Privatpatienten unterstützen indirekt gesetzliche Krankenversicherung
DKV-Chef: „Erst einsacken, dann abzocken“

DKV-Chef Jan Boetius über Solidarität in der Krankenversicherung.
  • 0

Herr Boetius, verhalten sich Privatpatienten unsolidarisch?

Das ist ein Vorwurf, den Gesundheitsministerin Ulla Schmidt unseren Kunden gerne macht, um von ihrer verfehlten Politik abzulenken. Privatpatienten sind untereinander genauso solidarisch wie Kassenpatienten: Die Gesunden zahlen dafür, dass die Kranken versorgt werden können.

Die gesetzlichen Krankenkassen selektieren ihre Mitglieder aber nicht nach ihrer Gesundheit. Die Privatversicherer schon. Wer beim Antrag krank ist, muss draußen bleiben.

Wir könnten auf eine Risikoprüfung auch verzichten, wenn alle zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung wählen dürften. Solange aber 75 Prozent der Bevölkerung zwangsweise der gesetzlichen Krankenversicherung zugewiesen werden, sind wir auf Gesundheitsprüfungen angewiesen.

Ihre Branche luchst den Krankenkassen immer mehr Mitglieder ab. Für Ulla Schmidt ist das ein Anzeichen für Entsolidarisierung.

Es ist immer eine Frage, wie man Solidarität definiert: Privatpatienten unterstützen indirekt die gesetzliche Krankenversicherung jedes Jahr mit etwa fünf Milliarden Euro. Denn wir bezahlen für die Behandlung unserer Kunden im Krankenhaus nicht nur die Pflegesätze, die auch bei Kassenpatienten berechnet werden. Wir begleichen außerdem die Rechnungen der Chefärzte. Die wiederum führen den Großteil ihrer Einnahmen an das Krankenhaus ab, das deshalb günstigere Pflegesätze kalkulieren kann. Außerdem wären viele niedergelassene Arzte ohne Privatpatienten nicht überlebensfähig. Von diesen Quersubventionierungen profitieren auch die gesetzlich Krankenversicherten.

Warum denken derzeit so viele Kassenmitglieder über einen Wechsel zur Privaten nach?

Das Hauptproblem der Krankenkassen ist ihre Umlagefinanzierung. Da wird nicht mit Blick für die Zukunft kalkuliert. Die Kassen geben jedes Jahr das aus, was sie einnehmen. So ein System ist nicht zukunftsfähig und ohne Reform zum Kollaps verurteilt. Und das wissen die Menschen. Trotzdem will Frau Schmidt noch mehr Menschen hineintreiben. Das ist Betrug an der jüngeren Generation. Denn die muss später die Folgen dieser fantasielosen Politik ausbaden.

Halten Sie die Politik von Ministerin Schmidt für ungerecht, nur weil sie den Wechsel von der gesetzlichen zur privaten Krankenversicherung erschweren will?

Wenn ein System mit 90 Prozent der Bürger nicht funktioniert, warum soll das dann mit 93 Prozent klappen? Dass die umlagefinanzierten Sozialversicherungen mit dem demografischen Problem der Überalterung nicht besonders gut zurecht kommen, ist allgemein bekannt. Ulla Schmidts Kabinettskollege Walter Riester hat mit seiner Rentenreform die ersten Konsequenzen gezogen. Es ist absurd, dass zwei Minister derselben Regierung vor dem gleichen Problem stehen und dann in entgegengesetzte Richtungen laufen: Während Riester mit der Rentenvorsorge in den sonnigen Süden der kapitalgedeckten Vorsorge aufgebrochen ist, will die Gesundheitsministerin noch weiter in den kalten Norden der Umlagefinanzierung. Wird nichts getan, steigen die Beitragssätze der Kassen in den kommenden Jahren auf 17 Prozent und mehr.

Was passiert, wenn die Versicherungspflichtgrenze für den Wechsel zur privaten Krankenversicherung angehoben wird?

Das hieße noch weniger Wettbewerb im Gesundheitswesen. außerdem wäre das nur der erste Schritt: Es gibt in der SPD und bei den Grünen genügend Stimmen, die am liebsten alle Bürger bevormunden und in die gesetzliche Krankenversicherung zwingen würden. Dann gäbe es gar keinen Wettbewerb mehr. Wir wären komplett vom Nachwuchs abgeschnitten und unsere Tarife von Überalterung bedroht. Deshalb müssen wir jetzt eingreifen.

Die Ministerin beteuert, dass die höhere Grenze nur für neue Kassenmitglieder gelten soll. Warum glauben Sie ihr nicht?

Diese Einschränkung ist nur ein taktischer Schachzug, ein Weichspüler. Frau Schmidt betreibt Politik nach Salamitaktik: Zuerst wird die Versicherungspflicht erweitert, später steigt die Beitragsbemessungsgrenze. Kassenmitglieder mit höherem Gehalt müssen irgendwann also doch mehr bezahlen. Das will die Ministerin zwar keinem Wähler sagen. Aber immerhin hat sie zugegeben, dass sie sich nur deshalb auf die Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze beschränkt hat, um kein Kassenmitglied zu verjagen. Damit hat sie das Prinzip ihrer Politik verraten: Erst einsacken, dann abzocken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%