PROFIL: Aufsichtsratsvorsitz der Verlagsgruppe Handelsblatt abgegeben
Pierre Gerckens: Mister Handelsblatt für alle Zeiten

In seiner Karriere hatte er viele Rollen: Erneuerer, Kontrolleur und Sanierer. Mit Mut, analytischem Verstand und dem Gespür für Machbares hat Pierre Gerckens die Verlagsgruppe Handelsblatt zu einem internationalen Medienkonzern geformt.

Das Prädikat "Mr. Handelsblatt" hat sich Dr. Pierre Gerckens für alle Zeiten gesichert. Unter seiner Ägide hat sich die Verlagsgruppe Handelsblatt äußerst dynamisch vergrößert und verbreitert: Der Umsatz entwickelte sich von knapp 30 Millionen Mark im Jahr 1970 auf über 800 Millionen Mark im Jahr 2000. Die Zahl der Printobjekte und Unternehmensbeteiligungen wuchs in vergleichbarem Tempo.

"Mr. Handelsblatt" wirkte als Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsführung, als Herausgeber von "Handelsblatt" und "Wirtschaftswoche" und zuletzt als Vorsitzender des Aufsichtsrates des Düsseldorfer Verlagshauses.

Der 63-jährige Deutsch-Belgier Pierre Gerckens verdiente sich sein wirtschaftswissenschaftliches Studium in Köln durch Brotausfahren und Arbeit am Bau. Die Promotionszeit begann er als Assistent von Prof. Günther Schmölders. Parallel hielt er Ausschau nach einer anspruchsvollen Aufgabe in der freien Wirtschaft. Er landete beim Handelsblatt, um dort - im Range eines Abteilungsdirektors - das Anzeigenauslandsgeschäft aufzubauen. Dazu befähigten ihn nicht zuletzt seine guten Sprachkenntnisse sowie ein längerer US-Aufenthalt, den er Mitte der sechziger Jahre als Auslandsstipendiat absolviert hatte.

Dennoch grenzte es an ein Wunder, dass ihn der Handelsblatt-Altverleger Friedrich Vogel, der meist graphologischen Gutachten mehr vertraute als seiner eigenen Menschenkenntnis, eingestellt hat. Das negative Gutachten irrte in allen Punkten: Wahrscheinlich hatte der Graphologe die Schriftvorlage vertauscht.

Als ich 1970 zum Handelsblatt kam, war Pierre Gerckens bereits wieder auf Jobsuche - nach nur einem Jahr beim Handelsblatt. Er hatte die Hoffnung aufgegeben, in dem Verlag, in dem alle Führungskräfte im achten Jahrzehnt standen, als 30-Jähriger etwas bewirken zu können. Glücklicherweise konnte ich den jungen Kollegen zum Bleiben bewegen. Aus einer harmonischen Zusammenarbeit entstand eine enge Freundschaft.

Gemeinsam mit dem von uns aus Bonn geholten, leider viel zu früh verstorbenen Handelsblatt-Chefredakteur Klaus Bernhardt bildeten Pierre Gerckens und ich eine "Dreierbande", die die Zeitung neu positionierte und ausbaute. Mit Verve verfolgte Gerckens auch die Akquisition der Wirtschaftswoche, die wir 1974 erfolgreich mit dem unvergessenen Diether Stolze aushandelten.

Mit Mut, analytischem Verstand und dem Gespür für (noch) Machbares trieb der Geschäftsführungsvorsitzende den Verlag Anfang der achtziger Jahre in große Herausforderungen. Innerhalb einer Zeitspanne von nur eineinhalb Jahren wurde das HB-Format vergrößert und das Blatt komplett überarbeitet, der Druck- und Vertriebsstandort von Düsseldorf nach Frankfurt verlegt, ein elektronisches Vorstufensystem eingeführt, und alle zerstreuten Unternehmensstandorte wurden in einem zentralen Neubau im Düsseldorfer Bankenviertel zusammengefasst. Allen Unkenrufen zum Trotz blieb jegliches Chaos aus, verlieh jedoch dieser Kraftakt der Handelsblatt-Gruppe ungeheure Schubkraft.

Das neue Handelsblatt-Haus trug und trägt Gerckens? Handschrift. Es vereint unaufdringliche Eleganz mit hohem Nutzwert und großer Flexibilität. Es ist ein Zeichen dafür, dass sein Erbauer auch Architekt statt Verleger hätte werden können, ein Zeichen sicheren Geschmacks, großer Präzision mit Liebe fürs Detail und finanzieller Disziplin.

Einen aufopfernden Freundschaftsdienst erwies mir Pierre Gerckens 1986, als er den bedeutenden Chefsessel in Düsseldorf mit einer einfacheren Geschäftsführerposition beim Südkurier wechselte. Ein Schritt, den Außenstehende nicht nachvollziehen konnten.

Doch Gerckens war genau der erfahrene Zeitungsprofi, den es benötigte, um den soeben mehrheitlich erworbenen und mit zunehmender Schlagseite fahrenden Südkurier- Dampfer zu stabilisieren und wieder aufzurichten. Was ihm und dem noch heute in Konstanz amtierenden Kollegen Helmut Hauser binnen weniger Jahre glänzend gelang.

Diesem Intermezzo folgte die Bestellung Gerckens? zum Mitglied der Geschäftsführung in unserer Stuttgarter Holdinggesellschaft, mit Hauptverantwortlichkeit für die Handelsblatt-Gruppe, Prognos sowie bis zur Erweiterung der Holding-Geschäftsführung im Jahre 1991 für die Regionalzeitungsbeteiligungen.

Daneben engagierte er sich leidenschaftlich für den Auf- und Ausbau unserer internationalen Aktivitäten, insbesondere für den Kauf von Scientific American (bereits 1986) und Macmillan (1995), aber auch für den Erwerb der Mainpost und des Tagesspiegels (beides 1992).

Pierre Gerckens war stets ein loyaler Team-Player, obwohl er klare Hierarchien bevorzugt. Als meist leicht distanzierter Chef mit hoher Arbeitsethik hat er nur begrenztes Verständnis für spielverliebte Kreative, praxisferne Visionäre oder unkonventionelle Schöngeister. Humor im Betrieb ist ihm, dem hart Arbeitenden, suspekt.

Der disziplinierte Workaholic wandelt sich in der Freizeit in einen unbeschwerten Genussmenschen, der sich in mediterraner Stimmung am wohlsten fühlt. Der es liebt, unter Palmen mit einfachem Landwein und einer schweren Zigarre Marke "Kanzler" zu diskutieren, zu träumen oder zu philosophieren. Für solche Mußestunden oder andere Hobbys wie Segeln, Oldtimer-Rallyes oder Golfversuche blieb ihm jedoch - bis vor kurzem - wenig Zeit.

Der Wunsch, dem Privatleben eine höhere Priorität einzuräumen, war aber nur ein Grund für Pierre Gerckens, Verantwortung schon früh schrittweise Jüngeren zu übertragen. Es waren auch die vielen Negativbeispiele von Unternehmern, die den Generationswechsel bis zum Scheitern herauszögerten. Mit 60 wechselte er daher von der Geschäftsführung in den Aufsichtsrat der Holding. Jetzt, mit 63, hat er parallel zu meinem Ausscheiden aus dem Handelsblatt-Aufsichtsrat den Vorsitz in diesem Gremium an Michael Grabner übertragen, das Verlegertalent, das er selbst vor zehn Jahren zu unserer Verlagsgruppe geholt hatte. Gerckens bleibt aber Mitglied des Aufsichtsrats.

Die Balance von Beruf und Freizeit dürfte bei Gerckens dennoch für geraume Zeit zu Gunsten des Berufslebens ausfallen. Da bleiben sein großes Engagement als stellvertretender Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger. Und da ist sein Mitwirken in vielen Aufsichts- und Beiräten in unserer Gruppe: von der Holding angefangen bis Handelsblatt, Prognos, Zeit und Tagesspiegel, um nur die wichtigsten zu nennen. Sein Rat ist in in- und ausländischen Zeitungsverbänden ebenso gefragt wie bei seinen Ex-Kollegen in Düsseldorf und Stuttgart. Unsere Gruppe, die dem heutigen Elder Statesman so viel verdankt, kann weiterhin auf Pierre Gerckens zählen.

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