Produktionsverbund verstärkt Übertragungsmechanismen
Deutschland abhängig von US-Konjunkturlokomotive

Seit die USA, Japan und Deutschland gemeinsam in die Rezession geraten sind, versuchen die Wirtschaftsforscher noch intensiver dem Phänomen der internationalen Konjunkturübertragung auf die Spur zu kommen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat jetzt ein Forschungsprojekt zu den neuen Übertragungsmechanismen ausgeschrieben.

Das Augenmerk richtet sich vor allem auf die USA. Die US-Wirtschaft bildet mit einem Anteil von 22 % an der weltweiten Produktion - berechnet nach Kaufkraftparitäten - das Schwergewicht der Weltwirtschaft, dicht folgt ihr die EU.

Obwohl nur gut 9 % der gesamten EU-Exporte in die USA gehen und die EU-Länder den Löwenanteil ihres Außenhandels untereinander abwickeln, ist vor allem Deutschland alles andere als gefeit vor einer konjunkturellen Ansteckung. Eine Nachfrageschwäche in den USA wird durch konjunkturdämpfende Effekte auf Drittlandsmärkte verstärkt. Nach einer Berechnung des französischen INSEE-Instituts führt ein Rückgang der Wachstumsrate des US-amerikanischen Inlandsproduktes um einen Prozentpunkt zu einer Verminderung des Wirtschaftswachstums in Deutschland um 0,21 Prozentpunkte. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute errechneten, dass ein Rückgang der Wachstumsrate des US-Bruttoinlandsprodukts um einen Prozentpunkt die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland im ersten Jahr um 0,1 % und im Folgejahr um 0,4 % schmälern würde.

Eine zunehmende Rolle bei der Konjunkturübertragung spielen die gestiegenen Direktinvestitionen, die Kapital- und Produktionsverflechtungen. Die Umsätze der Tochterfirmen europäischer Unternehmen in den USA betragen inzwischen gut das Fünffache der Warenexporte. Eine Nachfrageschwäche in den USA wirkt sich über geringere Gewinnerwartungen des Gesamtunternehmens negativ auf die wirtschaftlichen Bedingungen in den europäischen Volkswirtschaften aus.

Die Ansteckungseffekte lassen sich am Beispiel Daimler-Chrysler verdeutlichen. Der Automobilkonzern musste auf Grund der hohen Verluste von Chrysler und der Lkw-Tochter Freightliner die Dividende kräftig kürzen und die Gewinnprognose für 2002 stark reduzieren. Dies führte zu einem Einbruch des Daimler-Chrysler-Kurses. Die Schwierigkeiten in den USA strahlen über Investitionsstreckungen, negative Vermögenseffekte für die Aktionäre und Kürzungen der Ergebnisbeteiligung für die Mitarbeiter der deutschen Sparten auf Deutschland aus.

Der Sachverständigenrat sieht den internationalen Konjunkturverbund, der geprägt ist durch die Verflechtungen innerhalb multinationaler Unternehmen sowie zwischen den Finanzmärkten, durch die Synchronisierung der Kursänderungen an den Börsen und durch eine "Globalisierung" der Stimmungen gefestigt. Ohne eine rasche Wachstumsbeschleunigung in den USA würde die deutsche Wirtschaft weit in dieses Jahr hinein in der Rezession verharren oder stagnieren. Übertriebene Hoffnungen, dass ein Zünden des US-Konjunkturmotors auch die deutsche Wirtschaft auf hohe Touren bringt, sollte sich allerdings niemand machen. Die Berechnungen des Sachverständigenrates haben ergeben, dass sich negative konjunkturelle Veränderungen in den USA stärker auf Deutschland übertragen und dauerhafter sind als positive.

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