch anders mit Stress um: Julia jedenfalls, die zur neuen deutschen Generation Golf gehört, setzt sich nach einem Turnier am liebsten ans Klavier, dann vergisst sie schnell tiefe Bunker, harte Grüns und wellige Fairways.

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