Probleme mit der Bahn wirbeln Telekommarkt durcheinander
Arcor fürchtet Schwächung durch verzögerten Börsengang

Wie abhängig der deutsche Festnetz- Telekommunikationsmarkt noch immer von staatlicher Privatisierungspolitik ist, zeigt sich jetzt an einem Fall, bei dem dies eigentlich niemand für möglich gehalten hat: Mannesmann Arcor. Das Unternehmen ist mit einem Marktanteil von etwa sechs Prozent der größte Konkurrent der Deutschen Telekom im Festnetz.

Seit der Übernahme von Mannesmann durch den britischen Mobilfunker Vodafone hat das einst strahlend dastehende Unternehmen das Problem, dass seine künftige Dynamik im Markt angezweifelt wird: Vodafone hat schließlich bis auf Arcor alle Mannesmann-Töchter verkauft, die nicht reine Mobilfunkanbieter sind. Der Börsengang möglichst früh im kommenden Jahr ist daher intern das Etappenziel, hinter dem dann die eigenständige Entwicklung wieder sichtbar werden sollte. Schon jetzt hat durch die anhaltende Unsicherheit ein schleichender Abwanderungsprozess der überall gefragten Telekommunikationsexperten eingesetzt. Arcor braucht zudem die Börsennotierung, um im kommenden Jahr Übernahmemöglichkeiten zu nutzen, die sich aus den Problemen vieler kleinerer Festnetzgesellschaften ergeben werden.

Doch nun schießt die Bahn quer. Man habe jedes Verständnis dafür, dass der neue Chef Hartmut Mehdorn jetzt alle Sünden der Vorgänger sichtbar machen und bereinigen wolle, heißt es bei Vodafone und Arcor. Was das Unternehmen allerdings überhaupt nicht brauchen kann, ist, dass Mehdorn ausgerechnet jetzt die Grundsatzfrage nach der künftigen Gestaltung der Bahn-Kommunikationssysteme stellt - ganz so, als habe es vor vier Jahren den Verkauf ihres maroden Unternehmensnetzes nicht gegeben und als sei es nicht Arcor gewesen, die in den Ausbau dieser Infrastruktur massiv investiert hat.

Wenn jetzt Mehdorn sagt, die Bahn wolle ihre Kommunikationssysteme künftig wieder stärker selbst kontrollieren, macht er das ganz große Fass auf: Will die Bahn das verkaufte Netz etwa zurückhaben? Will das Unternehmen, das sein Kerngeschäft offenbar überhaupt nicht im Griff hat, jetzt auch noch im schwierigen Festnetz-Telekommunikationsmarkt dilettieren?

Für Arcor wäre das fatal: Das Unternehmen müsste sein Netz völlig umstrukturieren. Es verlöre den mit Abstand größten Kunden, und der Zeitplan für den weiteren Aufbau des eigenen Geschäfts in einem schnelllebigen Markt geriete komplett aus dem Takt. Dies würde allenfalls einem anderen Bundesunternehmen nützen: der Telekom. Ihre wichtigste Konkurrentin würde entscheidend geschwächt.

Möglicherweise geht es aber der Bahn nur darum, in den harten Verhandlungen um mehr Geld vom Bund aus taktischen Gründen zu vermeiden, dass ihr schon bald gut drei Milliarden Mark aus dem Arcor-Börsengang zufließen. An diesem Punkt müsste der Bahn-Eigentümer Staat allerdings eingreifen - im Interesse der Steuerzahler.



Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
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