Produktion nimmt im April erneut ab – Rückgang bei Vorleistungsgütern setzt sich beschleunigt fort
Europas Industrie sendet Rezessionssignale aus

Die Lage im produzierenden Gewerbe in den Euro-Ländern hat sich im April weiter verschlechtert. Die Industrieproduktion ist im zweiten Monat in Folge gesunken und liegt in einigen großen Ländern inzwischen unter ihrem Vorjahresniveau. Betroffen sind nicht länger allein die Hersteller von Vorleistungsgütern.

bbl DÜSSELDORF. Zwei Tage vor der nächsten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) hat das EU-Statistikamt Eurostat in Luxemburg neue Zahlen vorgelegt, die auf einen beschleunigten Abschwung im produzierenden Gewerbe der Euro-Länder hinweisen. Die Industrieproduktion im Euro-Raum hat im April im zweiten Monat in Folge abgenommen. Sie fiel stärker als von Analysten erwartet um saisonbereinigt 0,5 % zum Vormonat und lag damit nur noch um 1,6 % höher als im Vorjahr. Bereits im März war die Produktion rückläufig gewesen, hatte ihr Vorjahresniveau aber immerhin noch um 2,9 % übertroffen.

Beschleunigt fortgesetzt hat sich der Produktionsrückgang bei den Vorleistungsgütern, wo der Output um 0,6 % unter dem Vormonatsniveau lag. Die Produktionsentwicklung bei Vorleistungen, zu denen ein Großteil der Chemieerzeugnisse sowie der Metallerzeugung und-bearbeitung zählen, gilt weithin als Frühindikator für die Entwicklung in der gesamten Industrie.

Nur die Deutschen verzeichneten keinen Produktionsrückgang

Aber auch bei den dauerhaften Konsumgütern, zu denen neben einem Teil des Fahrzeugbaus vor allem die Geräte der Unterhaltungselektronik sowie Möbel gezählt werden, hat der Output abgenommen. Im Vormonat war hier noch ein leichtes Plus verzeichnet worden. Erstmals seit Januar erzielten auch die Hersteller von Investitionsgütern im April wieder ein leichtes Minus, was vor allem auf die seit Jahresanfang stark rückläufigen Exportaufträge zurückzuführen ist.

Bis auf Deutschland ist es im April in allen großen Ländern des Währungsraums zu Produktionsrückgängen gekommen. In Italien und in Spanien lag der Produktionswert gar unter dem Vorjahresniveau. Das deutsche produzierende Gewerbe erzielte nach Angaben der EU-Statistiker im April mit 0,1 % ein leichtes Produktionsplus, was sich auf Grund eines anderen Bereinigungsverfahrens der EU-Statistiker von der Berechnung durch die Deutsche Bundesbank (-0,9 %) unterscheidet.

Finnische Produktion im Sinkflug

Am stärksten ist die Produktion in Finnland eingebrochen (-6,6 %). Auch hier ergab sich ein Minus zum Vorjahresniveau. Maßgeblich beeinträchtigt wurde die Leistung der finnischen Industrie durch den weltweiten Rückgang der Nachfrage nach Gütern der Informationstechnologien. Die Produktion im finnischen IT-Sektor liegt inzwischen rund ein Drittel unter ihrem Vorjahresniveau.

Analysten werten die jüngsten Zahlen als Anzeichen dafür, dass der Output im produzierenden Gewerbe der Euro-Länder wohl auch im zweiten Quartal rückläufig war. "Die Industrie im Euro-Raum befindet sich in einer Rezession und die Dinge werden wohl noch schlechter", warnt Neville Hill, Euroland-Ökonom bei CreditSuisseFirstBoston (CSFB) in London. Im ersten Vierteljahr hatte die Industrieproduktion gegenüber dem Vorquartal leicht abgenommen.

Vorlaufende Indikatoren wie die Geschäftserwartungen der Unternehmen und die Einkaufsmanagerindizes im Euro-Raum weisen bislang nicht auf eine Aufhellung der Lage in der Industrie hin. In Deutschland, das rund ein Drittel zur Wirtschaftsleistung des Euro-Raums beiträgt, sind die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe im April zum vierten Mal in Folge zurückgegangen. "Von der deutschen Industrie wird im laufenden Jahr kein Konjunkturimpuls ausgehen," urteilt Jörg-Peter Weiß von der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Volkswirte glauben nicht an kurzfristige Zinssenkung

Trotz der zunehmenden Rezessionssignale aus der Industrie gehen Bankvolkswirte mit großer Mehrheit nicht davon aus, dass die EZB bei ihrer morgigen Sitzung den Leitzins von derzeit 4,5 % senken wird. Erst am Vortag hatte Eurostat bekanntgegeben, dass die Inflation im Euro- Raum im Mai ihren höchsten Stand seit Beginn der Währungsunion erreicht hat. Zwar erwarten Ökonomen schon ab diesem Monat eine Trendwende bei der Inflationsentwicklung. Die Notenbanker teilen diese Ansicht jedoch nur bedingt. Insbesondere haben sie sich jüngst besorgt über möglichen Preisdruck von der Lohnseite geäußert. Auch könnten Folgewirkungen des Ölpreisanstiegs aus dem letzten Jahr ihrer Meinung nach den Preisanstieg bei anderen Gütern weiter verstärken.

Unterstützung für die Konjunktur im Euro-Raum - und erneuter Zugzwang für die EZB - könnten vielmehr von der anderen Atlantikseite kommen. Die Bankvolkswirte rechnen damit, dass die US-Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung am 26. Juni die geldpolitischen Zügel erneut lockern wird. Die jüngsten Daten der US-Statistiker haben auch der US-Industrie einen beschleunigten Abschwung bescheinigt.

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