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Profi-Athleten schon im antiken OlympiaDPA-Datum: 2004-07-21 12:12:09

Hamburg (dpa) - Die Emotionen auf den Rängen kochten hoch, das Stadion im griechischen Olympia brodelte, wenn in der Arena die Faustkämpfer mit ledernen Riemen um die Handgelenke aufeinander einschlugen. Schweiß und Blut flossen von den nackten Leibern. Und mancher Boxer verließ die Stätte nicht lebend. Wer seinen Gegner im Wettkampf tötete, ging straffrei aus, wenn er nicht anderweitig gegen Regeln der Olympischen Spiele verstoßen hatte.

Hamburg (dpa) - Die Emotionen auf den Rängen kochten hoch, das Stadion im griechischen Olympia brodelte, wenn in der Arena die Faustkämpfer mit ledernen Riemen um die Handgelenke aufeinander einschlugen. Schweiß und Blut flossen von den nackten Leibern. Und mancher Boxer verließ die Stätte nicht lebend. Wer seinen Gegner im Wettkampf tötete, ging straffrei aus, wenn er nicht anderweitig gegen Regeln der Olympischen Spiele verstoßen hatte.

Anlässlich der jetzt in Athen bevorstehenden Spiele (13. bis 19. August) wird wieder einmal kritisch bemerkt, die Spiele der Neuzeit seien weitgehend zu Show- und Kommerzevents verkommen. Zeitgenössische Berichte über die mehr als ein Jahrtausend hindurch veranstalteten antiken Vorläufer, die im 4. Jahrhundert endeten, zeigen aber, dass auch damals das Spektakel eine Hauptattraktion war - beim Boxen, Ringen und Allkampf in besonders grober Form.

Auch das Geschäft hatte Konjunktur. Wenn alle vier Jahre im Sommer in Olympia 40 000 bis 60 000 Menschen zusammenströmten, dann war das auch ein «Markt», wie der Römer Marcus Tullius Cicero (1. Jahrhundert v. Chr.) konstatierte. Die einen erstrebten dort «mit trainierten Körpern den Ruhm und die Ehre eines Kranzes», andere wurden «mit Aussicht auf Gewinn und Profit durch Kauf und Verkauf angelockt».

«Kauf und Verkauf» tätigten auch Athleten. Die einen kauften einen Sieg, die anderen verkauften einen, schrieb der griechische Gelehrte und Autor Philostratos (2./3. Jahrhundert n. Chr.). Schon bei den Spielen 388 v. Chr. gab es den ersten Bestechungsfall. Der Faustkämpfer Eupolis aus Thessalien hatte drei seiner Konkurrenten bestochen, um sich den Sieg zu sichern.

Siege waren besonders begehrt, weil sie nicht nur Ruhm brachten, sondern auch materielle und andere Vorteile in den Heimatorten. Ansehen und Lohn waren die Hauptgründe dafür, dass der Sport schon vor 2500 Jahren immer mehr professionell betrieben wurde. In der antiken Literatur findet sich entschiedene Kritik daran, dass die Athleten sich auf ganz spezifische Fähigkeiten ihres Körpers konzentrierten. Im Umfeld des Philosophen Platon (4. Jahrhundert v. Chr.) sah man die Gefahr, dass die Beschäftigung allein mit den Funktionen der Muskeln die geistige Entwicklung hemme.

Anstoß erregte auch die spezielle Ernährung. Ringer und Allkämpfer versprachen sich von großem Körpergewicht Vorteile im Wettkampf. Sportler anderer Disziplinen nahmen ausschließlich eine besondere Kraftnahrung zu sich. Das zwangsläufig egozentrische Leben der Athleten wurde auch als dem Gemeinwohl abträglich empfunden. Die nur auf Sporterfolge fixierten Männer waren meist nicht zu Hause, sondern irgendwo bei den unzähligen Wettkämpfen in der griechischen Welt. «Griechenland kennt viele Übel, am schlimmsten aber ist das Volk der Athleten», sagt eine Figur in Euripides' Theaterstück «Autolykos» (5. Jahrhundert v. Chr.). Die von dem Dramatiker formulierte Schelte gipfelte in der Forderung, die Olympischen Spiele abzuschaffen.

Trotz alledem waren die Wettkämpfer zu allen Zeiten beim Publikum sehr beliebt. In den letzten drei Jahrhunderten erlebten immer mehr erfolgreiche Sportler fast göttliche Verehrung. Kritik kam praktisch nur von Intellektuellen. Allerdings hat Platon, einer der bedeutendsten Denker der griechischen Antike, mit seiner letztlich positiven Einstellung zum Athletentum und damit auch zu Olympia maßgeblich dazu beigetragen, dass die Wettkämpfe dort in der neuzeitlichen Rückbesinnung auf die Antike zu den vorbildlichen Leistungen der griechischen Kultur gezählt wurden.

Insgesamt gesehen hatten die antiken Spiele sehr viel größere Bedeutung als die heutigen. Olympia war auch ein Heiligtum. Es war in seiner Gemeinsamkeit von Spielen, Götterkult und Kunst eine herausragende Manifestation griechischer Kultur. Dieser widmet sich der Archäologe Ulrich Sinn (Universität Würzburg), der dort die Ausgrabungsarbeit einer internationalen Forschergruppe leitet, in seinem aktuellen Buch «Das antike Olympia» (Verlag C.H. Beck).

Unter seinen Erläuterungen zum vielfältigen Leben und Geschehen im Tal des Alpheios findet sich auch eine Erklärung für den heute Verwunderung erregenden Ausschluss verheirateter Frauen von den Zuschauerplätzen des Stadions. Dort, wo es um 700 v. Chr. entstand, hatte sich eine Kultstätte der Göttin Demeter befunden, an der möglicherweise ein Ritual von jungen Mädchen vor ihrer Hochzeit zur Kräftigung ihrer Fruchtbarkeit vollzogen wurde. Das Verbot für die verheirateten Frauen war also vielleicht eine Art Sühne für die Beeinträchtigung der alten Kultausübung durch das Stadion.

Den Spielen lag vom Ursprung her auch das Ideal der «Kalogathia» zu Grunde, der Vorstellung der Gemeinsamekeit körperlicher Schönheit und sittlicher Vollkommenheit. Sie spielte dann auch bei der Wiederbelebung der Spiele am Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Es zeigte sich jedenfalls, dass der Funke der einstigen Faszination Olympia noch nicht erloschen ist.

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