Profil - Chef der Mannesmannröhren-Werke
Helmut Koch: Der letzte Mannesmann

Er ist Bewahrer und Modernisierer in einer Person. Helmut Koch hält mit einem großen Archiv den Namen Mannesmann lebendig. Gleichzeitig hat er die Mannesmannröhren-Werke fit gemacht. Sie steuern viel zum Gewinn des Eigentümers Salzgitter bei.

"VORSITZENDER DES VORSTANDES DER MANNESMANNRÖHREN-WERKE AG" - in breit gesetzten Versalien hat Helmut Koch sein Amt auf die Visitenkarte drucken lassen. Nichts Besonderes? Doch. "Sehen Sie, das ist wieder die alte Schreibweise", weist der MRW-Chef auf die Neuerung hin.

Die Botschaft ist klar: Weg mit den progressiven Kleinbuchstaben, mit denen sich die zum Telekommunikations-Konzern gewandelte Mannesmann AG die "Anmutung von Modernität und Internationalität" verleihen wollte, wie ein Fachblatt feststellte. Weg auch mit dem Wort "tubes", das draußen vor dem Mülheimer Werksgelände noch auf den Schildern steht. Her dafür mit einer Vergangenheit, in der Mannesmann groß geschrieben wurde, in der "tubes" noch Röhren hießen - und die Koch beim neuen Eigentümer Salzgitter AG wiederbeleben will.

Der Start ist geglückt. Nach schwierigen Jahren läuft das Röhrengeschäft derzeit gut. Die Stahlrohre zum Beispiel für die Öl-Industrie sind weltweit gefragt wie lange nicht. 36 Millionen Euro verdiente MRW in den ersten sechs Monaten dieses Jahres vor Steuern. Das sind immerhin gut 40 Prozent des Gesamtgewinns von Salzgitter, den Konzernchef Wolfgang Leese gestern verkünden konnte. Unter Mannesmann-Regie hatte die Sparte noch Verluste geschrieben.

Koch arbeitete schon 31 Jahre für die Mannesmann AG, als Salzgitter die Röhrenwerke im Mai vergangenen Jahres für einen symbolischen Euro übernahm. Der 60-Jährige mit dem inzwischen ergrauten, stets korrekt gescheitelten Haar wechselte dabei wiederholt zwischen den Hüttenwerken Duisburg-Huckingen und Aufgaben in der Düsseldorfer Unternehmensplanung des Konzerns. 1993 stieg er in den MRW-Vorstand auf, im Juni 1999 übernahm er den Chefposten, und seit Juli dieses Jahres gehört er auch dem Vorstand des Salzgitter-Konzerns an.

Der Mann hängt an der Röhren- und Stahlgeschichte des Konzerns. "Wir waren alle stolz auf unser Unternehmen", sagt er. Also hat er die Tradition zu sich nach Mülheim geholt. In einer ehemaligen Schule hat er das Mannesmann-Archiv untergebracht: 10 000 Regalmeter Akten, 10 000 Filme, mehr als eine Million Fotos und Dias.

Wenn Koch einmal begonnen hat, über Röhrenproduktion zu erzählen, hört er so schnell nicht wieder auf. Dann spricht er etwa über Brammen und das Pilgerschrittverfahren, holt eine Broschüre und erklärt anhand von Fotos, wie welche Röhrenart hergestellt wird und welche Vorteile sie hat. Und wenn er davon schwärmt, wie er vor ein paar Jahren auf zwei alten Anlagen im Stahlwerk im tschechischen Vitkovice die blauen Namen "großer Mannesmann" und "kleiner Mannesmann" entdeckte, dann lächelt er, als träume er von einer Verflossenen.

Aber Koch ist kein reiner Bewahrer. Er war es, der die Röhrenwerke gemeinsam mit seinem damaligen Kollegen Paul Helmut Hay verkleinerte. 55 000 Mitarbeiter hatte MRW bei der Gründung 1970. Heute sind es inklusive Minderheitsbeteiligungen 28 000, offiziell weist das Unternehmen sogar nur gut 4 000 aus.

Er organisierte die Schrumpfkur der siebziger und achtziger Jahre, als wegen Überkapazitäten immer wieder einzelne Werke geschlossen wurden. Doch gleichzeitig sorgte er dafür, dass die verbliebenen Anlagen modern und überlebensfähig waren. Als "eleganten Rückzug" lobt ein Konzernkenner die damalige Strategie. Koch habe die unterschiedlichen Interessen so gut austariert, "dass es keinen Aufstand gab."

Heute sagt Koch, "dass MRW den Namen Mannesmann weiter trägt, ist auch Verpflichtung. Aber wir haben eine neue Heimat, in der das Rohr nicht Auslaufmodell ist, sondern Kerngeschäft." Um die neue Heimat hatte sich der MRW-Chef umgehend gekümmert, nachdem Vodafone Mannesmann im Februar 2000 übernommen hatte. Und er fand eine Lösung, bevor Vodafone-Chef Chris Gent das Geflecht an Mehrheits- und Minderheitsbeteiligungen der Röhrengruppe stückweise verscherbeln konnte. Der neue Herr aus England konnte bekanntlich mit Röhren nichts anfangen - Salzgitter-Chef Wolfgang Leese jedoch schon.

Der Konzern aus Salzgitter hatte sich bislang vor allem auf die Stahlproduktion konzentriert. Der Zukauf bietet Leese jetzt etwas mehr Krisensicherheit in dem stark zyklischen Geschäft mit Röhren und Stahl. Koch drückt es so aus: "Wenn wir es richtig anpacken, können wir schwache Phasen gegenseitig ausgleichen." Aber wohl nur dann, wenn Koch noch eine Zeit lang am Ruder bleibt. "Er ist der einzige, der MRW durchschaut", sagt ein Mitglied der früheren Mannesmann-Führung.

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