Pro-Sieben-Sat1-Aktionäre als leidgeprüfte Zuschauer
Ungemütliche Zeiten im Fernsehsessel

Den freien Aktionären der Pro Sieben Sat 1 Media AG muss das Geschehen rund um die Münchener TV-Gruppe wie ein schlechter Film vorkommen: Die Anteilseigner haben in dem Streifen schon unzählige Horror-Szenen ansehen müssen. Doch obwohl der Film längst Überlänge hat, ist noch immer ist nicht klar, ob es noch zu einem guten Ende kommt oder der große Schock erst bevorsteht.

MÜNCHEN. Längst ist den leidgeprüften Anlegern klar, dass sie - ganz wie im Film - nichts zu sagen haben, dass das Drehbuch von anderen geschrieben wird. Das ist zwar das Los von Inhabern stimmrechtsloser Vorzugsaktien. Nur: Bei dem im MDax notierten Unternehmen waren die außenstehenden Anteilseigner - immerhin 72 % der Vorzugsaktionäre - seit jeher Spielball der Interessen anderer. Früher war der Herrscher Leo Kirch, demnächst ist es der Mehrheitseigner Haim Saban.

Kirch hatte seine eigenen Ziele ohne Rücksicht durchgesetzt: Bei der Fusion von Pro Sieben mit dem hoch defizitären Kanal Sat 1, bei der geplanten und später abgesagten Verschmelzung mit Kirch Media, beim Verkauf seiner Filme und Sportrechte an die Sendergruppe. Seit zwei Wochen gehört der Konzern nun dem neuen Eigner Haim Saban. In der Frage, wie es mit der Gruppe weiter geht, können die Anteilseigner wieder nur zuschauen.

Bei all den Drehungen und Wendungen gab es lediglich eine Konstante: Der Aktienkurs rutschte in den vergangenen Jahren immer tiefer in den Keller - von mehr als 40 Euro im Herbst 2000 auf derzeit nur noch knapp über fünf Euro.

Sicher: Der allgemeine Kursverfall an den Börsen und der starke Einbruch der Werbeeinnahmen haben Spuren hinterlassen, für die Pro Sieben Sat 1 nicht verantwortlich ist. Doch es gibt auch viele hausgemachte Probleme: Die Pleite des Mehrheitseigentümers Kirch Media lastet seit mehr als einem Jahr auf dem Kurs. Denn niemand weiß, wie es weiter gehen soll.

Zudem kommt der Kanal Sat 1 noch immer nicht aus den tiefroten Zahlen heraus. Konkurrent RTL hat die Chance genutzt und die Münchener in den letzten Monaten hinter sich gelassen: Der Marktanteil von RTL, RTL 2, Vox und Super RTL liegt rund zehn Prozentpunkte über dem der Pro-Sieben 1-Gruppe. -Sat Zudem hat sich die Münchener Senderkette für viel Geld den Nachrichtensender N 24 geleistet, der auf absehbare Zeit Verluste schreibt.

Aktionäre, Analysten und Beschäftigte warten derzeit gespannt auf einen Befreiungsschlag: Dass sich der neue Mehrheitseigentümer Haim Saban zur weiteren Strategie von Pro Sieben Sat 1 äußert. Bislang blieben seine Ankündigungen ausgesprochen vage. Außer dem Ziel, RTL als Marktführer ablösen zu wollen, ließ sich der amerikanische Medienunternehmer nicht viel entlocken. Fragen zu einem möglichen Personalabbau und der zukünftigen Ausrichtung der vier Sender der Gruppe - Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und N 24-wich Saban aus. Die Bilanzpressekonferenz, ursprünglich für kommende Woche angesetzt, hat der TV-Konzern verschoben. Erst Mitte Mai - mit den Zahlen des ersten Quartals - will Pro Sieben selbst wieder an die Öffentlichkeit.

Damit noch nicht genug der offenen Fragen: Unklar ist nach wie vor, wer die Gruppe künftig leiten wird. In Münchener Medienkreisen wird seit Wochen offen über die Ablösung von Vorstandschef Urs Rohner spekuliert. Auch um die Chefposten der einzelnen Sender geht das Gerangel los.

Und noch etwas bewegt die Anleger: Gibt es ein Übernahmeangebot für die außenstehenden Aktionäre oder nicht? Saban hat das offenbar noch nicht entschieden. Dabei ist unklar, ob er ein solches Angebot vorlegen muss, oder eine Ausnahmeregelung nutzen kann.

Viele Analysten sehen die Übernahme dennoch positiv. In nächster Zeit werde Saban die Unsicherheit beenden und der nötige Umbau der Verlustbringer Sat 1 und N 24 gestartet, erwarten Experten. Damit könnten die Anleger auch neues Vertrauen in die Aktie bekommen.

Bis Saban sich entscheidet, bleibt den Anlegern nichts anderes übrig, als es sich im Fernsehsessel gemütlich zu machen. Wenn sie fleißig die Konzernsender schauen, steigen zumindest die Einschaltquoten.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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