Profil
Claudia Baumhöver ist Chefin des Hörverlags

"Die Stimme kann nicht lügen"Verlegerin Baumhöver gelang das scheinbar Unmögliche: Sie macht Gewinne auf dem Markt für Hörbücher. Auch in schlechten Zeiten wächst der Verlag zweistellig.

MÜNCHEN. Wenn in der Branche von "früher" die Rede ist, sind die Zeiten vor Claudia Baumhöver und dem Münchener Hörverlag gemeint. Früher, da waren Hörbücher etwas für "Blinde, Faule und Analphabeten", erinnern sich Literaturkenner. Nur ein Verrückter, so dachten sie damals, könne sich auf diesen aussichtslosen Markt wagen.

Aber Baumhöver, Verlegerin des Hörverlags, wagte die "Verrücktheit". Sie eroberte neue, junge Zielgruppen und erschloss einen Markt, der auch in Krisenzeiten überproportional wächst. Zehn Jahre ist das nun her. Seitdem mutierte die Verlegerin in zahlreichen Zeitungsberichten zur Vorzeige-Powerfrau.

So schleppt die Verlegerin einen Schatten hinter sich her - die Erwartungen der anderen. Sie habe Einzelkämpfer-Qualitäten und Jobs angenommen, die kein Mann haben wollte, glauben Branchenkenner zu wissen. Für Geschichten über Erfolgsfrauen muss sie herhalten: Schaut her, sie behauptet sich tatkräftig in einer herzlosen Männerwelt.

Doch die Verlegerin gibt sich keine Mühe, in die ihr zugedachte Schublade der ellenbogenstarken Karrierefrauen zu passen. An diesem Morgen umschmiegt ihre grazile Gestalt eine edel schimmernde Seidenbluse. Mit einem liebenswürdigen, gewinnenden Lächeln empfängt sie Besucher in ihrem Büro.

Ungewöhnlich groß sind ihre Augen im zarten Gesicht. Ungewöhnlich ihr Werdegang: Die Frau, die selbst in schwierigsten Zeiten Profite erwirtschaftet, ist gelernte Kindergärtnerin und studierte Sozialpädagogin. Die Tochter aus einem "kreuzkatholischen Elternhaus" sollte lernen, was sie auf ihre Rolle als Frau und Mutter vorbereitet. Damals ahnten die Eltern wohl noch nicht, welche Welt sich die älteste ihrer Töchter längst erobert hatte: die der großen Romanciers - "den wunderbaren Graham Green", Franz Werfel und Lion Feuchtwanger.

"Die Literatur hilft, das Leben besser zu verdauen, und macht es manches Mal auch glücklicher", sagt die Verlegerin. Von der Stadt- bis zur Unibibliothek erschloss sie sich eine neue Welt und erinnert sich: "In Westfalen hingen die Wolken damals so niedrig, wie der Horizont war."

Sie schaut aus dem Fenster, atmet tief ein und aus wie ein Stadtmensch, der sich beim Spazierengehen an der frischen Bergluft erfreut. Strahlend blau ist der Münchener Himmel an diesem Tag. "Dieser herrlich barocke Himmel, diese Weite. Das ist der Grund, warum ich hier niemals fortgehen möchte."

Auch ihr Büro in der Lindwurmstraße lässt ihr Raum, ähnelt einer gemütlichen Altbauwohnung: helles Parkett, weiße, hohe Wände, neben Schreibtisch und Bücherregalen eine geschwungene Chaiselongue. "Aber hier strecke ich mich nicht aus. Genusshören gibt es nur zu Hause", sagt die Chefin. Ihre Stimme ist leise, aber höchst wohlklingend, jedes Wort, jede Pause setzt sie bewusst. Gewiss könnte sie auch ihre eigenen Hörbücher sprechen und den literarischen Worten sinnliche Wirkung und Authentizität verleihen. Denn die Stimme, das glaubt die Verlegerin, sei wie ein Mikroskop: "Sie wirkt wie eine Vergrößerung des Charakters und kann nicht lügen." Baumhöver selbst hatte sich 1993 vom Audiobuch überzeugen lassen mit einer Aufnahme von Arthur Schnitzlers "Berta Garlan". "Mir wurde klar, dass das Hörbuch ein großartiges Produkt ist", sagt sie.

Darauf, dass die akustische Dimension der Literatur außer ihr auch andere Menschen schätzen, vertraute die Verlegerin bei ihrem "größten Scoop". So bezeichnet es zumindest Autor Raoul Schrott, der schon öfter mit ihr zusammenarbeitete. Es geht um die "Spoken Arts Treasury", die Baumhöver herausgab: Kaum vorstellbare 893 Minuten lesen bedeutende amerikanische Poeten ihre eigenen Gedichte vor. Hätte man diese brave Betonung John Updike zugetraut, Sylvia Plath das leicht Arrogante?

"Spricht ein Schauspieler Literatur, kann man über Zwischentöne streiten", urteilte "Die Zeit". "Spricht der Autor, geraten Welten aus Papier ins Wanken." Die limitierte Hörbuch-Auflage, von der selbst Autor Schrott nicht zu hoffen wagte, dass sich die schwere Kost an den Hörer bringen ließe, verkaufte sich gut. Baumhöver hatte das richtige Gespür bewiesen, hatte es einfach riskiert. "Die Mischkalkulation muss stimmen", sagt die Verlegerin. 20 Prozent der Hörbücher werden wie "Harry Potter" oder "Die Buddenbrooks" zu Verkaufsschlagern. Sie sichern die Produktion der restlichen 80 %. Sonst üblich im Buchhandel ist eine schlechtere Quote: 10 zu 90 %.

Die Zahlen des Hörverlags stimmen. So kann es sich die Chefin leisten zuzugeben, dass sie sich für die Mechanik von Firmen weniger interessiert. "Das beherrsche ich", sagt sie selbstbewusst. Dennoch würde sie die gleiche Leidenschaft wie für Literatur niemals für Sauerkraut oder Schuhcreme aufbringen können. Es geht ihr nicht nur um Zahlen, sondern darum, "Kultur zu sichern". Fast ein wenig erschrocken, macht die redegewandte Verlegerin eine Pause, sucht nach dem richtigen Wort. Zu gewichtig für ihre Arbeit erscheint ihr das Wort "Kultursicherung". Aber ein weniger bedeutungsschwerer Begriff findet sich nicht.

Selten sieht man Baumhöver in der Verlegenheit, nach dem richtigen Wort zu suchen, wenn sie enthusiastisch ihr Anliegen in Vorträgen und in Diskussionen vertritt. Auch "zum Klinkenputzen" sei sie sich nicht zu schade, sagt Autor Schrott. Erst etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung wissen, was ein Hörbuch ist. Das verspricht Wachstumspotenzial.

Von ihrem Kommunikationstalent schwärmt auch Verleger- und Aufsichtsratskollege Klaus G. Saur. Er schlug sie für das Kontrollgremium des Bibliographischen Instituts & F.A. Brockhaus AG vor. Aber Andreas und Florian Langenscheidt zögerten zunächst: Nach 200 Jahren erstmals eine Frau im Aufsichtsrat des Traditionshauses?

Dann erlebten sie die Verlegerin live: Wie sie dem Münchener Oberbürgermeister ganz nebenbei das Thema Urheberrecht nahe brachte und ihn auf ihre Seite zog. Baumhöver erhielt den Platz im Aufsichtsrat.

Simone Wermelskirchen
Simone Wermelskirchen
Handelsblatt / Redakteurin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%